Rauhnacht auf den Winzerer Höhen
Ein Mysterienspiel in Form eines Prozessionstheaters, aufgeführt von der Kultur- & Theatercompanie „Regensburger Doana-Gsindl“, unterstützt von den „Pfaffenfanger Böllerschützen“, den „Wolfsgrom-Deifln“ und den „Firedragons“, Mengkofen.
Vieles wird über Rauhnächte wiedergegeben, vieles wird hinein geheimnist. Da streiten sie sich über Herkunft, bemühen den viel strapazierten Begriff „Heidentum“ und beziehen sich auf Quellen von Quellen, deren Herkunft im Dunkel entschwindet.
Feststeht, dass von Anbeginn des Menschseins ein Verlangen existiert, Orientierungsmarken zu erstellen. Das betrifft auch die Zeit – und da, wo sich das Jahr erneuert, da, wo sich die Tage wieder verlängern, neigt man dazu, das Alte abzustreifen. Was an Schrecken sich ansammelte wird abgelegt, um dem Neuen, dem, hoffentlich Besserem, Platz zu machen. Rauhnächte nehmen diesen Platz ein, erfüllen in einer gesellschaftlichen Struktur die Aufgabe, Momente festzulegen, in denen der Mensch nicht fremd ist im eigenen Raum. Was wundert’s, wenn derlei Spiele in allen Kulturen, über alle Zeiten zu finden sind. Dazu gehört auch, sich selbst zu entfremden – sich hinter der Maske zu verbergen.
Sich das Gesicht mit einer Maske (arab. maschera : „Possenreißerei") zu verhüllen, ist eine Kulturhandlung, die es von der Ur- und Frühgeschichte an bis zum heutigen Tag überall auf der Welt gab und gibt. Ihr Ursprung liegt im Begreifen des ICH in seiner Umgebung, bevor er diese Umgebung zu benennen vermag, d.h. mit Begriffen versieht. An dieser Schnittstelle gewinnt das Dämonische, das Reich von Geistern, das Zwielichtige Gestalt und Gewalt. Das Hineinschlüpfen in diese Wesenheiten kostet den Menschen Überwindung, aber es verleiht ihm Macht über das Unbegreifliche, kann es damit überwinden oder damit umgehen. So ernst dies war, so sehr ist darin eine spielerische Note als eine anthropologische Grundkonstante enthalten. Denn der hinter der Maske verborgene Mensch konnte und musste stets mitgedacht werden, immer war er präsent, wenn die Verwendung der Maske auch spirituellen Handlungen vorbehalten war, die sich etwa in rituellen Tänzen vollzogen. Doch ist die Idee, sich mittels einer Maske als ein anderes Wesen, als ein anderer Mensch auszugeben von einer derart eminenten kulturhistorischen Bedeutung, dass wir darin eine Urverhaltensform des „homo ludens" erblicken dürfen, wie wir sie heute im kindlichen Spiel noch beobachten können. Und natürlich nimmt von hier der Gedanke des Theater-„Spielens" seinen Ausgang. Bis heute, da wir nicht mehr (oder mindestens weit weniger) an Geister und Dämonen glauben, „funktioniert" dieser erstaunliche Effekt, den Masken bewirken. Die Masken haben etwas so Unabweisliches, Unwiderstehliches, dass wir bei der direkten Begegnung in eine emotionale Verwirrung geraten, die zwischen Heiterkeit und Schaudern, wenn nicht gar offener Angst pendelt; und dies trotz des Wissens, dass hinter den Masken ganz gewiss hochanständige Menschen stecken. Die Maske ist ein Gegenstand, der uns, über alle zivilisatorischen und kulturellen Entwicklungen hinweg, klar macht, dass wir eng verwandt sind mit unseren Gattungsgenossen der Urgeschichte ...
Natürlich entwickelten sich im Laufe von Jahrhunderten gewisse Typisierungen des Dämonischen – das tut es bis heute, natürlich ist man versucht, wenn schon Vergangenes abgestriffen werden soll, gleichzeitig Zukünftiges zu erschauen. In Zeiten von Dogmatisierungen bestand darin immer die Gefahr, urmenschliches für die eigenen Interessen aufzubereiten, umzuformen oder Einhalt zu gebieten.
Letztendlich jedoch, erfährt der Mensch im Umgang mit sich selbst, über den Weg des Mummenschanzes ein Mehr über seine eigene Struktur. Davon leben heute ganze Heere von Psychologen, Werbefachleuten und Finanzmaklern. Dämonisches gebiert sich selbst immer wieder im neuen Gewand. Heute, verklärt als Finanzjongleur mit Börsenbulle als „Wappentier“, wobei sich rasch heraus kristallisiert: „das kann ja nur ein Minotaurus sein“.
Es liegt in der Natur der Sache: Rauhnacht ist ein Spiel, ein Gaudium, das, über den kurzzeitigen Schrecken, der Fröhlichkeit den Platz einräumt.
(Quelle Veranstalter)
16.01.09 - online redaktion
