Wunderschöne Jazzstandards
Gunther Conrad, der Leiter des Music College, formulierte es in einem Interview mit dem Kulturjournal Regensburg einmal so: „Jazzstandards spielen ist wie über das Wetter reden. Das Thema ist bekannt, die Unterhaltungen variieren aber ständig – je nach Zusammensetzung der Gesprächsrunde gibt es unzählige Möglichkeiten.“ Es gehört wohl zu den herausragendsten Phänomenen des Jazz, dass die Titel des Great American Songbook immer und immer wieder gespielt werden können, ohne dass es dem Zuhörer und selbst den Akteuren langweilig wird. Insbesondere wenn solche Hochkaräter wie die Mitglieder des Camilla Brecka Quartetts auf der Bühne stehen. Vom ersten Ton der ersten Nummer war sie da, diese Selbstverständlichkeit, diese Coolness, diese Lockerheit und dieser Drive, der Standards immer wieder hörenswert macht.
Zweifelsohne war Adam Tvrdy mit seiner Gitarre der Star des Abends. Selten hat man solche Souveränität auf sechs Saiten gesehen. Der in Prag lebende und an der International School of Music and Fine Arts lehrende Tvrdy ist ein wahrer Geschichtenerzähler. In seinen Soli führt er die Themen mit solcher Leichtigkeit und Raffinesse fort, gibt ihnen neue Wendungen und sogar Inhalte, hält aber stets den Kontakt zum Stück, so dass der Spannungsfaden nie reißt. Nach diesen teils virtuosen, teils melodischen Höhenflügen reiht er sich wieder ganz bescheiden in die Rhythmusgruppe ein, um dort nicht weniger engagiert und einfühlsam seinen Dienst zu tun. Michael „Scotty“ Gottwald gehört zum Urgestein der Regensburger Jazzszene, ist in vielen Formationen und auf vielen CDs zu hören, gibt seine Erfahrung an zwei Regensburger Musikschulen weiter und bedient Besen, Schlegl, Stöcke und Fußmaschinen mit geradezu stoischer Gelassenheit. Becken und Kessel werden unter seinen Händen zu wahren Wundertüten.
Camilla Brecka hat in ihrem Quartett noch eine verlässliche Größe: Martin Thalhammer, der schon für Hans Söllner und Georg Ringsgwandl den Bass gezupft hat und der sowohl am E- wie auch am Kontrabass zu Hause und in den Sparten Pop und Jazz bewandert ist. Der Landshuter Thalhammer liefert ein wohlklingendes und mit reichlich Drive ausgestattetes Fundament, aus dem sparsam dosierte Soli herausragen. Die Namensgeberin für das Quartett ist in mehreren Funktionen tätig. Als Pianistin, Sängerin, Moderatorin und als Arrangeurin. Und genau das könnte das Problem sein! Es stellt sich nämlich die Frage, ob sie ihrer Rolle als Leaderin schon gewachsen ist. Ob sie nicht als Mitglied einer Formation, wie beispielsweise im Frantisek Uhlir Team, ihre Talente besser zum Einsatz bringen kann. Camilla Brecka überzeugt nämlich dann am meisten, wenn sie sich auf eines konzentrieren kann. Entweder den Gesang – wie sie es bei der Zugabe bewies – oder am Piano, wenn sie ihre wunderschönen Intros spielt oder sich als Teil der Rhythmusgruppe begreift.
Camilla Brecka war nun zum dritten Mal im Raven, konnte das Publikum begeistern und den Musikklub in der Rosengasse füllen. Um ihre Fangemeinde zu vergrößern und um ihren Platz neben den sie umgebenden Größen und Routiniers behaupten zu können, muss sie ihre Energie künftig gezielt einsetzen: Will sie mit ihrer Stimme oder am Piano reüssieren? Zu beidem hat sie Talent! Das zeigte sie am Samstagabend eindrücklich, nicht zuletzt, wenn sie Stücke ihres „Lieblings-Composers“ Miles Davis spielte.
11.04.10 - michael kroll
