Wintergarten wird zum Hexenkessel
Da ist den Betreibern des Wintergartens ein echter Coup gelungen: Das einzige Konzert der angesagten YoungBlood Brass Band in Deutschland fand in Landshut statt. Der Club war voll und die Gäste kamen sogar aus Österreich und Köln angereist um die neun nordamerikanischen Ausnahmemusiker zu erleben. Erleben, nicht hören, denn ihre Auftritte sind keine lustigen Partys sondern nach eigenem Bekunden „a civil disturbance with raised fists, plenty of sweat, a little blood and a lot of purpose“. Gegen YoungBlood nehmen sich alle Balkan- oder Mundart Brass Bands wie Sängerknaben aus, denn hier wird das Tor zur Unterwelt aufgestoßen, hier hat man es mit dionysischer, nicht mit apollinischer Kunst zu tun.

Drei Perkussionisten, wobei einer zusätzlich das Mikrofon bedient, zwei Posaunen, zwei Trompeten, ein Saxofon und ein phänomenales Sousafon sorgen für ein druckvolles Klanggebilde, das seinesgleichen sucht. Wollte der Komponist und Instrumentenerfinder John Philip Sousa mit der Ursprungsform seiner Basstuba noch die Schallausrichtung auf die Zuhörer vermeiden, so ist dies bei der YoungBlood Brass Band zum Prinzip erhoben: Schall- und Energiewellen ergießen sich direkt ins Publikum, das diesen entgegen zur Bühne strebt. Die Menge wird erfasst vom durchwummernden Bass und den schneidenden Blässern und getrieben von einem zum Teil martialisch wirkenden Schlagwerk. Doch die Brass-Musiker sind nicht nur laut und mitreißend, sie können auch leise und sie können über all dem Klanginferno wohl platzierte und gut ausformulierte Soli spielen.
Die Energie der Straße, die Energie des Hip-Hop fließt in einfache Melodien die komplex inszeniert sind und auf höchstem musikalischem Niveau intoniert werden. Die Musiker geben alles in ihrem eineinhalb-stündigen Konzert und so werden Handtücher und Wasserflaschen zur zweit wichtigsten Ausrüstung auf der Bühne. Schwindel erregende Bläser-Stakkati schwingen sich über chthonisch wirkenden Rhythmen auf. Mal scheinen alle Blasinstrumente gegeneinander zu spielen, mal ziehen sie mit voller Wucht in gleicher Richtung. Mal steht der Rap und mal das Trommelfeuerwerk im Vordergrund, doch die Grundhaltung der Band ist stets die gleiche: „We do what we must“.
Im Jahr 2000 veröffentlichte die Formation ihr erstes Album, „Unlearn“ und seit acht Jahren tourt YoungBlood durch Europa und die Vereinigten Staaten um ihre entfesselte Musik dem Rest der Welt näher zu bringen. Das aktuelle – fünfte – Album „Is That A Riot?“ konnte in den eigenen Layered-Studios aufgenommen werden. Mit dem „Layered Arts Collective“ wird der Ansatz einer unabhängigen Künstler-Community verfolgt: Musiker, Designer, Pädagogen und Künstler kommen hier zusammen. Bands wie „Cougar“, „The Inbetweens“ und „Scrambler Seequill“ sind hier zu finden. Die YoungBlood Brass Band gibt somit selbst die Antwort auf die, als CD-Titel dienende Frage: Es ist kein Aufruhr, es ist Unabhängigkeit. Es geht darum, Restriktionen – sowohl im gesellschaftlichen wie im musikalischen Sinne – zu überwinden.
Mehr Infos [>] www.youngbloodbrassband.com
und www.layered.org
9.06.10 - michael kroll
