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Weltmusik im Wohnzimmer

Richard Galliano, der gerade auf der Jazzwoche Burghausen mit seinem Quartett „Tangaria“ begeisterte, beschreibt die Faszination dieser Besetzung so: „Die Verbindung Akkordeon und Geige schlägt den Bogen zur südosteuropäischen Musik – die Verbindung Akkordeon und Percussion zur lateinamerikanischen. Mit dieser Formation kannst du alles spielen: konzertant und Straßenmusik, in der Carnegie Hall und in der U-Bahn auf dem Weg dorthin.“ Andima, mit ihrem Überraschungsgast Wolfgang Lohmeier, schlugen ähnlich weite weltmusikalische Bögen und sie holten sie in das „Wohnzimmer“ des Asam Hotels in Straubing.

Ein voll besetzter Quirin-Saal lauschte dem ungewöhnlichen Duo aus Geige und Akkordeon, Andima, das als Akronym für die Liäson der Musiker Martina Eisenreich und Andreas Hinterseher steht. Die beiden waren vom ersten Ton an präsent, Wien und Paris schienen zu verschmelzen, das Publikum applaudierte begeistert. Und schon beim zweiten Titel, einem Tango von Astor Piazolla, dem argentinischen Galliano, fragte man sich, ob es wohl noch weitere Steigerungen im Laufe des Programms geben konnte. Und die gab es! Schon das Vorspiel zu „La Cumparsita“ war ein solcher, denn er zeigt in welchem Spannungsfeld Martina Eisenreich und Andreas Hinterseher agieren: Von quasi homöopathischen Flageoletttönen über seelenergreifende Melodielinien, bis zu energisch wilden Staccati; von musikalischen Sturzbächen bis zu Quietsch- und Knarzlauten reicht das Spektrum.

Tango, Musette, Klezmer, Bachchoräle, Zigeunerjazziges und Orientalisches erfüllte das ehemalige Offizierskasino in Straubing. Mal erschütternd ernst, wie bei dem Filmthema aus „Schindlers Liste“, bei dem man das Anfahren der grausamen Züge heraushören kann, bis zu überschwänglich fröhlichen Hochzeitsliedern spannt sich das neue Programm, das in weiten Teilen auch auf der aktuellen CD „Andima“ zu hören ist. Allerdings schon wegen der überraschenden Unterstützung von Wolfgang Lohmeier am „großen internationalen Reiseschlagwerk“ nicht in der dargebotenen Form. Der Schlagzeuger und Perkussionist kommt mit einem scheinbar selbst entwickelten Instrumentarium und „allerlei Klimbim“ bei einigen Stücken zum Einsatz: er brilliert wuchtig bei der „bulgarischen Goaßbock-Musi“, lautmalt zartfühlend beim Lied des kleinen Fischerjungen und illustriert die Dromedare bei einem tunesischen Reiselied, bei dem Andreas Hinterseher den Platz am Piano einnimmt und die Reise auch räumlich wahrnehmbar macht.

Martina Eisenreich komponiert Filmmusik und ist mit ihren Formationen „Lauschgold“ und „Wundergeige“ bekannt. Andreas Hinterseher kennt man von „Tango Nuevo“. Auf der Bühne brauchen die beiden keine Noten, mit geschlossenen Augen sind sie in ihre Musik versunken und verstehen sich traumwandlerisch. „Die Musik entsteht während des Auftritts, wir wissen nie wo das hinführt“, so die Geigerin und Dozentin für Filmmusik. Bei soviel Intuition spielt auch das Publikum eine große Rolle, die Musiker müssen sich auf das einstellen, was aus dem Saal zurückkommt und spüren wie weit sich die Mitreisenden ins Unbekannte vorwagen können. Beim Straubinger Auftritt trug die Atmosphäre weit! Was nicht zuletzt daran lag, dass bei allem Tiefgang und aller Emotion bei den Musikern eine sympathische Portion Humor mitschwingt, die auch bei Pannen wie Beinbruch, reißenden Saiten und herunterfallenden Strohgeigen-Trichtern nicht verloren geht. Ein gelungener Auftritt (wenn auch nur mit rechts), den das Publikum nach zwei Zugaben mit viel Applaus gewürdigte. Beifall, der mit „Danke für dieses wunderbare Geräusch“ auf der Bühne gern entgegen genommen wurde.

 

18.03.10 - michael kroll

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