Und die Piazza lauscht
So viel Zuhörer hatten sich noch nie zu einem Auftakt-Konzert auf der Piazza im Gewerbepark eingefunden, das bestätigte auch Sylke Merbold vom Organisationsteam. Zum einen verführte wohl das herrliche Sommerwetter zu einem Besuch am vorgezogenen Jazzweekend-Abend, zum anderen hatte die Saxofonistin Grace Kelly in allen Regensburger Medien reichlich Vorschusslorbeeren erhalten. Doch, so stellte sich nach den ersten Titeln bereits heraus, waren diese mehr als gerechtfertigt.

Das amerikanische „Wunderkind“ – ein Begriff, der sich nicht ins Englische übersetzen lässt – übertraf alle Erwartungen. Und das nicht nur, weil sie für ihr Renommee sensationell jung ist oder weil sie durch ihre attraktive Erscheinung ein anziehendes Bühnenbild liefert. Nein! Allein ihre musikalischen Qualitäten dürften die Presse nach diesem Auftritt zum Jubeln bringen.
Grace Kelly, gerade mal 18 Jahre alt, singt, komponiert, arrangiert, hat bereits fünf Tonträger eingespielt – und sie spielt Saxofon. Und egal ob Alt- oder das selten zu sehende, gebogene Sopransaxofon, sie spielt großartig! Das bescheinigen ihr auch zwei Jazz-Größen mit denen sie erst kürzlich im Studio war. Wynton Marsalis, der es als 1980er-Idol des „New Jazz Age“ auf den Titel des Time-Magazines geschafft hatte: „Grace Kelly plays with intelligence, wit and feeling. She has a great amount of natural ability and the ability to adapt. That is the hallmark of a first-class jazz musician.“ Und Phil Woods meinte gar auf die Frage, woher denn ein neuer „Bird“ (Charlie Parker) kommen könnte: „Maybe Grace Kelly is the one. You just never know.“
Grace Kelly hat koreanische Eltern und lebt in Brookline, USA. Mit sechs Jahren begann ihre musikalische Ausbildung am Piano. Als sie Stan Getz hört interessiert sie sich für das Saxofon. Früh erhält sie ein Stipendium für das renommierte Berklee College of Music. Mit 14 Jahren studiert Grace Saxofon bei Lee Konitz. Dass die künstlerische Leitung um Richard Wiedamann das Quintett nach Regensburg holen konnte war ein großes Glück. Die Zuhörer waren Zeugen, wie Grace Kelly zusammen mit Jason Palmer (Trompete), Doug Johnson (Piano), Evan Gregor (Bass) und Ferenc Nemeth (Drums) einen neuen „Spirit“ in den Jazz bringt. Es liegt irgendetwas Unbeschreibliches in ihrer Musik und dem Zusammenspiel mit ihrer exzellenten Tourband. Das „große Ganze“, eine Art ursprünglicher Einheit scheint durch die Musik hindurch. Das Quintett ist intuitiv aufeinander eingestimmt. Die Freude am Spiel, am Solo der anderen wird immer wieder sichtbar. Die Kommunikation funktioniert auch wenn sie nur zu zweit oder zu dritt auf der Bühne stehen. Vielleicht lässt sich dieses Faszinierende am besten mit Jon Coltrane beschreiben: „The main thing a musician would like to do is to give a picture to the listener of the many wonderful things he knows of and senses in the universe.“
Grace Kelly verbindet in ihrem Programm Standards wie Ellingtons „Caravan“ oder Gene de Pauls „I’ll Remember April“, sie singt Titel wie „Straighten-up and Fly Right“ und brilliert in Eigenkompositionen wie „101“, „Searching for Peace“ oder „Tender Madness“. Der Auftritt ist bestimmt durch einen feinen Sound der sparsam notiert ist. Am Schlagzeug sitzt der Ungar Ferenc Nemeth, der ein überragendes Rhythmusgefühl hat. Am Piano begeistert Doug Johnson, der leider auf der Piazza nicht immer ganz durchdringt. Der Bassist Evan Gregor überzeugt völlig – nicht nur in der großartig, im Duett interpretierten Thelonius-Monk-Nummer. Und immer wieder spielt sich der fantastische Trompeter Jason Palmer in die Herzen der Zuhörer. Das Grace Kelly Quintett wird vom Publikum daher auch als Ganzes gefeiert. Vor der Bühne drängen sich die Hobbyfotografen, daneben werden von Grace’ Eltern CDs angeboten. Es geht erstaunlich unspektakulär zu an diesem sensationellen Vorabend zum 29sten Jazzweekend, das die Stadt noch bis Sonntag in eine Metropole der Blue Notes verwandeln wird.
www.bayerisches-jazzweekend.de
9.07.10 - michael kroll
Danke für die Rückmeldung – auch für uns war das ein verzauberter Abend. Erste Bildimpressionen haben wir in der Nacht Online gestellt…direkt bei den Bands.
Sylke Merbold
