Und der Bologna-Express rollt weiter
Der Bologna-Express rollt weiter, er konnte auch in Regensburg nicht aufgehalten werden. Staatsminister Dr. Wolfgang Heubisch stellte sich zwar den Fragen der kritischen Studenten, doch bei aller Beteuerung, er sei mit seiner Position nicht zu weit von ihnen weg, wurde klar: in wichtigen Punkten bleibt Dissens. Der Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst steht zu den Studiengebühren, den Hochschulräten und ist gegen eine Verfasste Studierendenschaft!
„Dieser Hörsaal ist besetzt“, das galt für den H2 an der Regensburger Uni am 4. Dezember gleich in zweierlei Hinsicht: Alle Plätze belegt, die Galerie voll, in den Gängen war kein Durchkommen, im Eingang stauten sich die Zuhörer, die Veranstaltung musste per Bildschirm ins Foyer und per Live-Stream ins Internet übertragen werden. Freilich kann man von Veranstaltungen, bei denen Studenten fragen und Politiker antworten nicht allzu viel erwarten; doch wer genau hinhörte, dem wurden Positionen klar und das ganze Ausmaß des bildungspolitischen Desasters, das zunächst im Sommer und nun wieder zu Studentenprotesten führt.
Es ist sicher falsch, in Wolfgang Heubisch, der selbst 22 Semester – erst Betriebswirtschaftslehre und dann Zahnmedizin – studierte, den Bock zum Gärtner gemacht zu sehen. Dass sich der Zahnarzt und FDP-Politiker für Wissenschaft und Forschung wie auch für Kunst und Kultur stark macht ist unbestreitbar. Lobenswert ist auch die Haltung der Liberalen, mehr in Bildung investieren und hiermit schon im Vorschulalter beginnen zu wollen. Doch darf dies nicht über Grundsätzliches und den Schlingerkurs, der für die Bildung Verantwortlichen hinwegtäuschen.
Die Universität ist keine Fahrschule in der man in möglichst kurzer Zeit seine driver license erwirbt, um dann möglichst lange hohe Renditen für seinen Boss als Busfahrer oder Trucker einzufahren. Die Hochschulen sind keine reinen Berufsausbildungsstätten, Forschung und Lehre können nicht dem Diktat der Wirtschaftlichkeit und des Wettbewerbs unterworfen werden, Bildung ist ein Wert an sich! Die Freiheit von Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre ist grundgesetzlich nach Artikel fünf verbrieft. Im krassen Gegensatz dazu steht der sogenannte Bologna-Prozess, der laut Staatsminister Heubisch, von Einzelnen initiiert, dann in die EU-Gesetzgebung übernommen, sich nun vollständig verselbstständigt hat – ihm fehlt die demokratische Legitimation.
Völlig unverständlich ist, warum das Jahrzehnte lang funktionierende System von Universitäten und Fachhochschulen aufgegeben wurde, die Trennung zwischen einem wissenschaftlich- und einem praxisorientierten Bildungsweg. Es ist doch völlig abwegig ein Studium der Theologie, der Philosophie oder auch der Politologie mit Studiengängen wie Wirtschaftsinformatik, Elektrotechnik oder Betriebswirtschaftslehre über einen Kamm scheren, auf acht bzw. zehn Semester beschränken zu wollen und mit Stundenplänen, Prüfungen, Anwesenheitspflicht und credit points komplett zu verschulen. Es kann auch nicht im Interesse „der Wirtschaft“ sein, sich mit Bewerbern konfrontiert zu sehen, die nach drei Jahren Studium weder selbstständig Arbeiten noch eigenständig Denken können, die weder Zeit zur Reifung noch zur Entfaltung ihres Potentials gehabt haben.
Was meinte dann Dr. Heubisch, wenn er auf den Vorwurf der Ökonomisierung der Hochschulen den internationalen Wettbewerb anführte? Mit was oder wem und vor allem wie konkurriert das deutsche Bildungssystem mit dem anderer Länder? Und welchen Beitrag soll der Prozess von Bologna dabei liefern, dass Deutschland oder die 27 EU-Staaten diesen Wettlauf gewinnen? Ein Prozess, der sich selbst konterkariert? Angetreten mit Verheißungen wie Vereinheitlichung, Standardisierung, Flexibilität und EU-weiter Anerkennung ist mittlerweile schon der Wechsel an deutschen Hochschulen erschwert, werden Semester im Ausland nicht anerkannt, sind Stundenpläne nicht mehr kompatibel. Und es wird noch schlimmer! Was Heubisch als Entgegenkommen pries könnte die Situation noch verschärfen: Bayerische Hochschulen, so der Minister, könnten die Längen von Bachelor- und Mastergängen selbst festlegen, ja sogar an einer Hochschule könnten die einzelnen Fakultäten über 6+4, 7+3, oder 8+2-Modelle selbstständig befinden. Von dem Ziel, ein einheitliches europäisches Hochschulwesen aufzubauen, kann da wahrlich nicht mehr gesprochen werden.
Den Vorwurf der Ökonomisierung des Hochschulbetriebes wollte Staatsminister Heubisch nicht gelten lassen; zu gering sei der Einfluss der Wirtschaft hier. Der Anteil an finanziellen Mitteln und die Einrichtung von Stiftungslehrstühlen sei keine Gefahr, dass hier ökonomische Interessen überhand nehmen könnten. Doch auch wenn man dieses Argument gelten ließe, so beginnt doch die Einflussnahme weit vorher. Das ist schon daran zu Erkennen, dass Begriffe wie Effizienz, Wettbewerb und Wirtschaftlichkeit in einem Atemzug mit Bildungspolitik genannt werden. Der Einfluss wird deutlich sichtbar, wenn Hörsäle nach Unternehmen benannt und Vorlesungen für Werbezwecke unterbrochen werden. Völlig im Verborgenen, d.h. abseits jeder demokratischen Legitimation laufen die Einflüsterungen der think tanks – Stichwort Bertelsmann und CHE. Das Centrum für Hochschulentwicklung versteht sich als Reformwerkstatt für das Hochschulwesen und betreibt unter dem Deckmantel der Gemeinnützigkeit eine neoliberale Hochschulreform. Von solcherlei Gefahren war allerdings im H2 in Regensburg nicht die Rede. Kritisiert wurde hingegen, die beratende Mitgliedschaft des Arbeitgeberverbandes „BusinessEurope“ beim Bologna-Prozess.
Neben der Abschaffung der Studiengebühren und dem Gegensteuern bei der Ökonomisierung wurde die Redemokratisierung des Hochschulwesens eingefordert. Im Fokus stand hierbei die Besetzung der Hochschulräte: lediglich ein Student ist in diesem Gremium, das über weitreichende Kompetenzen verfügt. Ob bei Präsidenten- und Rektorenwahl oder beim Angebot von Studiengängen, zu viel Einfluss sei universitätsfremden Mitgliedern eingeräumt. Schon 1997 wurde im Zuge der geplanten Hochschulreform die Einführung der Hochschulräte durch den damaligen Präsidenten der Uni Würzburg, Dr. Theodor Berchem, als „Entprofessionalisierung der Hochschulleitung“ bezeichnet. Hochschulräte, die nach dem Modell von Aufsichtsräten für Aktiengesellschaften angelegt sind, waren eine Forderung des CHE, und bedrohen nach Auffassung vieler Experten die universitäre Selbstverwaltung. Folgerichtig forderten die Studenten das Recht auf Mitbestimmung statt bloßer Mitsprache. Staatsminister Heubisch meinte hier für Nachbesserung sorgen zu wollen und einen Studierendenvertreter mehr in das Gremium zu bringen. Grundsätzlich bekannte er sich jedoch zum Hochschulrat, da dieser „Gesetz“ sei. Das Plenum der besetzten Uni fordert hingegen seine Abschaffung.
Ein deutliche Abfuhr des Ministers war auch beim Thema „Verfasste Studierendenschaft“ zu hören: als Liberaler könne er nicht für Zwangsmitgliedschaft von Studenten in einer Organisation sein. Wenn dies ein ernst zu nehmendes Argument sein soll, müsste sich die FDP auch gegen die zwangsweise Mitgliedschaft von Gewerbetreibenden bei den Industrie- und Handelskammern und gegen die Verpflichtung von Juristen oder Architekten zu ihren Berufskammern aussprechen. Alle Bundesländer mit Ausnahme Bayerns und Baden-Würtenbergs haben eine gesetzlich abgesicherte Studierendenvertretung mit Finanzhoheit.
75 Minuten hatte sich Dr. Wolfgang Heubisch Zeit genommen um sich den Fragen der Hochschulbesetzer zu stellen. Nimmt er die Kritik, die ihm schon in München und Würzburg entgegengebracht wurde ernst, so hat sein Ministerium in nächster Zeit viel zu tun. Die Freiheit von Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre ist immer wieder aufs Neue zu verteidigen. Reformen im Sinne von „Verbesserung des Bestehenden“ erfordern einen aufrichtigen Dialog mit den Betroffenen. Wer Bildung sagt, aber in Wirklichkeit die Reproduktion von antrainierten Mustern meint, hat sich für diese Arbeit bereits disqualifiziert. Gerade die Universität Regensburg hat sich in den letzten Jahren einen hervorragenden Ruf mit ihrem kulturellen Angeboten für Studierende erworben. Theatergruppen und Orchester sind Ausdruck eines umfassenden Bildungsbegriffs, stehen für Engagement, für Disziplin, Teamarbeit, Kreativität und Innovation. Bildung ist die Grundvoraussetzung für Urteils- und Kritikfähigkeit – und wo, wenn nicht an den Hochschulen, sollten diese Fähigkeiten kultiviert werden?
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(Text und Fotos: Kroll)
5.12.09 - online redaktion
