Tough Men
Für dieses Konzert gilt: Wer nicht dabei war, hatte was verpasst. Nicht nur wegen des hervorragenden Spiels von Peter Massink & Truc de Kezzek wegen, sondern weil dieser Abend noch aus einem anderen Grund einmalig war. Es war diese Stimmung, das Geben und Nehmen von Musikern und Publikum. Zu Beginn entschuldigte sich der Saxofon und Querflöte spielende Niederländer Massink fast bei den zahlreich erschienenen Zuhörern: „Erschrecken Sie nicht, das ist auf der 12-Ton-Musik aufgebaut.“ Und er sprach ihnen quasi Mut zu, als er anfügte „Das geht alle Mal noch“.
Atonale Musik, da hat der ruhige und überaus sympathische Massink recht, ist kein Kassenschlager, da werden keine Gassenhauer oder Ohrwürmer produziert. Doch, auch da kann man ihm nur zustimmen, mit den Skandal-Aufführungen Schoenbergs, von Weberns oder Alban Bergs Anfang des letzten Jahrhunderts, haben weder die Kompositionen von Peter Massink und erst recht nicht die, von Tuba-Spieler Ali Angerer etwas gemein. Zum einen haben sich die, für uns gewohnten und in Moll und Dur geordneten Tonkonzepte schon seit Langem im Bebop und in der Filmmusik aufgelöst, zum anderen ist Massinks Ansatz ein anderer: er will Farbe und Rhythmus sowie „Nachvollziehbares“ in seine Kompositionen reinbringen.
Und in der Tat hat das Programm Nachvollziehbares. Die Stücke haben narrativen Charakter, wobei das Erzählen eher prosaisch als lyrisch zu nennen ist. Und das Publikum kann und will ihnen folgen – schon bei „Strawling down the 5th Avenue“ regt sich erster, wenn auch zaghafter Zwischenapplaus. Die Stücke wirken bei aller Komplexität und Raffinesse mit der Zeit immer logischer. Es sind im wahrsten Sinne feine Kompositionen, die auch bei zunehmender Virtuosität und Dynamik nicht haltlos oder ausufernd werden. Ewald Zach am Schlagzeug und „Barney“ Girlinger, Trompete und Flügelhorn, wirken wie die anderen beiden Mitstreiter sehr konzentriert, der Blick meist auf das Notenblatt gerichtet. Für Peter Massink ist es die Traumband, mit er seine, „in der Einsamkeit“ geschriebenen Stücke, zu Gehör bringen kann.
Dem kann man nur zustimmen, denn was da aus dem Blech gezaubert wird ist sensationell! Da werden alle Facetten und alle Möglichkeiten ausgeschöpft, da schnaubt es, schnarrt es, prustet und quietsch es schon mal aus den Schalltrichtern. Doch nie um des Effektes willen, sondern stets im Dienste der Story, die erzählt wird. Egal ob es sich um Geisterschiffe, weiche Hühnchen, neue Wahrnehmungen, Donauwalzer oder „Songs from the Past“ handelt, die Geschichte ist greifbar, die Musik wird zum inneren Bild, ein Film läuft ab. Was für das Blech gilt, stimmt ebenso fürs Schlagwerk: Unglaublich wie Ewald Zach, dessen Initialen die Basstrommel zieren, den, oder besser gesagt, die Rhythmen in Massinks und Angerers Stücke bringt. Dass man bei atonaler Musik nicht mit festen Betonungsmustern wie im Walzer, Pop oder Swing rechnen kann war klar. Aber diese Überlagerungen, dieses Dagegen- und doch Zusammenhalten!
Kurz vor der ersten Pause bedankt sich Peter Massink für die Einladung durch die Jazzfreunde und dafür, dass die Musik „so warm aufgenommen“ wurde. Am Ende wirkt er glücklich darüber, dass der Abend trotz des Gegen-den-Strom-Schwimmens und der schweren 12-Ton-Verdächtigkeit, so gelungen war. Er entließ das Publikum nach einem kurzen Wiegenlied – fast möchte man sagen, befreit aus dem engen Korsett der Tonalität – in die Straubinger Freitagnacht.
(Text und Fotos: Michael Kroll)
1.03.10 - online redaktion
