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Tonaler Höhenrausch

Was die begeisterte Zuhörerschaft des Tonalrausch-Konzertes nicht wissen konnte, die Vokalisten waren um Mitternacht noch bei der Session im Straubinger Raven zu hören. Da halfen Matthias Knoche und Daniel Barke als „Schlagzeuger“ und „Bassisten“ aus und da ging Diana Labrenz zusammen mit der Weißschen Sinti-Gruppe noch mal richtig ab. Alexandra Gruber nahm die Session-Gemeinde mit „Fly me to the Moon“ zum dem Mond mit, der kurz zuvor mit der letzten Zugabe im Schlachthof aufgegangen war. Der Bandnahme „Tonalrausch“ muss nach dieser Nacht um das Attribut „höhen“ ergänzt werden.

Nichts weniger als ein tonaler Höhenrausch war es, was die fünf Sänger auf Einladung der Straubinger Jazzfreunde geboten hatten: Ein breites Spektrum von Pop bis Jazz und dazu noch Volksweisen wie „Wenn ich ein Vöglein wär“ oder eben das vertonte Gedicht des Matthias Claudius „Der Mond ist aufgegangen“. Mit diesem Titel –ganz ohne Mikrofone gesungen und vor der Bühne stehend – verabschiedete sich das Vokalensemble nach der zweiten Zugabe und führte damit abschließend den reinen Zauber der menschlichen Stimme vor. Schwarz-weiß gekleidet und nur sparsam in bläulich oder rötliches Bühnenlicht getaucht, zurückhaltend durch Beatbox und Loop Station ergänzt, berauschen Alexandra Gruber (Sopran), Diana Labrenz (Alt), Gabriel Fuhrmann (Tenor), Matthias Knoche (Bariton) und Daniel Barke (Bass) die Freunde der reinen Vokalmusik.

Die Formation überzeugt nicht nur durch ihre klaren Arrangements und im mehrstimmigen Gesang. Sondern auch, wenn sich Diana Labrenz wie bei Alanis Morissettes „You ougtha know“ ordentlich ins Zeug legt, oder wenn Alexandra Gruber bei der Portishead-Nummer „Roads“ mit ihrer Stimme ganz tief unter die Haut fährt und wenn Daniel Fuhrmann zum Solo ansetzt. Tonalrausch sind aber nicht nur musikalisch ein Genuss. Starke Entertainmentqualitäten entwickeln sie, wenn das Publikum in den Auftritt einbezogen wird. Dann kommt es zu Fotoaufnahmen von unzähligen Grimassen oder zu Waldstimmen aus dem Zuschauerraum. Höchst unterhaltsam wird es auch bei den heiteren Titeln „Flintstones“ oder „Bennie’s from Heaven“. Feinstes Rhythmusgespür beweisen Tonalrausch in den Stücken „Afro Blue“ oder „Waterfalls“.

Reine Vokalmusik auf solch hohem Niveau und mit solch einem Esprit vorgetragen hört man selten. Zu Recht wurden die fünf Künstler 2009 mit dem ersten Preis in der Kategorie Jazz beim A Cappella Competition in Graz ausgezeichnet. Ob es sich nun bei ihrem Programm um Jazz handelt, kann nicht die Frage sein. Denn hier grooved und swingt es und bewegt die Zuhörer vollends. Tonalrausch haben für den A Cappella eine ganz eigene Ästhetik entwickelt, die sich auch auf der gleichlautenden Webseite widerspiegelt: Perfektion gepaart mit Sinnlichkeit. Sie haben ihr Genre damit endgültig aus der Assoziation mit dem Andächtigen befreit und ihm alles Sperrige genommen, was ihm noch in der Definition von Johann Gottfried Walthers musikalischem Lexikon anhaftet. Dort hieß es 1732: „A capella (ital.) heisset: wenn Vocal- und Instrumental-Stimmen sich miteinander zugleich, und zwar dergestalt hören lassen, dass diese eben dasjenige, was jene haben, exekutieren.“ Heute lautet die Definition (entnommen aus dem Tonalrausch-Gästebuch): „Ihr seid voll cool!“ Und genau diesen voll coolen A-Cappella-Sound wollen wir bald wieder hören.

 

21.03.10 - michael kroll

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