The Rebirth of the Cool
Ist es nötig, wenn man über Ignatzek, Roditi und Rassinfosse schreibt Chet Baker zu erwähnen? Absolut! Denn der Trompeter Claudio Roditi und der Bassist Jean-Louis Rassinfosse haben mit der Jazz-Legende gespielt – leibhaftig –, und irgendwie will einem das Plattencover seiner 56er Aufnahme auf „Pacific Jazz“ nicht aus dem Sinn: Chet Baker & Crew auf einem Segelschiff, das sieht sehr relaxed aus – man möchte mitfahren ...

Ein Teil der Crew stand also letzten Samstag auf Einladung der Jazzfreunde Straubing zusammen mit dem Pianisten Klaus Ignatzek auf der Bühne des Alten Schlachthofs und die drei, allesamt Kapitäne und Steuermänner, luden das zahlreich erschienene Publikum zu einer musikalischen Reise ein. Die Besatzung, die seit 1988 zusammen und seit 8 Jahren im Trio spielt, konnte zugleich Perlenfischer und Raumschifffahrer sein, so klar und brillant und so verbindlich war ihr Zusammenspiel. „Pleasant Journey“, eine Komposition des Oldenburger Ignatzek eröffnete die Kreuzfahrt und mit ruhiger Energie und eleganten Improvisationen ging es über eine Bach-Adaption und Balladen, den „Blues for Ronny“, zu einer Hommage an Roditis Eltern, über das wundervolle „Light in the Dark“ – das gleichzeitig der Titel einer CD des Trios ist, zur einzigen Zugabe „The Girl from Ipanema“. Das angenehme an dieser Reise war das Packende und Abwechslungsreiche, dass aber die See nie hochkochte, dass keine Gischt spritzte um der reinen Effekte oder Dramaturgie willen. Ja, dass hier vielmehr eine frische Brise wehte, die den cool jazz immer wieder aufs Neue belebte.
In Zeiten, wo musikalische Weiterentwicklung allzu oft mit der Einbeziehung anderer Stilrichtungen wie Rock, Folk, Klassik oder Pop begründet wird, konnte man an diesem Abend einen reinen Jazz, quasi einen musikalischen Törn ohne Hilfsmotor genießen. Claudio Roditi, in Rio geboren und in New York lebend, spielt klassisches Blech: ein Flügelhorn und eine deutsche Orchestertrompete mit weichem Klang, den er einmal durch den Einsatz eines Harmon-Dämpfers ätherisiert. Druckvoll, da wo es sein muss, ansonsten von einer erstaunlichen Dynamik und Melodik, die das Ohr fesselt und das Auge an den Schalltrichter bindet, weil man den Eindruck hat, Töne könnten an diesem Abend sichtbar werden. Auch Jean-Louis Rassinfosse spielt ein klassisches Instrument: einen fünfsaitigen Kontrabass, der im Jazz eher ungewöhnlich ist. Mit einer besonderen Verlängerung am Griffbrett kann er den tiefsten Ton noch um eine Quarte unterbieten. Der Kontrabass, der in Patrick Süskinds gleichnamigem Bühnenstück so schlecht wegkommt, „weil die 30,9 Hertz eh kein Ton mehr in dem Sinn“ sind, blüht scheinbar durch bloßes Handauflegen des Belgiers zu einem fesselnden Soloinstrument auf.
Der Bassist wird zum storyteller – Abschweifungen, bei denen eine Fliege das Zeitliche segnet, Fragmente von Jethro Tull und Deep Purple aufscheinen und „der dritte Mann“ zur obligaten Bühnenpräsenz kommt, inbegriffen. Rassinfosse kann sich aber auch zurücknehmen und das Schiff der fantastischen Drei mit seinen walking lines auf Kurs halten, auch wenn Klaus Ignatzek alles tut, um ihm scheinbar dagegen zu arbeiten. Ignatzek besticht durch seine Soli, überzeugt aber auch vollständig als Begleiter: Er könnte eine ganze Rhythmusgruppe ersetzen, die in Jazzorchestern sonst noch um Schlagzeug und Bass aufgestockt werden. Er hält den Spannungsbogen und schafft ein tragfähiges Fundament auch wenn er nur noch einzelne Töne hinhaucht. Scheinbar paradox – auch wenn in seinen virtuosen Kaskaden und akustischen Wasserfällen noch jeder einzelne Ton seine Bedeutung und seinen tiefen Sinn hat. Er fordert die ganze Aufmerksamkeit des Publikums, das ihm gespannt folgt wenn er aus dem swingenden Mutterschiff in ein wendiges Beiboot umsteigt, und sich hier teils frech, teils gefährlich weit vom „Mainsteam“ entfernt. Aber man folgt ihm getrost, verlässt sich auf seine Erfahrung in dem Wissen, dass die Auflösung kommen wird. Diese rhythmischen Abstecher macht das Publikum begeistert mit und ist so gebannt, dass es auf Zwischenapplaus verzichtet, weil es auch noch die letzte Wendung mitbekommen will.
Bei aller Professionalität und dem äußerst hohen musikalischen Niveau sind Ignatzek, Roditi und Rassinfosse doch sehr umgängliche und lockere Entertainer. Mit „Servus“ und „Habe die Ehre“ stechen sie in See und mit „Servus“ beendet Claudio Roditi seine gesungene und gepfiffene Version des Tom Jobim-Klassikers am Strand von Ipanema. Da wird das gespannte Lauschen schon mal durch einen Papst-Witz gelockert, man verkauft CDs auf der Bühne und verbringt die Pause mit dem Publikum im Foyer. Hier wird nach der Vorstellung auch noch ein letztes Bier getrunken, bevor die drei ihr silbernes vierrädriges Schiff besteigen und mit dem Stern auf dem Kühler wieder Richtung Norden halten (nach Bremen), wo sie herkamen (von Hamburg) um ihre Europe Tour 2009 fortzusetzen. Jungens kommt bald wieder!
Claudio Roditi, Klaus Ignatzek, Jean-Louis Rassinfosse Trio [>]
Jazzfreunde Straubing [>]
(Text und Fotos: Michael Kroll)
4.11.09 - michael kroll
