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„The Priest of Jazz“

Als „Princess of Jazz“ wird sie betitelt und so auch von Thomas Anleitner im Quirin-Saal des Hotel Asam dem erwartungsvollen Publikum vorgestellt. Aziza Mustafa Zadeh erhielt diesen Titel als Auszeichnung, wohl um sie auf eine Stufe mit dem Jazzadel am Piano wie Duke (Ellington) oder Count (Basie) zu stellen. Vergleiche mit anderen Weltstars sind immer schwierig, doch trifft zumindest der Vergleich, was das enorme Spektrum anbelangt, mit Keith Jarrett zu.

Thomas Anleitner

Doch bei Aziza fällt das Vergleichen noch aus einem anderen Grund schwer: Die in Baku geborene, in Aserbaidschan aufgewachsene, und seit 20 Jahren in Mainz lebende Künstlerin macht Unvergleichbares, macht Absolutes! Sie holt „the music from god“ wie eine Priesterin aus dem unerschöpflichen Kosmos auf die Erde, in die Konzertsäle, und ihr Spiel wird so zu einer kontemplativen Einkehr, zu einer Art Gottesdienst.

Spiritualität und Musik gehören eng zusammen. Andere Tasten-Vituosen wie Herbie Hancock, Chick Corea oder McCoy Turner bekennen sich dazu, und nennen Gott als die Quelle ihrer Inspiration. Und sie selbst macht es deutlich, bei ihrer Ansage zu „Shamans“. Es fällt ihr sichtlich schwer Worte dafür zu finden, das Stück zu beschreiben, zu sagen, dass die Musik von Gott kommt, das die innere, die spirituelle Kraft stärker ist als physische und dass wir uns darauf konzentrieren sollen „alle negative Energie wegzuschicken“. Worte und Beschreibungen sind bei Azizas Musik auch gar nicht nötig, ihre Gesangspassagen kommen ohnehin meist ohne Text aus und das Publikum versteht ihre Musik auf Anhieb. Vom ersten Ton an sind sie konzentriert dabei, sind ergriffen und berührt. Die Programmdramaturgie verstärkt die Bindung des Publikums noch, da etwa, wo Aziza lautmalend und sich selbst perkussiv begleitend, das Piano verlässt und ganz nah am Bühnenrand steht.

Aziza Mustafa ZadehOpera Jazz die heißt Konzerttour, die sie auch nach London, Antalya und Anghiari führt. „Contrasts II“ ist der Titel ihrer aktuellen CD und „contrasts“ ist auch der Titel eines Stückes, das an diesem Abend zu hören ist. „Contrasts, that’s much about life“, und Kontraste bestimmen auch die Mehrzahl ihrer Stücke, wie auch das Programm selbst. Von der Jazzballade „My Funny Valentine“, über „Lascia ch'io pianga“ von G. F. Händel, den sie als „great jazzman“ bezeichnet, bis zur Zugabe aus Mozarts Zauberflöte reicht das Spektrum, in das eigene Kompositionen wie Improvisationen, in denen auch immer wieder Klassik-Zitate auftauchen, eingebunden sind. Auf die Septemberballade folgt das Stück „New Baku“, das sie selbst als „etwas dangerous“ bezeichnet. Ihre Balladen sind klar und rein, ihre Improvisationen von großer Dynamik, voller Energie, von atemberaubender Virtuosität und meist von starken und weitreichenden Basslinien getragen. Die unerschöpflich scheinende Energie schlägt jedoch nie in reine Lautstärke um, sondern steigert stets die Intensität, das fortissimo wirkt niemals angestrengt. Kontraste auch hier, wenn auf ruhige, romantische Weisen Stücke mit hoher melodischer und rhythmischer Komplexität folgen. Hatte das Publikum gerade noch andächtig dem letzten Ton einer ruhigen Improvisation nachgelauscht, solange bis auch die letzte Schwingung aus der intimen Atmosphäre des Quirin-Saals verschunden war, wurde es bei der nächsten mit Melodien konfrontiert, die nur fragmenthaft im tonalen Stakkato auftauchten und ähnlich schwer zu fassen waren, wie Träume an die man sich am nächsten Morgen zu erinnern sucht. „Let’s improvise and see what happen“, mit diesen Worten hatte Aziza ihren Auftritt eingeleitet … Kontraste sind bei ihr keine Gegensätze: Ähnlich wie Hell und Dunkel, Schwarz und Weiss, monochrom und farbig dienen sie der Verdeutlichung, machen sie etwas klar, fördern sie die Erkenntnis. Konzentration und begeisterter Applaus, andächtiges Hinhören und gelöstes Lachen – die Pianistin, die auch eindruckvolle Gemälde produziert, ist bei aller Ernsthaftigkeit durchaus humorvoll – verstärken ebenso dieses außergewöhnliche Musikerlebnis.

Aziza Mustafa ZadehÜber die Synthese ihres heimatlichen Mugham und des Jazz ist viel geschrieben worden. Aziza selbst hält diese vielschichtige Volksmusik für eine jahrtausend alte, aber man sollte sich schon einmal die geografische Distanz vor Augen führen: Baku, die Hauptstadt Aserbaidschans liegt tausende Kilometer östlich, sozusagen hinter dem Schwarzen Meer und der Türkei, umgeben von Saaten, die wir nur aus den Nachrichten kennen – Georgien, Armenien, Iran und die russische Republik Dagestan. Baku liegt auf der Abşeron- Halbinsel, die ins Kaspische Meer ragt vis-á-vis Turkmenistans und Besiedlungen sind schon 8000 Jahre vor Christus nachzuweisen. Der Name bedeutet übersetzt „Stadt der Winde“. Und auch wenn uns Azizas Melodien nicht bekannt sind, so wirken sie dennoch vertraut; sie übersetzt das traditionelle Liedgut in eine moderne Ästhetik, die den universellen Kern bewahrt und transportiert.

Zum dritten Mal nach 1996 und 1998 gastierte Aziza Mustafa Zahed nun auf Einladung des Jazzpianisten und Musikschulinhabers Thomas Anleitner in Straubing. Die Unterstützung von Sponsoren und die Zusammenarbeit mit Florian Medek vom Asam Hotel machte dieses intensive Musikerlebnis im Quirin-Saal möglich, und nach ihren eigenen Worten soll es nicht ihr letzter Auftritt in der Gäubodenmetropole gewesen sein. „It was so very nice, to make music with you“ sagte sie zum Abschluss und das Publikum dankte es ihr mit einem tosenden, nicht enden wollenden Applaus.

(Text und Fotos: Michael Kroll)

 

21.10.09 - michael kroll

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