Speedmaster und Grandseigneur
Das Straubinger Kulturwochenende stand ganz im Zeichen des Jazz. Zunächst zwei Tage „Startbahn Jazz“ im Alten Schlachthof, die ihren inoffiziellen Höhepunkt mit einer humor- und energiegeladenen Session im Raven hatten, und am Sonntag der Auftritt des international renommierten Frantisek Uhlir Trios. Selten hat man eine Formation gesehen, die so cool und trotzdem so lebendig spielt. Ein wahrer Glücksfall, dass die Musiker, die schon seit 2002 als „Trio“ konzertieren, zum Abschluss ihrer Tournee in Straubing Station machten.
Die Besetzung ist klassisch: Schlagzeug (Jaromir Helesic), Kontrabass (Frantisek Uhlir) und Gitarre (Darko Jurkovic). Doch schon bei der Gitarre offenbart sich das Außergewöhnliche dieses Projekts. Darko Jurkovic spielt als einer der wenigen neben Stanley Jordan, seinen elektrischen Sechssaiter wie ein Klavier: die Töne erzeugt er durch Niederdrücken der Saiten auf die Stahlbünde des Gitarrenhalses. Diese Technik ermöglicht immense Variationen. So kann das Melodie- mit Akkordspiel kombiniert, so können Bass- und Melodielinien erzeugt oder gegenläufige Soloparts intoniert werden. Und der gebürtige Kroate, der zunächst Geige lernte, dann Gitarre und 1997 die Musikhochschule in Graz absolvierte, wechselt fließend und virtuos durch diesen Kosmos des two hand tappings und bleibt doch immer ein faszinierender Storyteller. Mal bearbeitet er das Griffbrett zart und hinhauchend, mal energisch, dann wieder mit einer Geschwindigkeit, die man auf dem beengten Spielbrett nicht für möglich hält. Kurz gesagt: Er ist ganz große Klasse!
Große Klasse beweist auch der Prager am Drumset, Jaromir Helesic. Ein Routinier, der weiß, dass man sich als exzellenter Schlagzeuger nicht in den Vordergrund spielen muss. Unheimlich gelassen, den Überblick und seine Mitstreiter im Ohr behaltend, gibt er dieser Formation die rhythmische Frische. Perfektes Timing ist sein Markenzeichen: Einsätze, Akzente und kurze Ausflüge in erweitere Sphären prägen die Stücke und geben ihnen ihr verlässliches, doch von Leichtigkeit beseeltes Fundament. Er beherrscht alle Genres. Egal ob Bebob, Fusion, Standards, Balladen oder Bossa, wie bei Landsmann Frantisek Uhlir, ist alles vom tschechischen Selbstverständnis des Jazz durchdrungen: Das Gefühl nicht der Kopf bestimmt das Spiel.
Wer Patrik Süßkinds „Kontrabass“ kennt, kann sich lebhaft vorstellen, was für ein Gewicht dieses Instrument haben, was für eine Belastung es für seinen Musiker sein kann. Frantisek Uhlir liefert den Gegenentwurf zu diesem Bild. Wenn einer den schwerfälligen Viersaiter zum singen bringt, dann er. Mit äußerst gelassener Disziplin und Perfektion holt er aus dem Instrument Töne und Linien hervor, die man ihm niemals zutrauen würde. Immer spannend und auch bei rasend schnellem Tempo eine verständliche Sprache sprechend, ist hier jeder Ton an seinem Platz, keiner zu viel und keiner beliebig. Frantisek Uhlir ist gleichzeitig Speedmaster und Grandseigneur des Kontrabass. Er versteht es einen trockenen und dennoch schmeichelhaften Klang zu erzeugen, mit dem er den Zuhörer zu fesseln vermag und ihn in seinen Soli begeistert. Er muss Musik in seinen Fingerkuppen haben!
Ein Stück des Abends kann auf das Trio-Projekt insgesamt sinnig angewandt werden. Ein Blues hat in etwa die Aussage: „Und wieder bist du mal nicht zu Hause.“ Das wäre auch immer dann der Fall, wenn Uhlir, Jurkovic und Helesic in der Nähe konzertieren. Übrigens, den großartigen Bassisten kann man schon im November wieder im Raven hören – mit Uli Knod am Schlagzeug und Helmut Kagerer an der Gitarre.
Weitere Termine: www.ali-raven.com
15.05.10 - michael kroll
