Solidarität
Das Benefizkonzert für die Mission der Franziskanerinnen von Aiterhofen gibt Anlass, den Jazzkritiker Joachim-Ernst Berendt zu zitieren. Der „Wegbereiter des deutschen Jazz“ widmet in seinem 1977 erschienenen Buch, „Ein Fenster aus Jazz“, der brasilianischen Musik ein 20-seitiges Kapitel. Darin hebt er die Rolle der Jesuiten für das, im Jahre 1500, von Pedro Álvares Cabral entdeckte Land hervor. Die Brüder der „Gesellschaft Jesu“, so schreibt er, hatten seit dem 16. Jahrhundert Bildung und europäisches Kulturverständnis in die einheimische Bevölkerung gebracht. „Sie haben das so großzügig getan, dass eine schwarze Bildungselite entstand, die den mächtigen weißen Landbesitzern intellektuell und geschmacklich überlegen war.“ Diese sorgten im 18. Jahrhundert dafür, dass die Jesuiten ihre Schulen und Bildungseinrichtungen schließen mussten.
Probleme machen die Großgrundbesitzer auch heute noch: Sie wollen verhindern, dass sich die brasilianische „Bewegung der Landlosen“ weiter etabliert und ungenutztes oder gesetzeswidrig bewirtschaftetes Land den Armen aus den Favelas als Existenzgrundlage zuteilt. Diese „Movimento dos Sem Terra“ (abgekürzt MST) wird von den Franziskanerinnen unterstützt und Carolin Günther hat sich ein halbes Jahr dort engagiert, bevor sie ihr Lehramtsstudium in Regensburg aufnahm. Sie hat die, von den Gefahren des Alkohol- und Drogenkonsums sowie der Prostitution bedrohten Kinder und Jugendlichen betreut, die in den „acampamentos“ (Zeltcamps) oft jahrelang auf die Umsiedlung in die „assentamentos“ (Siedlungen der Landlosen) warten müssen. Um Spendengelder hierfür zu erwirtschaften, organisierte ihr Bandkollege Martin Schnabl ein abendfüllendes Konzertprogramm, bei dem neben der Funk und Soul Formation „Prof. Motown“, die Sänger und Songwriter Niels Koldewey aus Regensburg und Sophie-Antoinette Matuschek aus Dingolfing auftraten.
Der Abend, bei dem auch Schwester Anita mit einigen Franziskanerinnen anwesend war, ist ein schöner Beleg für gelebte Solidarität. Die jungen Musiker spielten ohne Gage und das Catering stellte Klubbetreiber Alfred Dick zur Verfügung. Für ein paar Stunden wurde man gewahr, dass das Evangelium zu leben und für Gerechtigkeit und Frieden einzutreten nicht nur hinter Kostermauern und in wohltätigen Vereinen stattfindet. Dass Solidarität auch auf der Bühne gelebt werden kann – denn Musik hat sich ja schon oft als politischer Protest für Frieden und Gerechtigkeit verstanden.
Bei so viel ideellem Einsatz darf man den Anspruch an die musikalische Qualität nicht unbedingt in den Vordergrund stellen, obgleich das Programm mit einigen Höhepunkten aufwarten konnte. Sophie-Antoinette Matuschek stand da ganz allein mit der Gitarre und gab mit ihrer ausdrucksstarken und gut entwickelten Stimme ein Bild für Zerbrechlichkeit und Stärke, das gut zum Thema des Abends passte. Die junge Dingolfingerin, die seit einem Jahr mit ihren Songs über öffentliche Plätze von Landshut bis Straubing tingelt, konnte auch mit ihren eigenen Stücken durchaus beeindrucken, auch wenn sie, wie sie sagte, in letzter Zeit wenig zum Üben kam. Niels Koldewey, ebenfalls stimmstark und nur von seiner eigenen Gitarre begleitet, brachte den Regensburger Fall Tennessee Eisenberg nach Straubing. Seinen berührenden Song über die zwölf tödlichen, und bis heute unverständlichen Kugeln für seinen Studienkollegen aus dem Music College, verstand er auch als ein Stück persönlicher Aufarbeitung.
Bögen nach Brasilien und dem Leben der Straßenkinder schlug Motown-Sänger Martin Mauch mit der Randy Crawford-Nummer „Street Life“. Glänzen konnte die Formation aber eher mit dem Raul-Midon-Titel „Don’ t take it that way“ oder mit dem sehr gefühlvoll gespielten „Ain't no sunshine“ von Bill Withers. Auch als das Mikrofon an Monika Eichhammer weitergereicht wurde mangelte es zuweilen am Zusammenspiel, und so blieben nur Jörg Lichtingers Gitarrensoli, Jonas Behringers Trompetenspiel und Monika Eichhammer bei „I will survive“ in positiver Erinnerung. Gloria Gaynors Erfolgstitel brachte den Abend nochmals auf den Punkt: Engagement zu zeigen um anderen das Überleben zu ermöglichen, in einer Welt, in der die Lebenswirklichkeiten von Arm und Reich immer mehr auseinanderdriften und die Entsolidarisierung der Gesellschaft scheinbar immer mehr fortschreitet. Ein gutes Zeichen – Zugabe!
28.03.10 - michael kroll
