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Sechs Leichen suchen einen Dramatiker

Mit Spannung wurde erwartet, wie Regensburg die Dramatisierung des Megasellers „Tannöd“ stemmen würde. Fullhouse im Velodrom (möge es so bleiben), wurden nicht alle Publikumserwartungen erfüllt, den Gefallen vom anspruchsvollen Bauerntheater und dem Saisonstück mit regionalen Anforderungen und Ansprüchen, hat man dem Amüsier- und Gesellschafts-Abonnenten nicht getan – Gottlob.


 Hinterkaifeck war der Tatort eines Mehrfachmordes. Auf dem Einödhof, der 500 Meter von Gröbern entfernt im Gemeindegebiet von Wangen in Oberbayern liegt und etwa sechs Kilometer von Schrobenhausen entfernt ist, wurden in der Nacht vom 31. März auf den 1. April 1922 sechs Menschen ermordet, indem der oder die Täter ihnen mit einer Spitzhacke den Schädel einschlug/en. Bei den Getöteten handelt es sich um das Austragsbauernehepaar Andreas und Cäzilia Gruber, deren verwitwete Tochter Viktoria Gabriel, deren Kinder Cäzilia und Josef sowie die Magd Maria Baumgartner. Das Verbrechen wurde nie aufgeklärt.
1989 brachte Reinfried Keilich sein Theaterstück „Hinterkaifeck. Ein Mordfall“ im Frankfurter Verlag der Autoren heraus, das Stück wurde seinerzeit (mit durchwachsenem Erfolg) an diversen Bühnen (u.a. Nürnberg, Augsburg) gegeben.
2005 erschien im Nautilus-Verlag Andrea Maria Schenkels Roman „Tannöd“, der die Ereignisse von 1922 in Hinterkaifeck aufgreift. Ein Sensationserfolg! Diese Welle nutzten auch die deutschen Bühnen, eine Dramatisierung von Maya Fanke und Doris Happl brachten 2008 als erstes Innsbruck und Fürth heraus, der vorangegangene „Dresdner Variant“ war von A.M. Schenkel nicht autorisiert worden. Der Bühnenplot ganz der des Lesebuchs: Die Dorfbewohner nennen ihn nur den Mordhof, den einsam gelegenen Hof der Familie Danner in Tannöd. Eine ganze Familie wird in einer Nacht ausgelöscht, mit der Spitzhacke erschlagen. Selbst die Kinder grausam ermordet. Und so geht im Dorf die Angst um, denn vom Mörder fehlt jede Spur. Gemocht hat die Familie Danner eh niemand – mürrische, geizige Leute sollen sie gewesen sein und sogar Inzest wird ihnen nachgesagt. Aus den Mosaiksteinen der Einzelaussagen und Rückblenden an den Tatort vor der Untat, entsteht das düstere Porträt einer bigotten, von dumpfem Katholizismus geprägten und ganz und gar nicht idyllischen dörflichen Gemeinschaft.

Epik vs. Drama
Publikums- und Rezensenten-Resonanz auf die Bühnenversion in Spielfilmlänge ist mit „verhalten“ wohl am Treffendsten geschildert. Ein Roman ist ein Roman ist Roman. Er bleibt Prosa und die ist zwischen zwei Buchdeckeln gut aufgehoben. Es gibt so viele gute Tragödien, Komödien, Historien, Pastoralen, Tragi-Komödien, Comical-Pastoralen oder was ihr immer wollt. Nein – Erfolgsromane müssen auf die Bühne, starke Titel, die bringen Masse und Kasse. Aber wollen wir nicht so sein, denn: Die Regensburger machen ihre Sache nicht schlecht! Wenngleich vieles vom Roman-Text auf der Bühne hölzern und bemüht bleiben muss, Dramaturgie und Regie – und natürlich dieses Ensemble – retten den Abend. Allen voran ein wandlungsfähiger Miko Greza, der treuherziger Pfarrer, Familiendespot und Sterzer in drei völlig verschiedenen Charakteren zu zeichnen versteht. In der Frauenriege sticht Anna Dörnte als herzensgute Traudl gleichermaßen hervor wie als geschundene und schließlich abgestumpfte Barbara. Wonnig Johanna König, mit vielen Farben und köstlichen Kabinett-, ja, Kabarettstückchen, Nicola Norgauer, eine Spur zu aufgesetzt (seht her: Ich spiele!) Gabriele Fischer, glaubhaft als Mechaniker, als Dorftrottel definitiv zu agil und unpassend komisch Michael Morgenstern, glaubhaft allemal Hubert Schedlbauer (kurzfristig für den an Grippe erkrankten Michael Heuberger eingesprungen) und Jochen Paletscheck plausibel als redlicher Knecht und als verschlagener Krimineller. Als Gesangsensemble sind die Personen der Handlung einfach wunderbar. Martin Lutz hat den Satzgesang sensibel einstudiert.

 Anspruch vs. Kulinarik
Bleiziffers Regie macht es dem Publikum nicht einfach. Verhörsituation, Spielsequenz oder episches Moment (Runtererzählen der Handlung), der Zuschauer wird in eine hermeneutische Spirale geschleust und sobald Hirn- und Bauchebene vernetzt sind, erweist sich Bleiziffers „Sparmodus“ als Volltreffer: Ein Kostüm pro Person, pro Person viele Persönlichkeiten. Dass er auch nicht vordergründig auf das Whodonit-Genre setzt (und es letzten Endes egal ist, wer die Familie ausgelöscht hat), erweist sich als dramaturgischer Rettungsanker für die Regensburger Tannöd-Version. Problem: Die heterogene Spracheinfärbung der acht Akteure, die durcheinander hartes Oberpfälzisch, kompatibles Salon-Bayerisch und schönste Hochlautung sprechen, dass Siebs seine Freude hätte. Man hätte sich auf ein Kunstidiom mit regionalem Einschlag einigen können.
Die Szenerie von Karl Heinz Steck wäre ganz passabel, wenn die überflüssigen Miniumbauten nicht so störten. Kann man denn nicht die Kästen und Kisten so arrangieren, dass das leidige Geschiebe und Gerumpel hinfällig wird? Ob es die Bretterarchitektur braucht? Bauernmilieu gibt der Text bereits vor. Spielleiter Michael Bleiziffer hätte hier auf einem Einheitsbühnenbild bestehen sollen. Lästige Umbaupausen dehnen unnötig, strafferes Timing generell täte Not. Susanne Ellinghaus’ Kostüme zeichnen sich durch – sicher mühsam ausgewählte und aufeinander abgestimmte – Nichtfarben aus und verdienen die Bezeichnung adäquat. Das Premierenpublikum war höflich und zum Teil auch ratlos. Aber da kann Bleiziffer nichts dafür – und schon gar nicht seine Truppe, das liegt an der grassierenden Sucht, Erfolgsprosa partout einen appellativen Charakter verpassen zu wollen. Frage: Mit welcher Botschaft soll der Zuschauer nach Stückschluss aus dem Velodrom nach Hause gehen?

(Fotos: Theater Regensburg)

 

23.01.09 - peter lang

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