Quadratratschn mit Tiefgang
Wer Monika Gruber auf der Bühne sieht, dem schwant nach kurzer Zeit: Hier bleibt nichts und niemand ungeschoren. Auch der Journalist, der in der Pause Gelegenheit haben wird, Oberbayerns unkaputtbarstes Mundwerk zu interviewen, wird im kabarettistischen Intro rasiert. Er erscheint dort als Figur des Fotografen, der gnadenlos auf einen Schnellschuss aus ist – egal ob mit oder ohne Oberteil – und der sogar auf einen „Gesichtsanstrich“ verzichten kann, da der lokale Kulturteil ja immer noch schwarzweiß gedruckt wird. Und er erscheint dort als Feuilletonist, der selbst ein begnadeter Autor, Filmemacher oder Künstler zu sein glaubt und der mit seinen Fragen garantiert über das Ziel hinaus schießen wird. Egal, bei der Gruberin bekommt jeder sein Fett ab und Wunder, genau deshalb wird begeistert applaudiert.
Nur einmal wird es während des Programms „Zu wahr um schön zu sein“ leise, ganz leise! So leise, dass man selbst das verhaltenste Herumrutschen auf dem Stuhl bemerken würde. Da, wo Monika Gruber die heile (Familien)-Welt hinter den erleuchteten Vorhängen beschreibt, und die Pointe „und nun spielen wir wieder Papis Lieblingsspiel – aber niemandem was sagen…“ dem Publikum das Lachen im Halse gefrieren lässt. Sie ist halt doch nicht der kabarettistische Oberflächenrasenmäher, der sich im sprachlichen Stakkato nur mit den Unzulänglichkeiten des Allzumenschlichen befasst.
Monika Gruber gehört zu den Bühnenstars, die keine Requisiten brauchen: keinen Stuhl, keinen Tisch, kein Netz und keinen doppelten Boden. Bühne pur, um es neudeutsch auszudrücken. Und programmatisch gesehen bringt sie zwar am Anfang ein paar parteipolitische Seitenhiebe auf die aktuellen und vergangenen CSU-Größen – schlägt den Huber als Dieselaggregat in einem Chiemseedampfer vor und fragt, ob der Seehofer der geeignete ist, um „Schlimmeres zu verhüten“ – doch im wesentlichen macht sie kein politisches Kabarett. „Das können andere besser“, wie sie im Interview sagt.
Was wohl keine besser kann als sie, das ist mit der Charakterisierung der Frauenrolle („Geschenke als Wurfprämie“) oder des Mannes als Prinzgemahl („vielleicht gibt es die Romantik im richtigen Leben gar nicht“), der Überzeichnung von Erziehungsfragen („erst Waldorfschüler und dann Terrorist“) und gesellschaftlichen Idealvorstellungen („Germany’s next brainless Kleiderständer“) genau ins Schwarze zu treffen. Sie schaut dem Volk aufs Maul anstatt ihm eins drauf zu geben.
„Der Mensch ist guad, nur d’Leut san schlecht“, so lautet ein Zitat aus Michl Ehbauers „Bairische Weltgschicht“ und das könnte auch das Credo von Monika Gruber sein. Ein bisserl mehr Respekt, ein bisserl mehr Niveau, ein bisserl mehr Anstand und schon würde die Welt anders aussehen. Doch das sind Visionen, hier aber geht es um den real existierenden Alltagswahnsinn! Wie kam es überhaupt dazu, dass Monika Gruber heute große Hallen mit ihrem Kabarett unterhält? „Das war eher Zufall. Parallel zur Schauspielschule habe ich Volkstheater an der Iberl-Bühne gemacht. Und zum 60sten Geburtstag von Georg Maier schrieb ich eine fünfminütige Nummer, die einem anwesenden BR-Regisseur gut gefiel. Der fragte mich dann, ob ich so was auch fürs Fernsehen machen könnte. Ich konnte mir die Figur selber ausdenken und nachdem ich damals noch viel gekellnert hatte kam ich auf die Kellnerin Monique. Das lief dann in Kanal Fatal.“ Später folgte der Einstieg bei den Komikern und Günther Grünwald machte Monika Gruber Mut, ein eigenes Programm zu schreiben. „Er hatte mir auch versprochen zur Premiere zu kommen. Und dass er dann auch da war, rechne ich ihm heute noch hoch an.“
„Auf der Bühne stehen macht mir schon sehr viel Spaß“, sagt die Quadratratschn mit Tiefgang und „erwachsener“ findet sie selbst ihr nunmehr drittes Programm, das in der Tegernheimer Mehrzweckhalle das Publikum begeisterte. Man könnte fast meinen, dass die Frau auf der Bühne für die Frauen im Publikum auch ein wenig als große Schwester herhalten muss, zu der sie aufblicken, weil sie sich nicht alles gefallen lässt, Mut zeigt und die Dinge gerade raus beim Namen nennt. Doch das sind Vermutungen – Fakt ist, dass Monika Gruber auch im Fernsehen erfolgreich ist: Siska, Tatort, Der Alte … Ja, auch die Dreharbeiten machen ihr viel Freude. Gerade dass sie mit der Landrätin in Franz Xaver Bogners „Kaiser von Schexing“ eine Rolle spielen kann, die nicht lustig angelegt ist und die mit ihr persönlich nicht viel gemein hat. Und weil mit Regisseuren wie Rosenmüller oder Kiefersauer junge Leute Sachen machen, die ihr gefallen, möchte Monika Gruber auch gern ihre Drehaktivitäten ausbauen.
„Die besten Gschichten schreibt doch das Leben selbst.“ Das Zusammenleben, das Leben an sich, das Älter werden und die Frage, was einem das Leben noch bereitet, das sind die Themen, die Monika Gruber interessieren. Und woran stößt sie sich, was nervt? „Diese Schemata, in die wir gepresst werden. Dass man zu Kindern sagt, du musst ein Popstar, ein Superstar, ein Model werden. Es wird so viel Wert auf Äußerlichkeiten gelegt. Doch Bildung oder auch Herzenswärme bleiben auf der Strecke. Figur, Kleidung, Musik oder in welche Klubs du gehst, all diese Oberflächlichkeiten werden heute so hoch bewertet. Überall läuft Werbung, die das zusätzlich suggeriert, und auf der anderer Seite: Nur Schrott, Gewalt, und Baller-Baller-Filme – da könntest du weinen, weil sich ja die meisten Jugendlichen damit identifizieren.“
Monika Gruber ist in einer anderen Zeit aufgewachsen und noch dazu auf dem Land. „Was dein Glück war und später als Teenager dann dein Unglück: Es war immer jemand da! Aber im Grunde genommen war es schön und über das Verhältnis zu meinen Eltern und meinen Brüdern bin ich heute sehr froh. Dir hat vielleicht das regelmäßige Taschengeld gefehlt und die Trendklamotten, aber dafür hast du was ganz anderes bekommen. Hast einen anderen Umgang mit den Leuten und Respekt dem Leben gegenüber gelernt und das ist viel wert, das ist doch das Wesentliche!“
Der Respekt den Monika Gruber hat, zeigt sich auch in dem, worüber sie keine Witze macht: Menschen, die körperlich oder geistig benachteiligt sind, und die Religion gehören dazu, „darüber macht man keine Jokes“. In Programmfragen sind ihre Eltern ein guter Gradmesser, wenn die sagen „das ist zwar hart aber nicht niveaulos“ dann ist das okay, denn sie will nicht nur der Gags wegen „draufhauen“.
Zukunftsträume? Ja, ein Programm mit anderen: mit Michi Altinger, Andreas Giebel oder Günter Grünwald. „Das ist ein ganz anderes Arbeiten und schon im Vorfeld ein Riesenspaß. Einen Kinofilm würde ich auch gern machen, die Soloauftritte etwas zurückfahren und das Filmen mehr ausweiten. Und irgendwann einmal ein humorvolles autobiographisches Buch schreiben.“ Die Gruberin hat also viel vor, hat viele Gesichter, spielt viele Rollen. Bloß in einer Rolle wird man sie nicht sehen: In der der „Truppenbetreuerin“. Denn anders als bei Elvis oder Frankie Boy legt ihr der eigene moralische Anspruch fürs Showbizz Schranken auf.
(Alle Fotos: Kroll)
6.11.08 - michael kroll
