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Neue Standards

Können einen Standards heute tatsächlich noch begeistern? Insbesondere wenn sie von klassischen Trios gespielt werden? In Zeiten, wo der Pianist Michael Wollny meint, dass alles schon mal da war? „Hexenmeister“ Wollny gibt im Interview mit dem Magazin Jazz thing die Antwort darauf: „Die Perspektive ist das Entscheidende.“ Und während ihn die musikalische Reise zu immer gewagteren Experimenten und Neuerfindungen führt, so gelingen dem Lorenz Kellhuber Trio immer überraschende, ungeahnte Kombinationen, Fortführungen und Erzählungen, deren Kondensationskeim eben die Titel des Great American Songbooks sind.

Lorenz Kellhuber, als Pianist fester Bestandteil der Rhythmusgruppe des Regensburger Jazzorchesters, hat sich mit der Veröffentlichung seiner Trio-CD vor eineinhalb Jahren einen Traum erfüllt. Zusammen mit Marc Muellbauer (Bass) und Andi Haberl (Schlagzeug) brachte er sechs Standards auf den Silberling mit dem Titel „Selection“. Hinter den Becken und Fellen sitzt heute allerdings Gabriel Hahn, der mit Kellhuber, Oli Hein am Bass und Tobias Meinhart (Saxofon) letztes Jahr bei „Jazz an der Donau“, als Preisträger des Startbahn-Jazz-Wettbewerbs auftrat. Marc Muellbauer ist klassisch ausgebildeter Bassist, verfügt über ein Konzertexamen in Jazz und ist Lehrbeauftragter für Jazzkontrabass an der Hochschule für Musik in Berlin. Die neue Besetzung hatte erst Tags zuvor im Jazzclub Nauen ihre Premiere und klang dort, so Muellbauer, ganz anders.

Das Anders-Klingen ist Programm in Lorenz Kellhubers Trios, ist quasi genetisch angelegt. Denn die Stücke sind nicht arrangiert, nicht neu-, oder umgeschrieben, und können somit auch nicht als Interpretationen gelten. Als Improvisationen über ein Thema auch nicht, denn die Motive der Standards tauchen oft nur andeutungsweise auf. Diese Erinnerung an Bekanntes liefert sozusagen den Anker, um nach den Exkursionen auf der hohen See des freien Spiels wieder den Heimathafen ansteuern zu können. Der Mann am Piano gibt das Signal zum Aufbruch, Kurswechsel sind jederzeit möglich, ja gewünscht.

Trotz der großen Freiräume harmoniert das Trio bestens. Die einzelnen Stück, egal ob schnelle Bebop-Nummern oder gefühlvolle Balladen, bilden immer eine Einheit, sind in sich schlüssig. Kellhuber agiert sehr inspiriert und kreativ an den Tasten. Mal schwingt er sich Podest für Podest erklimmend in Tonwirbeln nach oben, mal durchläuft er das gesamte Tonspektrum ein einer weit ausladenden Linie; dann wieder scheint ihn der Groove einzuholen um ihn bändigen zu wollen. Er kann aber auch ganz leise und sehr gefühlvoll sein und den einzelnen Titeln durch ungehörte Wendungen bis zur letzten Schwingung Spannung verleihen. Marc Muellbauers Bass ist ein Genuss! Er bringt sein Instrument zu Singen, er ist ein echter Crooner auf vier Saiten. Der Ton ist edel und rund und hat die Farbe des Cognacs, den sich der Bassist mit den britischen Wurzeln nach dem Auftritt gönnt. Gabriel Hahn versteht es die Titel zu unterstützen, ihnen den Drive mitzugeben, die Basis zu bilden und doch immer wieder farbige Akzente zu setzen. Diese coole Grundhaltung erweitert er immer wieder durch erfrischende Schlagzeug-Parts, die man als Mini-Soli bezeichnen könnte.

„The Song is You“, die letzte Nummer, die in dem fast ohne Ansagen absolvierten Programm, nach der Bandvorstellung gespielt wurde, war schon fast philosophisch. Entsteht die Musik letztlich im Zuhörer? Ist er die Musik? Fragen, die sich mit der Zugabe verbinden könnten, sind leichter zu beantworten: Old fashioned ist das Lorenz Kellhuber Trio trotz Hinwendung zum Standard mit Sicherheit nicht!

 

29.03.10 - michael kroll

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