„Nächstes Mal wähle ich die Grünen!“
Eine pikante Angelegenheit: In der Luxussuite eines Hotels will Richard Wilhelm, Staatsminister der Regierung, eine Liebesnacht mit Jenny, einer attraktiven Sekretärin einer Oppositionspartei, verbringen. Doch das Stelldichein scheitert an einem defekten Schiebefenster. Und so nimmt ein atemberaubendes Tür-auf, Tür-zu seinen Lauf, bis alle Unklarheiten beseitigt sind. Ein heftig akklamiertes Ensemble feierte einen Triumph, eine turbulente Premiere ging erfolgreich über die Bühne.
Funktioniert nicht wirklich: Eine Komödie, die streng im Thatcherism verortet ist, ins Hauptstadt-Berlin einer Angela Merkel zu transferieren.
Klappt nicht: Das Hotel Adlon einem zweifelhaften Londoner Quatier mit typisch britischen Schiebefenstern und „umlaufendem Balkon“ gleichzusetzen.
Nur mit Bauchschmerzen: Das britische Polit-System der einfachen Mehrheit gegen das deutsche der Koalitionszwänge zu tauschen.
Haut nicht hin: Einem CSU-Minister (kann ja nur Glos sein! Oder sollte vielleicht tatsächlich Regierungssprecher Staatssekretär Ulrich Wilhelm gemeint sein?) eine Affäre mit der Sekretärin von Gregor Gysi anzuhängen.
Geht gar nicht: Eine Handlung, die maßgeblich durch Telefonate forciert wird, in eine Zeit zu setzen, in der Zweithandys an der Tagesordnung sind.
Der Ungereimtheiten finden sich viele in Lars Helmers Bearbeitung von Ray Cooneys Farce „Außer Kontrolle“. Die Frage ob der trockene britische Humor unter der gewaltsamen „Eindeutschung“ leidet, muss mit ja beantwortet werden. Beispiel: Aus Margret Thatchers Minister Richard Willey wird der CSU-Minister Richard Wilhelm, der „pun“ Willey / Dickie (umgangssprachlich mit Pimmelchen treffend wiedergegeben sowie eine Koseform von Richard) wird verschenkt zugunsten einer Hoppla-hopp-Aktualisierung, die mit Seehofers Ministerpräsidenten-Abgang nach Bayern Makulatur geworden ist. Die Affäre Seehofer/Fröhlich freilich taugt wenig, in Cooneys unverwüstlichen Plot gestopft zu werden, ob das Helmers Absicht war, bleibt unerfindlich. Die Farce „Out of Order“ bedarf weder der Translozierung noch eines Hievens in die Jetztzeit. Sie funktioniert auch so, das Rezept von Cooney ist perfekt, man soll nichts reparieren, was nicht kaputt ist! Zumal die meisten Lacher ohnehin die Cooney-Pointen ernten, die Helmer-Hinzudichtungen zielen nicht immer ins Zwerchfell der Zuschauer (CSU-Debakel bei der Bayernwahl, ein Stückschluss, der das Adlon-Personal als Ganoven zeigt), gelegentlich, wenn, wie von Michael Morgenstern treffend gesetzt („Nächstes Mal wähle ich die Grünen!“), versöhnen (nicht ganz) mit dem Regensburger Variant von „Out of Order“.
Aber dergleichen Spitzfindigkeiten ficht die Dramaturgie (Rolf Ronzier) nicht an. Auch das Publikum nicht, es ist gekommen, sich zu amüsieren. Und es kommt auf seine Kosten! Nach der ersten Regensburger Aufführung Mitte der 90er Jahre und einer respektablen Inszenierung des Studententheaters 2004, darf sich Regensburg und Einzugsgebiet zum dritten Mal über einen Minister, der beim Tête-à-tête mit der Sekretärin des Oppositionsführers von einer Leiche überrascht wird, kaputtlachen. Der Leichnam entpuppt sich als vom Schiebefenster beinahe guillotinierter Privatschnüffler, der vom rasend eifersüchtigen Ehemann der Sekretärin engagiert worden ist. Es treten überdies auf: der Sekretär des Ministers, die Krankenschwester dessen bettlägriger Mutter sowie die Ehefrau des Ministers. Alles eine Frage des Timings: Tür auf, Fenster zu, Telefon, Schrank auf, Tür zu. Alles auch eine Frage des Timings, was das Setzen der Cooneyschen Pointen betrifft. Und da kann man wahrlich nicht meckern, Spielleiter Lars Helmer führt das Ensemble sicher durch die Turbulenzen der Handlung und durch die Tücken, die das Bühnenbild bieten muss. Matthias Müller hat einen großzügigen Feng-Shui-Salon entworfen, in den geschickt die bühnentechnischen Imponderabilien (Schrank, Fenster, Türen) integriert sind, wenngleich das Schiebefenster viel zu mickrig geraten ist und der wacklige Dachlattenrahmen, der schon mal seinen Dienst versagt, niemanden ernsthaft verletzen kann.
Die Personen der Handlung und ihre Darsteller:
Florian Münzer ist der liebestolle Minister, der mit überzeugenden Worten seine Hilflosigkeit überspielt, in den Wirren der Stückhandlung ein treibender Getriebener, der er auch – und Münzer macht das hier glaubhaft – in Parlament und Kabinett ist.
Die Rolle des Hotelmanagers gibt Michael Heuberger nicht viel Gelegenheit, Farben zu zeigen, er ist der korrekte Manager (im Adlon hat man zwar einen Direktor…), er hat nicht viel mehr zu tun als Stichworte zu liefern oder auf solche hin zu erscheinen. Schade: als steifärschiger Brite hätte er mehr zeigen können und stiff upper lip die vermeintlichen homosexuellen Aktivitäten des Herrn Ministers kommentieren können.
Gerold Richard Ströher wird es niemals zum Etagenkellner im Adlon schaffen. Niemals. Wenn er beim Bewerbungsgespräch gleichermaßen überzeugend Unverschämt- und -verfrorenheit an den Tag legt wie auf der Bühne.
Anna Dörnte als Sekretärin von Gregor Gysi spielt nicht das lebenslustige Amüsierkätzchen, das nimmt, was kommt, sie räsoniert ein bisschen viel über Parteilinien- und Gattentreue.
Solide Oliver Severin. Gut als Leiche, sehr gut als Amnestiker. Wenn nur der Helmersche Schluss nicht wäre…
Nun zum Zonen-Ronnie: Jochen Paletschek gelingt es, selbst im strengen Korsett des Farce-Ablaufs, den Zwiespalt seines Charakters, der (sexuelle) Versagensängste mit übertriebenem Imponiergehabe kompensiert, überzeugend zu gestalten. Wuchtig, präsent, furios!
Doris Dubiel ist ganz die Politikergattin, die Figur bleibt weitgehend auf eine Stichwortgeberin reduziert und kann bis auf wenige Momente als Reckturnerin im Schrank kaum ihre komische Seite ausspielen.
Schwester Doris Fester verkörpert Gabriele Fischer, sie ist altjüngferlich gezeichnet, mangels eines weiblichen Dragoners im Ensemble musste man sich wohl so behelfen. Durchaus eine Möglichkeit!
Zum Hinknien: Michael Morgenstern. Der Polit-Nerd, der Erbsenzähler, der Oberkorrekte, der von einer Verzweiflung in die nächste gestützt wird, der in fester Ordnung Verhaftete, dessen Leben innerhalb einer Stunde aus sämtlichen Fugen gerät und dessen Überzeugungen in kürzester Zeit zunichte gemacht werden. Präzise abgezirkelt jede Bewegung, trefflich gesetzt jede Pointe. Das Wesen der Komik ist die Katastrophe. Michael Morgenstern beweist diese These, er trägt den Abend, er ist der Dreh- und Angelpunkt in einem Ensemble, das für sein Publikum sein Bestes gibt.
Es ist das Ensemble (geführt von Lars Helmer), das den Abend zu einem großen Erfolg macht, es ist die unverwüstliche Farce von Ray Cooney, die dem Publikum wahres Gaudium beschert. Die Bearbeitung hingegen ist überflüssig. Da war der Regisseur von falschem Ehrgeiz getrieben, Subtilitäten wie „eine Leiche bei Clapham-Common in die Büsche plumpsen lassen“ zugunsten von „in den Wannsee plumpsen lassen“ vermisst Otto-Normal-Zuschauer vielleicht nicht. Aber über die vordergründige Aktualisierung wird die Zeit sehr viel schneller hinweggehen als über das unübertreffliche Original.
P.S.: Wenn man einen christlich-konservativen Politiker auf "Abwegen" auf der Bühne zeigen will, würde sich "Die Bengalische Rolle" von Herbert Rosendorfer empfehlen. Ein erotischer Politthriller. Bekannter Politiker ist im Bordell unlösbar mit einer Prostituierten, die bekannt ist für die körperlich gewagte Bengalische Rolle, "verbunden" und mitten im Akt "stecken geblieben". Die GSG 9 will ihn rausholen und scheitert.
Ray Cooney: Außer Kontrolle
Premiere: 22. November 2008, Theater am Bismarckplatz
Weitere Vorstellungen am 24./28./29. November, 2./3./5./7./13./21.(15 Uhr)/28./30. Dezember 2008, 3./10./13./24./30./31. Januar, 23./26. Februar, 23./25. März 2009, jeweils 19.30 Uhr.
23.11.08 - peter lang
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