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Mein ganz persönliches Kulturjahr

Gloria von Thurn & Taxis' kleiner Bruder hat vor ein paar Jahren ein Buch geschrieben, das den schönen Titel trägt „Lexikon der überflüssigen Dinge“. Dieses Lexikon selbst ist nicht nur überflüssig, es ist auch töricht! Denn neben Anrufbeantwortern und elektrischen Zahnbürsten hält der Adelsspross auch Kunstvereine für überflüssig. Doch Herr von Schönburg-Glauchau irrt: Kunstvereine sind keineswegs überflüssig! Kunst ist nicht Luxus, sondern Notwendigkeit! Wenn es denn eines Autoritätsbeweises bedarf, ist Lyonel Feininger die höhere Instanz als der balublütige Schreiber. Ein sehr persönlicher Rückblick auf das Regensburger Kulturjahr 2008 von Peter Lang. Diskussion ausdrücklich erwünscht!

Ein Jahr des Umbruchs. Das Jahr 2008 war geprägt von der sog. Finanzkrise, von Bankenpleiten und dem Jonglieren mit unvorstellbaren Milliarden-Summen. Die Kommunalwahl in Bayern verschob alle Mehrheiten, „CSUnami“ titelte die Münchner AZ nach der Landtagswahl, die USA bekommen den ersten schwarzen Präsidenten und in Regensburg bleibt es vorerst wie es ist. Auch kulturell. Was war? Was wird aus dem Gewesenen für die Zukunft erwachsen? Eine Bestandsaufnahme ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Bildende Kunst
Die drei Regensburger Kunstvereine haben 2008 respektable Anstrengungen unternommen, zeitgenössische Kunst ins „mittelalterliche Wunder“ zu holen. Graz reloaded heißt es seit diesem Herbst, drei vergleichsweise bescheidene Ausstellungen wurden innerhalb kürzester Zeit gestemmt, dafür Respekt, ein neues Graz-Profil wird noch gesucht, die neuen Räume müssen sich als Plattform für die einst unverwechselbaren Graz-Aktivitäten noch beweisen. Mit einer Homebase absolut downtown ist zumindest die Voraussetzung gegeben, breitere Schichten anzusprechen. Der Kunst- und Gewerbeverein zeigte mit zwei Ausstellungen „Berliner Luft“ Hauptstädtisches von Arrivierten und Jungen, eine fragwürdige „Wasser-und Wein-Schau“ vereinte Dekoratives von Luigi Coppa und Verstörendes – viele sprachen von Pennälerhaftem – von Gerd Dengler. Gewohnte Klasse wieder bei der obligaten Jahresschau.
Der Neue Kunstverein in der Dr.-Gessler-Straße bezieht am konsequentesten Stellung zu aktuellen Problemen in Regensburg, erwähnt sei nur die Schau der Dresdner, die eine „Brücke“ in die andere Welterbestadt schlug.
Unbestritten die spektakulärste Ausstellung ist die Lovis-Corinth-Retrospektive des Kunstforums Ostdeutsche Galerie, wenngleich die überregionale Resonanz hinter den Erwartungen bislang zurückblieb. Die Direktorin des Kunstforums verabschiedet sich mit Ende des Jahres, viel Glück und gutes Gelingen in Mannheim, möge eine kompetente Nachfolge gefunden werden. Eine der spannenden Fragen, die das Kulturjahr 2009 in Regensburg bestimmen wird.
Schon vergessen? Die Rasenskulptur am Donaumarkt sorgte für kontroverse Diskussionen wie generell die Anstrengungen im Rahmen der Entente Florale. Beliebig und austauschbar die Skulpturen bei „Renommierte und Junge Kunst im Herzogspark“.  Die Stadtanhübschung durch Blumenrabatten, -autowracks und -bänke (Am Beschlächt gar erinnerten sie verdächtig an Soldatensärge!) verbucht wohl selbst das Stadtgartenamt nicht unter „Kunst“. Gelungen einzig die Projekte, die die Bevölkerung aktiv mit einbezogen, wie z.B. der „Pflanzenweg“ Burgweinting und die Aktion Altstadtpoesie. Jede Menge Diskussionsbedarf also noch bei der „Möblierung des öffentlichen Raums“. Die Rotarier spendieren eine Plastik, die am Marc-Aurel-Ufer aufgestellt werden soll, König Ludwig I. zieht wieder auf den Domplatz, für die Regensburger Stadtmusikantinnen auf dem Bismarckplatz von Neustifter darf man sich weiterhin schämen.
Im Mai hieß es in der Ostengasse „Go east“. Inter- und superdisziplinär ging es zu, mit Mini-Budget ausgestattet und unter Selbstausbeutung wurde Eindrucksvolles gezeigt. Reger Publikumszuspruch und überschwängliches Kritikerlob war Lohn für die Anstrengungen. Die drei Macherinnen haben gezeigt, wie mit wenig Aufwand große Wirkung hervorgerufen werden kann. Ohne Einbindung von Anwohnerinnen und Anwohnern – kurz der Bevölkerung – können derartige Projekte schwerlich reüssieren. Ein Ansatz, den die „Go east“-Macherinnen vorgemacht haben, und der beispielgebend für die Zukunft ist. Gleiches gilt für die Reihe „Adler flieg!“, die bildende, schreibende und musizierende Künstler in einem großen Projekt vereinigte.
Bedenklich im Schwinden begriffen ist das Interesse an der donumenta. Das Interesse der Regensburgerinnen und Regensburger wohlgemerkt. Hinter vorgehaltener Hand macht das Wort von einem „Riesen-Flop“ die Runde. Die Geldquellen für die Donauländer-Kunst-Schau sprudeln dennoch munter weiter, zur Eröffnung finden sich zahlreiche kroatische Mitbürgerinnen und Mitbürger ein, lauschen stehend und Hand am Herz der zweimal von einem Kinderchor abgesungenen Nationalhymne – und wurden nicht mehr gesehen! Die Präsentation von Positionen zeitgenössischer Kunst aus Kroatien im Leeren Beutel wirkte verloren, ohne Kooperation mit Universität, Arbeitskreis Film und Tanztagen wäre die donumenta-2008-Rezeption marginal. Für die drei noch ausstehenden „donumenten“ sind größere Anstrengungen nötig. Eine gute Idee allein reicht nicht, Kooperation und Kommunikation auf Funktionärsebene allein taugt wenig, Ministerreden und Politiker-Blabla ist das letzte, was die Kunst braucht! Aber Minister und Politiker scheinen die Kultur zu brauchen, um sich medienwirksam in Szene zu setzen. Peinlich geriet in diesem Zusammenhang die öffentliche Wahlwerbung der donumenta-Macherin Regina Hellwig-Schmid für Ministerin Emilia Müller.

Musik
JOR – dieses Kürzel steht für Jazzorchester Regensburg. Neben den Philharmonikern leistet sich die Stadt nunmehr auch eine mit öffentlichen Mitteln finanzierte Bigband. Gut. So sehr jede Förderung von kulturellen Aktivitäten zu begrüßen ist, stellt sich doch die Frage, ob die Steuergeld-Investition in den Jazz, der ohnehin in Regensburg repräsentativ vertreten ist, nötig ist. Zumal die Namensnennung eines Autohauses (Hauptsponsor des JOR) mit jedem Auftritt Präsenz und Repräsentanz bekommt. Das Orchester – unter der Leitung von Edward A. Partyka – selbst freilich ist ein Spitzenensemble. Von daher muss JOR als kultureller Pluspunkt des Jahres 2008 gewertet werden. Eine Identitätsstiftung, wie es das Vienna Art Orchestra unter Mathias Rüegg für Wien vollbringt, wird wohl dennoch ausbleiben.
Nach der überraschenden Kündigung von GMD Raoul Grüneis hat das Theater Regensburg endlich Tetsuro Ban zum neuen Generalmusikdirektor gewählt, gekürt, genommen. Nach Guido Johannes Rumstadt hat mit Grüneis Regensburg innerhalb von fünf Jahren nun den dritten GMD. Bedenklich! Kontinuität in der Orchesterarbeit wäre wünschenswert. Seit der überraschenden Nichtverlängerung von Hillary Griffith, der sich durch ein konsequentes Orchester- und Sängerensemble auszeichnete, konnte die Regensburger Oper nicht wieder an ihre Glanzzeiten der 80er-Jahre anknüpfen. Tetsuro Ban - viel Glück!
Zu ungeahnten Höhenflügen setzt derzeit das Orchester der Universität Regensburg an. Universitätsmusikdirektor Graham Buckland ist das Kunststück gelungen, Studentinnen und Studenten zu Höchstleistungen zu motivieren, der Orchesterapparat hat zu einem homogenen Klang gefunden, auf dem Sektor Musik ist das Orchester der Universität klar der Aufsteiger des Jahres.
Aus der Welt der Pop- und Rock-Musik ist aus Regensburg nichts Neues zu vermelden. Es sei denn, man will die Posse um die Band The Mystic Eyes als Neuigkeit verkaufen. Innovatives? Fehlanzeige. Die (Teil)-Regensburg-Band Dr. Norton, einst groß und zu Recht als Local-Hero gefeiert, wurde jüngst im WDR als Berliner Band tituliert. Ein Beispiel dafür, dass Regensburg kein Pflaster (oder zumindest kein Sprungbrett) für Pop und Rock ist. Was auch an einer gesteuerten Dominanz des Jazz in Regensburg liegen könnte.
Die Tage Alter Musik waren für Macher und Stadt wieder ein voller Erfolg, ein Pfund, mit dem gerade Regensburg noch mehr wuchern könnte. Der Kulturpreis an das Ensemble Singer Pur geht von daher völlig in Ordnung.
Fest etabliert sind nach sieben Auflagen die Thurn und Taxis Schlossfestspiele. Nachdem in den letzten Jahren die Reihe zum Gemischtwarenladen verkommen war und vieles drittklassig, antiquiert und beliebig wirkte, bestach die 2008-Serie durchweg durch Qualität. Große Namen und Klasse brachten es heuer! Juan Diego Florez, Monserrat Caballe und Liza Minelli hievten Regensburg in die überregionale Presse.  

Film
Zoff beim Akf? Markus Prasse geht! Keine Stummfilmwoche! Kein Openair im Museumshof! Die Kurzfilmwoche wie gehabt. Eric Grun hat wieder einen Film gedreht, „Ab in den See“. Das Turmtheater wird ein Privattheater. Hofbauer (Ostentor-Kino, Garbo) ist vorläufig saniert.

Literatur
Trotz literarischer Salons, trotz vieler Abende mit Autorenlesungen und zahlreichen Aktivitäten, die lokale Autorinnen und Autoren zeigen, Schriftstellerisches fristet im öffentlichen Regensburg ein Schattendasein, hier sind es fast ausschließlich private Initiativen, die Flagge zeigen. Ein offizieller Tag der Bibliothek hilft hier nicht weiter.
Literarisch ragte der Regensburger Autor Joseph Berlinger mit seinem Drama „Zum Koppenjäger“ heraus. Uraufgeführt wurde das Volksstück – eine Auftragsarbeit für die Europäischen Wochen Passau – im Theater an der Rott in Eggenfelden, die Aufnahme durch die Kritik war positiv.
Im November 2008 erschien Benno Hurts neuer Roman „Wie wir lebten“ bei dtv. ein vielschichtiger Gesellschaftsroman und ein schillerndes Porträt der neunziger Jahre mit seinen arrivierten Repräsentanten und kantigen Außenseitern. Anna Maria Schenkel konnte mit ihrem heuer erschienen Roman „Kalteis“ zwar nicht den Triumph von „Tannöd“ wiederholen, kann aber respektable Verkaufszahlen ausweisen. Und das, obwohl Kritiker dem Tannöd-Nachfolger mehr Qualität bescheinigten.
Gecancelt, gestrichen, gekürzt: Die Position eines Stadtschreibers. Vielleicht nicht schade drum, dieses Modell einer Literaten-Förderung ist ohnehin überholt. Was wollte man damit fördern? Einen hoffnungsfrohen Schreiber? Poetischen Output in Form von Chroniken über das Regensburg der Gegenwart? Schlimm, wie die Nichtschaffung dieser Position von den Verantwortlichen der Stadt begründet wird.

Darstellende Kunst
Lese-Literatur und Darstellende Kunst vertragen sich nur schwerlich. Das wurde einmal mehr deutlich in der Demski-Dramatisierung von Bemelmans „Die blaue Donau“. Epik und Dramatik sind eben zwei Gattungen, die nicht umsonst auf keinen gemeinsamen Nenner kommen. Die Uraufführung im Theater am Bismarckplatz zeigte die ganze Bandbreite an Rezeptionsmöglichkeiten, von wohlwollender lokaler Aufnahme bis hin zum gnadenlosen Verriss in überregionalen Organen. Mit Spannung wird die „Tannöd“-Dramatisierung erwartet, die am 22. Januar 2009 über die Bühne des Velodroms gehen wird. Besondere Highlights der Darstellenden Kunst blieben auf das Tanztheater beschränkt. Neben Ballettchef Olaf Schmidts Arbeiten machten die Tanztage Regensburg mit dem Drei-Generationen-Projekt aufmerksam, nicht umsonst ging der Kulturförderpreis der Stadt an die „Tanzstelle R“, berechtigt diese Auszeichnung, die hoffentlich die Nachhaltigkeit des Tanzbooms in Regensburg befördert.

Und jetzt sind Sie dran, lieber Leser: Schreiben Sie uns. Was war Ihr kulturelles Highlight 2008? Was hat Sie geärgert, was hat Sie gefreut? Was erwarten Sie für das nächste Jahr? In diesem Sinne, ein gutes neues Kulturjahr 2009. redaktion@kulturjournal.de

 

14.12.08 - online redaktion

Kommentare

So wenig hat sich in der Regensburger Popszene 2008 gar nicht getan.

Der Singer/Songwriter Mathias Kellner begleitet inzwischen internationale Stars wie Katie Melua auf ihren Tourneen und hat 2008 eine Menge großartiger Songs aufgenommen.

Missent to Denmark (zugegeben: nur noch der Bassist lebt in Regensburg) teilten sich erst vor zwei Wochen in München mit TV on the Radio und Santogold (beide wohl unter den wichtigsten internationalen Pop-Acts des Jahres) die Bühne.

Beim gleichen Anlass trat auch die Hip Hop-Combo Demograffics auf, die in Regensburg lebt und auf ihrem Album “Bird´s Eye View” Rap machen, “wie wir ihn noch nie aus Bayern, nein aus Deutschland, gehört haben” (Bayerischer Rundfunk).

Dazu gibt es aufstrebende junge Bands, wie Sunrise Sunday, Endstation Fundbüro und The Trashing Days, die sich gerade zu Recht eine immer größer werdende Fangemeinde erspielen.

Leider findet Pop-Musik in Regensburg nur in der Szene selbst ausreichend Gehör. Vielleicht ändert sich das ja im neuen Jahr und die Regensburger richten ihren Fokus auch mehr auf heimische Pop-Entdeckungen.

 Säm Wagner
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