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Die deutscheste aller romantischen Opern oder die romantischste aller deutschen Opern – egal, Hörnerklang, wohliges Bratschenstreichen, der Soundtrack zum „Förster vom Silberwald“ oder zur „Försterchristl“ ist für alle Orchester ein Gradmesser ihrer Qualität wie die theatralische Umsetzung immer ein riskantes Unterfangen und Prüftstein für Regisseure darstellt. Was gab es da nicht alles schon. Ein gefundenes Fressen für Regie-Berserker. Falk Richters Salzburger Freischütz jüngst geriet gar zur Revue, der Höllenausbund Samiel führte wie ein Conferencier von Nummer zu Nummer, von Hit zu Hit, den Jägerchor anpreisend: „And now Ladies and Gentlemen, German Classics present – The Jägerchor!“ Kann man machen, kann furchtbar in die Hose gehen. Ein stures Nacherzählen von Friedrich Kinds Libretto verbietet sich auch nicht, das hat Achim Freyer mit seiner epochalen Inszenierung bewiesen, die durch ihre Bildgewalt bestach. Auf das Wagnis Freischütz zum Auftakt der Opersaison in Regensburg war man gespannt, es darf als geglückt bezeichnet werden. Von kleinen Unzulänglichkeiten abgesehen, alles in allem: Blattschuss.

 Versagensängste quälen Max, den Jägerburschen, den Hoffnungsträger und Primus. Wie Faust lässt er sich auf einen Pakt mit dem Bösen, dem Unbekannten ein. Initiationsritus, überschreiten von Grenzen, Überwindung gesellschaftlicher Konventionen – es geht schief, die Karriere befördert Max’ „Horizonterweiterung“ nicht. Oder doch? Erst der deus ex machina bringt in der romantischen Oper Erlösung und sorgt für ein Happy End, die christliche Weltanschauung triumphiert, ihre Widersacher werden zernichtet.
Spielleiter Raik Knorscheidt verlegt die Handlung in die Entstehungszeit der Oper, also mitten hinein in die deutsche Romantik, für die Böhmen, wie schon bei Shakespeare und Schiller übrigens, ein Topos für Gefühlsbetonteit ist. Die Dorfgemeinschaft, die Rivalität zwischen Bauern und Jäger, Obrigkeitsdenken – das Heimatfilm-Klischee hier nimmt es seinen Anfang. Die Guten sind weiß gekleidet, die Bösen kennzeichnet nihilistisches Schwarz. Es ist alles in trügerischer „Ordnung“, wären da nicht diese Träume, wäre da nicht das Unterbewusste, das sich immer wieder Bahn bricht an die korrekte Oberfläche. Stark und zwingend gerät also Knorscheidt die Wolfsschlucht. Nicht neu, den Hexensabbat als Agathes Traum zu deuten, aber sobald die holde Braut mitsamt der Hauswand in die Horizontale geht, tobt ungeniert die Natur. Die Wolfsschlucht bei Knorscheidt liegt in der Kluft zwischen gesellschaftlichem Korsett und sexueller Obsession. Mit dem Schlag der Glocke „Eins“, ist alles wieder wie zuvor. Vom Traum ist nichts geblieben als ein Unbehangen. Und das ist das Manko dieser Inszenierung, die Chor und Solisten solide durch ein böhmisches Dorf führt. Jägerchor und Schlussbild dürfen unter die Sparte „Stadttheater as usual“ verbucht werden. Geschenkt!

 Zumal die musikalische Seite mit fein ausziselierten Phrasen und nahezu perfekt ausgetunter Dynamik besticht. In der trockenen Akustik des Bismarckplatztheaters entfaltet GMD Raoul Grüneis die Partitur ungewohnt klar und transparent, das Farbspektrum voll ausschöpfend. Solisten und Chor werden behutsam getragen, einige unsaubere Einsätze und gelegentliche Divergenzen zwischen Szene und Graben bleiben im Rahmen des Tolerablen. Sauber in Intonation und Diktion: Katharina E. Leitgeb. Eine Bilderbuch Agathe, nicht viele Theater vergleichbarer Größe haben eine Prima Donna ihres Ranges unter Vertrag! Den Max gibt Markus Ahme als Zerissenen. Den von innerer Pein Getrieben zu zeichnen und dabei um jeden Ton ringend, sucht er – leider, man muss es sagen – sein Heil im „Knödeln“ und findet es hierin freilich nicht. Ein guter Coach tut Not. Kaspar, den Finsteren, verkörpert Seymur Karimov mit Sexappeal, stimmlich gewohnt profund, Respekt dem jungen Sänger! Julia Amos ist das Ännchen wie man es kennt und wie man es mag, kess, keck, beweglich, locker, Stimm- und Partgestaltung kongruent. Die kleinen Rollen: Adam Kruzel als Fürst Ottokar gewohnt souverän, Michael Berner als Kilian stimmlich und szenisch Typcast, Martin-Jan Nijhof als Erbförster dito, Sung-Heon Ha als Eremit weit über Stadttheater-Niveau. Die vier Brautjungfern, Myriam Chavez de Kühner, Elena Lemke, Anna Ryndyk und Verena Ulrich,  sind nicht zu kritisieren. Überhaupt der Chor samt Extra-Chor, Kompliment! Sauber intoniert, engagiert im Spiel, diszipliniert, von Chordirektor Christoph Heil trefflich getrimmt!

 Bleibt noch Kantors Sepherl und Samiel, der schwarze Jäger und Abgesandte des Teufels zu erwähnen. Ja, von Raik Knorscheidt als Dreh- und Angelpunkt der ganzen Handlung angelegt, geht die „Sache“ grundsätzlich in Ordnung. Der Dorftrottel, der Behinderte, der Depp, das unmündige Kind, das überall Zugang hat, weil’s ja eh nichts versteht, von allen herumgeschubst und verspottet, entpuppt sich als der Satan. Dominique Jandausch gestaltet Opfer und Dorfdepp gut, ihr Samiel jedoch nervt unerträglich. Permanent wird mit den Händen gefuchtelt, werden Tanzschrittchen probiert, wird gehüpft und gesprungen, die Hände kreisen und verkrampfen zu Scheren, da wäre weniger mehr gewesen. Sein! Nicht Spielen! Der Kontrast von einem hospitalistischen Trottel zum statuarischen und allmächtigen Dämon mit Sogwirkung wäre um Einiges stärker gewesen. Aber wie schon gesagt: Geschenkt!

 

28.09.08 - peter lang

Kommentare

Nach der Lektüre dieser erquickenden Kritik konnte ich nicht anders, als mir alle weiteren literarischen Versuche des Peter Lang zu Gemüte zu führen. Und in der Tat – mein Anfangsverdacht bestätigte sich! Entgegen aller Erwartungen scheint die Spezies des notorisch unzufriedenen, ständig vor sich hin nörgelnden, wort- und noch mehr selbstverliebten Kritikers nicht ausgestorben zu sein. Die (provinzielle) Bühne des Wortes machts möglich. Geschenkt! Peinlich, wenn das Mittel zum Zweck wird, oder einem die Mittel ausgehen und man deshalb zur Wiederholung seiner eigenen Stilblüten neigt. Geschenkt! Oder doch nicht? Nein! Noch ein Wort zu diesem speziellen Thema, denn „Wiederholungen“ – und überhaupt alles allzu Menschliche (und schmutzige?) – scheinen Peter Lang ein Dorn im Auge zu sein. Das zeigt sich auch in seiner Kritik zur Dreigroschenoper. Nein, diese Kritik müssen Sie nicht ubedingt auch noch lesen. Geschenkt? Nein, noch nicht. Nach der rüden Kritik an der Figur des Samiel stellt sich unwillkürlich die Frage, ob Herr Lang zu Jenen gehört, die auf der Staße beim Anblick eines Behinderten dazu neigen aktiv wegzusehen? Dann wäre es nicht verwunderlich und sogar verständlich, wenn man bei einer solchen Gelegenheit endlich mal, offiziell und von den eigenen Moralvorstellungen ungescholten, nach Herzenslust glotzen darf, dabei einen zu großen Schluck nimmt und am Ende übers Ziel hinausschießt. Um einen fundierten Eindruck von Behinderungen und aller möglichen damit einhergehenden Wiederholungsfrequenzen zu bekommen, rate ich zum freiwilligen sozialen Dienst in einem Heim für behinderte Kinder- und Jugendliche, die tatsächlich so „Sind“ und deshalb ständig und permanent mit irgendwelchen Gliedmaßen “herumfuchteln”. Im übrigen gerade deshalb, weil Sie es „Sind“ und deshalb „Müssen“! Alternativ empfehle ich folgenden Versuch, um schneller ans Ziel und damit zur Einsicht zu gelangen: Gehen Sie direkt zu einem in der Art des Samiel behinderten Jungen (wie diese Behinderung heisst, müssen Sie selber herausfinden) und fordern Sie ihn lautstark dazu auf, nicht ständig mit seinen Händen herumzufuchteln und nicht immer die selbe Bewegung zu machen, und nicht weiter zu nerven… sondern einfach nur behindert zu “Sein”. Und hoffen Sie, dass Ihnen dabei dann (auch) keiner zuhört. Geschenkt!

 Dirk
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