Langsamer geht’s nicht
Nicht immer ist es so, dass das Leben die Zu-Spät-Kommenden bestraft. Wer am vergangenen Mittwoch eine halbe Stunde nach Konzertbeginn die schwere Stahltür zum Veranstaltungssaal des Leeren Beutels öffnete, sah sich plötzlich in eine andere Welt versetzt: Eine Atmosphäre, die einen sofort verzauberte, fünf Sound-Magier auf der Bühne und ein konzentriert lauschendes Publikum, das für solch einen Wochentag erstaunlich zahlreich erschienen war.
Solveig Slettahjell musste ein anziehend guter Ruf vorausgeeilt sein, doch was von ihr und den vier weiteren Mitgliedern des sonst sechsköpfigen Slow Motion Orchestras geboten wurde übertraf alle Erwartungen! Unglaublich, unbeschreiblich war das, was der Norwegische Klangkörper da fabrizierte – diese Formation muss man, wie es so schön heißt, live erlebt haben. Hauptbestandteil des Programms waren Titel der brandneuen CD „Tarpan Seasons“, die allerdings auf der Bühne ein Vielfaches an Wirkung entfalten und an Eindruck hinterlassen, als beim heimischen Abspielen des Silberlings.
Das liegt zum einen an dem einnehmend charmanten Umgang der großen Stimmkünstlerin aus dem hohen Norden mit ihren Zuhörern und zum anderen an der faszinierend spannenden Spielweise des SMO. Slow Motion: die Bezeichnung „Zeitlupe“, ist treffend gewählt und doch untertrieben. Denn sphärisch, meditativ wird die Musik, zwischen den einzelnen Tönen scheinen Welten zu liegen, weite Räume, in denen sich die Fantasie um das Gehörte herum entfalten und entwickeln kann. Musik, die in eine Traumwelt entführt. „Wenn dich diese Stille umgibt, kann deine Seele sehen“ heißt es in dem Film „Copying Beethoven“. Und der Dirigent Donald Runnicles meinte in einem Interview: „Weil man an dieser Stelle den Horizont erreicht; einen Punkt, wo alles still steht: Man ist. Hier und jetzt. Man ist ohne Vergangenheit. Ohne Zukunft.“ Bei Solveig Slettahjell und ihrem Zeitlupen-Orchester wird also Musik Magie, auf der Bühne agieren Alchimisten und das Publikum wird Bestandteil und Zutat ihrer Mixturen.
Solveig Slettahjells Stimme ist gewaltig, die Dynamik reicht von lautlos hingehaucht bis zum ekstatischen Schrei, die Färbung von lupenrein bis erdig. Von sphärisch bis erdig variiert auch Even Helte Hermansens Gitarren-Sound. Manchmal, so scheint es, produziert sein Verstärker keine Schallwellen, sondern verdichtet die Schwingungen im Raum durch einen umgekehrten Vorgang zu Klängen. Per Oddvar Johansens bedient sein Schlagzeug zuweilen so selten, das durch die langen Pausen hindurch gerade noch der Rhythmus aufrecht erhalten bleibt. Jo Berger Myhre legt nicht nur mit seinem Kontrabass sondern auch mit der Gitarre einen Klang- und Rhythmusteppich der sich mal im Zeitlupentempo, mal im straffen Shuffle entfaltet. Sjur Miljeteig gibt der Formation mit seiner Trompete und den elektronischen Klängen den charakteristischen, bestimmenden Sound. Nicht nur er überzeugt auf hohem musikalischem Niveau. Denn je langsamer gespielt wird desto präziser muss intoniert und phrasiert werden.
Mit einer Zugabe von Ton Waits, bei der es so still wird, dass man das Flackern der Kerzen im Saal hören kann, fesselt Solveig Slettahjell mit ausdruckstarkem Gesang und sparsamen Piano Noten das Publikum ein letztes Mal, bevor es mit einem Gute-Nacht-Lied wieder in die eigene Welt entlassen wird – sichtlich begeistert und beglückt.
11.03.10 - michael kroll
