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Kuscheln im Welterbe?

Vielleicht ist es ja schon jemandem aufgefallen: Die Flyer zur Veranstaltungsreihe „beat me with your love“ sind dreigeteilt. Legt man sie aneinander so vervollständigt sich erst der Schriftzug und der, im unteren Teil abgedruckte, Prospekt der Stadt Regensburg. Eine schwarze Silhouette, Dom und Goldener Turm, wolkenumweht und irgendwie unheimlich anmutend. Der Kunstverein Graz, respektive die Kuratoren Gisela Bender und Jürgen Huber lassen keinen Zweifel: Wer die „neue Romantik“ verstehen will muss alle Veranstaltungen besuchen.

 „beat me with your love“ wird, soviel ist klar, ein anregendes Bild vom Romantik-Begriff vermitteln. Ähnlich einem Mosaik wird es sich aus verschiedenen Facetten zusammensetzen. Und, die Besucher auf verschiedenen Kanälen ansprechen. Teil eins der Ausstellungstriologie bringt Malerei von Rittstein, Molová, Anderlová, Hansbauer und Fastner, flankierend Lesungen von Christoph Maltz und Helmut Groschwitz. Teil zwei zeigt Fotografien, Videos und Installationen und wird ergänzt durch Märchenlesungen. Der dritte Teil – kuratiert von Jelena Vukmanovic  – bietet einen romantischen Salon sowie eine Ausstellung der serbischen Fotografin Jelena Prekajski. Den Ausstellungsmachern ist es also ernst, sie wollen dass für jeden ein Denkanlass dabei ist, um sich mit der Romantik und dem Begriff der „Neuen Romantik“ auseinanderzusetzen.

Helmut Groschwitz fiel der Part zu, das Thema aufs Lokale herunterzubrechen: romantisches Weltkulturerbe Regensburg – was ist das bzw. was ist es nicht. War nicht das ehemahlige Rotlichtviertel mit dem Straßenstrich in der Keplerstraße viel romantischer als die heutigen Verkehrs- und Touristenströme?

Vom Romantischen, so der Kulturwissenschaftler (Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft), hat jeder seine eigene Vorstellung. Candle light dinners, Wanderungen in wild-romantischen Landschaften, Kerzen, Rotwein, Kuschelrock von Rod Stewart aus einer Anlage, die von Kuschelstrom betrieben, in einer Wohnung, die mit Kuschelgas geheizt wird ... Das Romantische als Gegenentwurf zum Alltäglichen.

Aber auch das gibt es: Das Romantische als Gegenentwurf zum Erklärbaren. Mystisches, Unheimliches, Düsteres, Schattenhaftes. Und Regensburg? Das oberpfälzische Welterbe ist in erster Linie durch eine verklärte Vorstellung vom Mittelalter begründet. Die heile, unzerstörte mittelalterliche Altstadt und deren Bedeutung als Handelsmetropole und als Sitz des Immerwährenden Reichstages. Doch Vorsicht: Die Stadt hat weder Festungsmauern noch Latrinen aufzuweisen und der Reichstag fand ja auch nicht im Mittelalter sondern in der Neuzeit statt (zumindest wenn man, wie Egon Friedell, deren Beginn auf den Ausbruch der großen Pest von 1348 festsetzt).

 Nach dieser Desillusion wirft Groschwitz zwei Bilder an die Leinwand. Den Adler (demontierten) von der Nibelungenbrücke und die Statue Don Juans d’Austria vom Zieroldsplatz. Mit dem Welterbe-Titel haben wir natürlich auch die unangenehmen Seiten der Stadtgeschichte geerbt. NS-Zeit und Judenvernichtung. Wie geht man damit um? Und an das Standbild des unehelichen Sohns der Barbara Blomberg ist die Frage „whoes heritage“ geknüpft. Denn kulturelle Identität geht oft mit Regionalismus und Nationalismus einher.

Die Stärken von Groschwitz’ Vortrag lagen darin, dem Publikum zu Verdeutlichen, was der Titel Welterbe neben Denkmalschutz und Tourismus-Werbeeffekt noch bedeutet. Neben dem romantischen Ansatz, die Stadt als Gegenwelt zur technisierten Umwelt zu sehen, steht da die Auseinandersetzung mit dem Stadtbegriff im Allgemeinen und dem, was an immateriellem Ansatz die Zukunftsaufgaben bestimmt: Klimaschutz, Energiefragen, Integration, Auseinandersetzung mit den ungeliebten Aspekten der jüngsten Geschichte, Dialog der Religionsgemeinschaften, demografischer Wandel, soziale Umstrukturierung der angestammten Quartiere und ein Aufruf an die Kunstszene, sich mit dem Thema öffentlich auseinander zu setzen. Letztlich kann der Vortrag auch dahingehend verstanden werden, die Deutungs- und Diskussionshoheit über den Begriff „Welterbe“ nicht allein der Verwaltung zu überlassen sondern, dass sich die 0,5 Prozent (so Groschwitz’ Schätzung) engagierten Welterbe-Diskutanten mehr Gehör verschaffen.

 

1.06.09 - michael kroll

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