Jazz for free
Das Jazzweekend 2010 war einerseits ein Untypisches: Das „Familienfest der Jazzer“, wie es die Intendanz gerne nennt, steht nämlich im Ruf ganz oder zumindest teilweise verregnet zu sein. Vier Tage mit hochsommerlichen Temperaturen und ohne Regenschirme sind da eine bemerkenswerte Ausnahme. Und daher war dieses Jahr auch der zweitwichtigste Ausrüstungsgegenstand der Musiker die Sonnenbrille.
Typisch war allerdings die durchgängig hohe Qualität der Konzerte und das enorme Spektrum, das Sylke Merbold und Ulrike Schwarz zusammen mit dem Gründungsvater des Weekends, Richard Wiedamann unter einen Hut gebracht haben. Ganze 93 Konzerte wurden so auf die zwölf Spielstätten verteilt, dass kein Altstadtrummel entstand und der Musikgenuss stets im Mittelpunkt bleiben konnte.
Zu den Highlights, die man sich auch gerne zwei Mal anhören wollte, gehörten zweifelsohne das Grace Kelly Quintett sowie der Pianist und Bigbandleader Milan Svoboda. Die 18 Jahre alte Saxofonistin aus den USA hatte das Publikum auf der Piazza im Gewerbepark begeistert und auch am Freitagabend konnte sie zusammen mit Jason Palmer, Doug Johnson, Evan Gregor und Ferenc Nemeth den übervollen Bismarckplatz für sich gewinnen. Grace Kelly, eine sympathische Entdeckung von der man noch viel hören wird. Viel hören konnte man auch von Milan Svoboda der zunächst mit seinem Quartett und später mit der „Prague Big Band“ auftrat. Während das Quartett mit leichthändigen, vorwärtsdrängenden Kompositionen glänzte, die viel Platz für atemberaubende Soli ließen, tauchte die Prager Großformation den Haidplatz in eine Energiewolke aus präzise platzierten Tönen. Eine halbe Bigband, so könnte man sagen, war beim Weekend ebenfalls bei zwei Auftritten zu genießen: Die „Hot Brownies“, ein Kölner Septett, das Hardbop á la Clifford Brown oder Alberto Domínguez sehr anregend inszenierte.
Von den Veranstaltungsorten die heuer neu dazugekommen sind, dürfte der Andreasstadel noch Potenzial haben. Zwar bietet der Innenraum des Akademiesalons genug Atmosphäre, etwa für ein Uli Knod Trio, das in ruhiger, konzertanter Weise Eigenkompositionen und Titel von Miles Davis oder John Scofield präsentiert. Auch für David Helbock, der mit seiner „Random Control“ experimentell-melodisch arbeitet und die Zuhörer begeistert. Doch stört der Restaurantbetrieb zuweilen die kontemplative Stimmung. Vielleicht ist 2011 zum 30sten Jazzweekend eine Bühne am Gries möglich.
Vielfalt zu zeigen ist den Intendanten vom Bayerischen Jazzinstitut bestens gelungen. Mit den „Dixi Drivers“ war die Richtung, die der Name nahe legt, mit einer routinierten und dennoch launigen Formation vertreten. Experimentelles gab es unter anderem von „Art Zentral“, deren narrative und komplexe Stücke, durch den außergewöhnlichen Einsatz von Sängerin Pegelia Gold, zu autochthonischen Performances wurden. Tanzbares lieferte in echter Rhythm&Blues-Manier „Soul Patrol“ mit ihrem Womanizer San2: Knackiger Harp- und Gitarrensound mit ebensolchem Groove! Und während im Saal des Leeren Beutel die vorwiegend weiblichen Tanzbeine geschwungen werden lebt im Restaurant nebenan die Session-Tradition unter „Yankee“ Meier auf. Freejazzer fühlen sich hier ebenso wohl wie coole Crooner. Freunde des eher rock- oder fusionlastigen Jazz kommen natürlich bei „Difusion“ oder Alexander von Hagke und Band voll auf ihre Kosten. Während die Regensburger Formatation – seit langem wieder mit Klarinetten-Mann Clemens Klimczok – ihre Vorliebe zu lateinamerikanischen Rhythmen auslebt, können und wollen die Münchner Hardjazzer ihre Nähe zum „Panzerballett“ nicht leugnen. Zumal neben Jan Zerfeld noch Heiko Jung ersatzweise am Bass aufspielt. Wo es um Grenzbereiche geht, ist auch der zum Pop zu besetzen. Dies ist mit „Voice & Strings“ hervorragend gelungen. Steffi Denk und „Yankee“ Meier sorgen einmal mehr für Lokalkolorit, Humor und Unterhaltung auf höchstem Niveau.
Die Stimmung beim diesjährigen Jazzweekend ist ausnehmend gut. Das liegt sicher nicht nur am fantastischen Wetter, sondern auch daran, dass es immer noch weitgehend gelingt dem Kommerzialisierungsdruck zu widerstehen, dass zwischen den Konzerten noch musikfreie Refugien bleiben und sich die Veranstaltungen auf klar abgegrenzte Plätze konzentrieren. Und so kann der Besucher etwa in Ruhe auf dem Rathausplatz verweilen oder durch die rummelfreie Gesandtenstraße schlendern, das Gehörte auf sich wirken lassen und sich auf den nächsten Jazzgenuss freuen. Schade nur, dass von den massenhaft Jazzbegeisterten die wenigsten das Jahr über zu den Konzerten in die Jazzclubs in Regensburg und Umgebung finden. Denn man muss nicht bis Juli 2011 warten um wieder wirklich guten Jazz hören zu können. Alle Auftritte zum Nachlesen, sowie Links zu den einzelnen Formationen sind unter www.bayerisches-jazzweekend.de abzurufen.
11.07.10 - michael kroll
