Ich und Ich gibt Wir
Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat eben doch nicht immer Recht! In seiner aktuellen Ausgabe wird unter dem Titel „Pop ist weiblich“ die Pop-Welt als männerfreie Zone beschrieben: Dass zum ersten Mal in seiner Geschichte dieses Musikgenre keine Männer mehr braucht und Frauen wie Maya Arulpragasam (auch bekannt als M.I.A.) und Lady Gaga das Ruder übernommen haben. Männer, so das Magazin weiter, befänden sich auf Grund ihrer Identitätskrise am Anfang des 21. Jahrhunderts auf dem Abstellgleis der populären Musik.

Von all dem wollten die knapp 4.000 begeisterten Besucher des Auftaktkonzerts zu „Jazz an der Donau“ nichts wissen. Sie wollten „Ich + Ich“ hören und Sänger Adel Tawil sehen. Dieser lieferte schon eine viertel Stunde vor dem angekündigten Konzertbeginn den ersten Hit: „Einer von Zweien.“ Und er verstand es nachzulegen und die gute Stimmung kontinuierlich zu steigern bis unter den Zugaben der Megahit „Vom selben Stern“ zu hören war. Das Publikum feierte ihn und seine 7-köpfige Band begeistert. Dabei traten besonders die polnische Sängerin Maria Helmin in ihrem Duett bei „Alleine Tanzen“ sowie Schlagzeuger Sebastian J. Schmidt und Gitarrist Jan Terstegen mit ihren Soli bei einer Bauchtanz-Nummer hervor.
Das Pop-Duo „Ich + Ich“ lebt bekanntlich von Annette Humpes Feder und Adel Tawils Bühnenpräsenz. Annettes Texte sind Adel auf den Leib geschneidert, er interpretiert die Songs nicht nur, sie scheinen aus ihm heraus zu kommen und sein Publikum direkt zu berühren. Egal ob Teenager, junges Liebespärchen oder ältere Semester – Gefühle, Erfahrungen und Enttäuschungen die jeder nachvollziehen kann, machen aus dem Ich-und-Ich-Konzert ein großes Wir-Erlebnis. Eine schnell einstudierte Choreographie – die Arme ausbreiten und in den Himmel schauen – für „So soll es bleiben“ und Refrain-Wiederholungen ohne Bandbegleitung, lassen dieses Wir noch stärker werden.
Die Losung von Adel Tawil mag „Sinnsuche“ heißen und wird im Konzert ästhetisiert. Sie wird zu einem kollektiven Empfinden und fühlt sich mit ihm gut an. Adel nimmt mit seinem positiven Denken das Publikum auf eine „Gute Reise“ mit. Und es ist auch völlig bei ihm, wenn er etwa aus der Ich-bin-der-große-Bruder-Haltung eine Story und einen Song macht. Welches Mädchen möchte nicht so einen Bruder haben? Das Publikum ist aber auch bei ihm, wenn er den Bayern-3-Verhörhammer thematisiert und alle wissen, dass es bei „Pflaster“ eben nicht um einen tobenden Hamster vor dem Fenster geht. Es besteht niemals die Gefahr in die Gefühlsduselei des Schlagers abzugleiten.
„Wir waren und sind Pop“, so lakonisch beschreibt Adel Tawil das Erfolgsgeheimnis von „Ich + Ich“. Doch ist es vermutlich auch dieses Männerbild, das er verkörpert: einer der über seine Gefühle spricht, der verletzlich ist, der Enttäuschungen zeigt und der zu seinen Fehlern steht. Und das sogar während des Konzerts! Dann, wenn er aus einem Textpatzer noch eine kleine spontane Geschichte macht und die „absolut textsicheren Kleinen“ in seinen Auftritt einbindet. Er ist ein Typ, den Mütter gern als Schwiegersöhne haben und Frauen gern als Väter ihrer Kinder. „Pop ist weiblich“, das kann durchaus stimmen. Doch bedeutet es keinesfalls, dass Männer in der Pop-Welt ausgedient haben.
Das Festival "Jazz an der Donau", das unter anderen vom Media Markt, dem Straubinger Tagblatt und de E.ON Bayern AGgesponsort wird, geht noch bis Sonntag 18. Juli. Karten - auch für den Top Act Bobby McFerrin - gibt es noch an der Abendkasse.
Infos [>] hier
16.07.10 - michael kroll
