Heitere Melancholie
„A man, his voice and guitar. This really works.“ Dieser Kommentar ist zu Peter Fesslers Gentle-Rain-Video auf YouTube zu lesen. Das sagt alles aber doch zu wenig, denn „his voice“ bedeutet in diesem Fall Stimmen, vielen Stimmen, ja einen ganzen Stimmkosmos. Peter Fessler kann nicht nur, wie schon oft festgestellt, über mehr als vier Oktaven singen, er versteht es auch Töne schier unendlich zu halten, erstaunlich vielfarbig zu phrasieren, hohen Gesangspassagen selbst ein Bassfundament zu geben, er ist darüber hinaus Beatbox und Geräuscherzeuger und nicht zu letzt ein verführerischer Crooner. Kurz gesagt: er ist ein Vokalkünstler.
Peter Fesssler, dessen Konzert im Alten Schlachthof vom Bayerischen Rundfunk mitgeschnitten wurde, hatte sichtlich seine Freude mit dem Programm, das aus Bossa-Nova-Nummern, einigen Jazzstandards und alternierend dazu mit Titeln aus seinem „Befindlichkeitsalbum“ bestückt war. Er hatte auch seine Freude mit dem Straubinger Publikum; mahnte mal beiläufig zur Ruhe, holte sich Gesangsunterstützung an die Bühne und ließ sich vor allem, getragen vom Applaus, zu immer eindrucksvolleren Improvisationen tragen. Sein „ihr seid richtig gut“ war daher nicht einfach nur so dahingesagt.
In einem Bossa-Programm sind Titel wie „Girl from Ipanema“, „So Danco Samba“ oder „Berimbau“, dessen Komponist den 11-jährigen Fessler zum Bossa initiiert hat, eine Selbstverständlichkeit. Doch mit der gleichen Selbstverständlichkeit hat sich der Kölner Künstler diese Titel im wahrsten Sinne zu eigen gemacht. Intro, Phrasierung, und Improvisation, die wie bei „Girl from Ipanema“ zu einer eigenen Scat-Nummer werden kann, vermögen das Publikum aufs neue zu fesseln. Und das liegt nicht zuletzt daran, dass ihnen Peter Fessler eine eigene Seele einhaucht: die heitere Melancholie. Diese mag ihn auch bewogen haben ein, wie er es flapsig nennt, Befindlichkeitsalbum aufzunehmen. „Das mit Dir“ – überwiegend German Bossa – mit dem er beweist, dass sich die deutsche Sprache auch zum Jazz eignet. Eindrucksvollster Beleg dafür: Erich Kästners Gedichtvertonung „Die Wälder schweigen“. Fesslers Selbsteinschätzung „Ich habe die Welt ein bisschen wärmer machen können“ ist also sicher nicht übertrieben.
Ähnlich mutig wie mit deutschen Texten seine Gefühlswelt auf die Bühne zu bringen, ist auch der Umgang mit Klassikern wie „Autumn leaves“, „Over the rainbow“ oder „Nothing’s gonna change my love for you“. Ersterer zunächst in Französisch dann in Englisch intoniert, chronologisch sozusagen, denn ursprünglich wurde der Titel von Yves Montand gesungen und erst drei Jahre später von John Herndon Mercer übersetzt. Und der Glenn-Medeiros-Welthit? Selten wurde dieser, von Goffin und Masser komponierte Titel, so spannend interpretiert! Peter Fessler überzeugt mit seiner Vokalkunst, seinen Arrangements und seiner Bereitschaft, sich voll auf das Publikum einzulassen. Wer von der Gitarrenbegleitung ähnliche Virtuosität erwartete, würde Übermenschliches erwarten. Der Fokus liegt auf der Stimme und das ist stimmig. Ein großes Dankeschön muss auch an die Organisatoren gehen, die dieses Highlight aus dem „House of Music“ nach Straubing geholt haben.
26.04.10 - michael kroll
