Headbanging im Basar
CazYapJazz machten bei ihrem Auftritt in Straubing aus dem Raven einen Basar - in dem richtig abgerockt wurde. Treibende und erdige Rhythmen sowie fliegende Melodien, Haare und Teppiche erfüllten den Bühnenraum im Straubinger Klub. Bosporusjazz in Niederbayern, gespielt von einem deutsch-türkischen Bandprojekt, das seit Jahren zu den Top Acts des Bayerischen Jazzweekends in Regensburg zählt.

Sami Yanyali hätte sicher auch diese Kritik gesammelt, so wie er alle anderen über die Auftritte seines Sohnes Semih gelesen und archiviert hatte. Voller Stolz verfolgte er die Karriere seines, in der Türkei aufgewachsenen Jungen, der seit sechs Jahren als Gitarrist von sich Reden macht: in der Münchner Formation, die sich CazYapJazz nennt, was so viel bedeutet wie „Wir machen Jazz“. Doch Sami ist drei Tage vor dem Straubinger Auftritt von CazYapJazz gestorben – Semin widmete den Gig am 11. Oktober im Raven ganz seinem Vater.
Die Ohrenstöpsel, die an der Kasse zur Eintrittskarte gereicht wurden, signalisierten: „It might get loud!“ Und wer den wunderbaren Gitarrenfilm von Davis Guggenheim gesehen hatte, der war sensibilisiert dafür, dass bei jedem Musiker seine ganz persönliche Geschichte ebenso wie die seiner Generation in die Suche nach musikalischem Ausdruck einfließt, und der konnte das große Glück ermessen, wenn wie bei CazYapJazz, sechs Individuen zu einem Organismus auf der Bühne zusammenwachsen.

Es ist ein deutsch-türkischer Organismus bei dem sich Reinhard Buchner (Bass), Mathis Riehm (Schlagwerk), Hansi Enzensperger (Tasteninstrumente) und Matthias Kaiser (Gebläse) in die harmonische und rhythmische Welt von Ozan Aydogan (Perkussion) und Semih Yanyali einfinden. Jazz wird in den Klubs von Istambul oder Ankara nicht einfach adaptiert, es wird nicht einfach das great american songbook gespielt. An der Schnittstelle von Ost und West wird mit dem Jazz-Material experimentiert, treffen traditionelle 9/8el Rhythmen auf swing feeling, orientalische Klänge auf blue notes. CazYapJazz ist ein Spiegel dafür und ihr musikalisches Können – ihr „amtliches Niveau“ – wird nicht zuletzt durch die bereits sechste Einladung zum Bayerischen Jazzweekend verbürgt. Nach ihrem CD-Debüt „Latife“ erscheint bei Sony nun ein Album, auf dem auch fünf türkische Popgrößen zu hören sind.

Im ersten Teil des CazYapJazz-Auftritts steigen Bilder auf, die an das Titelfoto von Orhan Pamuks „Istambul“ erinnern: Eine orientalische Stadt, im roten, blauen und gelben Licht elektrifiziert, die von Autos und Metros durchsteift wird. Der Sound der sechs Musiker des deutsch-türkischen Projekts wird getragen von Reinhard Buchners erdigem Bass, wobei man sich Erde nicht als Pflanzsubstrat sondern als felsigen Untergrund vorstellen muss. Mathis Riehms zaubert einen rhythmischen Teppich, der wie alle orientalische Webkunst, nie perfekt im Sinne von mechanisch aalglatt daherkommt, sondern durch seine Komplexheit, den Zuhörer immer über mehrere Takte mitnimmt. Ozan Aydogan setzt auf Darbuka und Conga Akzente und vermittelt uns in seinen Soli eine Ahnung von derwischhafter Ekstase. Auf diesem Fundament sorgen die übrigen Musiker dafür, dass sich Musik und Zuhörer in höhere Sphären aufschwingen können. Hansi Enzensperger erzeugt mit seiner Tastenakrobatik Klangteppiche die abheben, Matthias Kaiser zeichnet mit Querflöte, Alt- und Sopransaxofon (wobei er letztere zum Teil gleichzeitig spielt) orientalische Melodien und Semih Yanyali nimmt diese auf eine Reise zu der Ästhetik eines Chuck Loeb oder in die Energiefelder des Rock und Heavy Metal mit.
„Richtig experimentell“ fand dies ein begeisterter Zuhörer und nach jamaikanischen und tansanianischen Stücken wurde es im zweiten Teil zusehens härter, die Rufe nach Zugaben gingen in ein basarähnliches Feilschen, bei dem weitere Stücke mit CDs und Teppichen verhandelt wurden, über und der Abend fand seinen Abschluss in dem ultimativen Zuhörerinnenkommentar: „Sau geil!“ Freuen wir uns auf eine Fortsetzung dieser orientalischen Nacht mit mehr Publikum und weniger Stühlen.
(Text und Fotos: Michael Kroll)
14.10.09 - michael kroll
