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Die schlagende Wirkungslosigkeit eines Klassikers

Sie werden heute abend eine Oper für Bettler sehen. Weil diese Oper so prunkvoll gedacht war, wie nur Bettler sie erträumen, und weil sie doch so billig sein sollte, dass Bettler sie bezahlen können, heißt sie „Die Dreigroschenoper“. So das Motto des Abends. Dieser Prämisse wird zweieinhalb Stunden lang voll entsprochen. Die tun nichts! Die woll’n nur spielen! Episches Theater! Als ob’s was brächte! Mag die Dramatik auch jene literarische Form sein, die die stärksten Affekte nach sich zieht – drohenden Fäuste und rollende Augen bei der Uraufführung von Schillers Räubern – die Hartz-IV-Gesetze wird kein Politiker nach einem Dreigroschenopern-Besuch kassieren. Und wenn das Lumpenproletariat als Kartoffelchips mampfendes Wohlstandselend in die Jetztzeit übersetzt wird, so wird einem der Rest an Mitleid und Furcht (Lessing!) ausgetrieben. Brechts Dreigroschenoper, pro Dekade wohl auf jedem Spielplan jeder deutschen Bühne, war in Regensburg wieder einmal fällig, diesmal zeichnete Petra Wüllenweber als Spielleiterin verantwortlich. Die Spielzeit 2008/09 ist eröffnet.

 Worum geht es? Darum, dass jeder sich selbst der nächste ist, und dass sich hierin Huren und Bettler nicht von Politikern, Wirtschaftsbossen und anderen Verbrechern unterscheiden.
Worum geht es wirklich? Es geht darum, verdammt gute Musik zu hören, die kongeniale Vertonung von gekonnt geschraubten Texten.
Die Regensburger Neuinszenierung hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck, am Ende der Premiere stand es 1:0 für Musik und Musiker.
Das Regiekonzept zeigt viele Ansätze, keiner wird folgerichtig durchgezogen. Viele aufgenommenen Fäden, deren Enden irgendwo im Nichts verlaufen. Die Klammer „tagesaktuelle Bankenkrise“, dargestellt durch Banker beim Schreddern von Aktien, Verträgen und dergl., die Abu Ghraib-Anspielung, bleibt offen, sie schließt sich am Ende des langen Abends nicht, man lügt sich einen schroffen Abgang (Tagesschau-Meldung!), das Finale wird hingehudelt, kein reitender Bote des Königs, kein „Gerettet“, das „Unheil“ aber möge dennoch „nicht so sehr“ verfolgt werden. Unlogisch. Woran liegt es? Zeitnot? Zu wenig Korrepetitionsstunden eindisponiert? Musikalisches Unvermögen?
Willkürlich der Einsatz der Brecht’schen Projektionen. Warum eine zum Kanonen-Song? Warum keine zum „Eifersuchts-Duett“?

 Warum einige Songs und Ensembles choreografiert (verantwortlich: Jan Pruditsch) sind, warum manche nicht (oder so, dass sie nicht weiter stören oder auffallen), bleibt gleichermaßen unerfindlich wie die heterogene Personenführung, die einigen Protagonisten Extempores und hemmungsloses Ausspielen von Probengags, ein Ausscheren aus der sturen Textvorlage erlaubt, anderen wiederum nicht. Das vollkommen beliebige Bühnenbild von Frank Lichtenberg könnte Szenerie für die Hälfte aller dramatischen Literatur sein. Warum überhaupt eins? Eine scheußlichere Couch lässt sich nirgends auftreiben, hässlichere Lampen finden sich nicht im Fundus und das Pink der Leggins könnte schreiender nicht sein. Versatzstücke hätten genügt, Neon-Röhren und grüne Schrägen gerieten zum bloßen und störenden Dekor. Zumal sich das exzellente Dreigroschenorchester unter der Leitung von Jochen Kilian die ganze Aufführung lang hinter dem Bühnenbild verstecken muss. Knackig, präzise und scharf akzentuiert intonieren Franziska Forster, Bob Rückerl, Reinhard Greiner, Peter Palmer, Helmut Nieberle, Markus Schlesag, Michael Scotty Gottwald samt Spieß- und Spaßgesellen, es ist eine Wonne, wie Weill von dieser hochkarätigen Crew interpretiert wird. Es wird einem nicht gegönnt, das Orchester in Aktion zu sehen.

 Übertrieben, überkandidelt, überdeutlich: Großes Ausspielen, gestisches Untermauern des Gesagten, Dopplungen von Text und Mimik, es wird bald zuviel. Grimassenschneiden als Mittel des Epischen Theaters? Scheint so! Das Regensburger Bühnen-Prekariat gemahnt an Harald Schmidts denkwürdige (und zurückgenommene) Sentenz vom Unterschichten-TV. RTL- und SAT1-Talk-Proleten bevölkern das London von Petra Wüllenweber. Cindy von Marzahn die Patin von Polly und Jenny und Lucy und Frau Peachum und Lieblings-Comedian aller Vollprolls Mario Barth das Vorbild für die Herren im Ensemble. Eine Überhöhung, eine artifizielle Herangehensweise hätte dem Stück besser getan, als das Herabholen ins Provinzkiez. Warum Nikola Norgauer (Polly) nahezu den ganzen Abend in einem unvorteilhaften Brautkleid herumlaufen oder herum geschoben werden muss, ist nicht wirklich lustig, wirklich nicht lustig ihre Lizzy-Aumeier-Imitation (und ihre verschämt leise auf bayerisch hingeworfenen Brocken). Paul Kaiser (Macheath) lässt sich zu oft zu sprachlichen Manierismen hinreißen, er ist durchweg der brutale Zuhälter, der schwer Kriminelle, bleibt alles in allem eindimensional. Aber wir befinden uns ja auf dem Epischen Theater, es wird ja nur gespielt, Texte, Gefühle und Situationen müssen nicht verinnerlicht werden. Welch irriger Schluss! Gesanglich ist das Protagonistenpaar den Antagonisten unterlegen. Florian Münzer zeigt sich als Peachum mit einer Improvisation (Unterricht im Bettelwesen) vollends als Komödiant und überzeugt als wandlungsfähiger Darsteller. Er ist lange genug im Geschäft, der Schauspier Münzer, um zu wissen, dass es auch bei Brecht letzten Endes um gute Unterhaltung geht und die Erfindung des Epischen Theaters nichts weiter als ein Punkt im Deutschlehrplan für Gymnasien ist. Doris Dubiel, eine Komödiantin ersten Ranges, ist die Abräumerin des Abends. Umwerfend komisch, voll drauf auf der Rolle, als Schnapsdrossel, als Mutter, als Eheweib und als ausgefuchste kapitalistische Hexe! Die beiden „Alten“ auch die Einzigen mit dem musikalisch treffenden Duktus.

Oliver Severin spielt den Polizeichef Tiger Brown ohne Schlenker ins „Epische“, wenn diese nicht gerade im Brecht-Text stehen. Mehr Präsenz, mehr Tiefgang mag sich bei ihm zeigen, wenn das Stück für ihn Routine geworden ist.
Eine saubere Ensembleleistung (und Musikalität) zeigen Ganoven, Polizisten, Huren und Bettler (Anna Dörnte, Gabriele Fischer, Johanna König, Christoph Bangerter, Roman Blumenschein, Michael Morgenstern und Jochen Paletschek), alle füllen selbst Mini-Rollen vollends aus und gestalten „Wurzen“ mit Hingabe. Das bewegt, das ist sehenswert, diese Ein- und Unterordnung ins Ensemble.

Glänzend übrigens: Regensburgs Tourismuschefin Sabine Thiele in der Rolle als „Opfer militärischer Willkür“. Aber in diesen Genuss kam wohl nur das Premierenpublikum.

 

27.09.08 - peter lang

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