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Die Premiere, die ins Wasser fiel

Der letzte und bleibende Eindruck eines Theaterbesuchs ist immer der Schlussapplaus. Wie das Krug-Ensemble des „Resi“ beim Verbeugen gänzlich sich selbst überlassen war und nicht so recht weiß, wer jetzt mit wem sich zu verneigen hat, so ist das symptomatisch für die ganze Inszenierung. Jeder für sich und alle gegen alle.

Chaos. Dass die Spielleiterin ihr Ensemble weiterhin über 15 Minuten lang buchstäblich im Regen stehen lässt, ist ein weiterer Schluss, der auf die inneren Zustände im „Krug-Ensemble“ und auf die des Hauses gezogen werden darf. Warum nun Kleists „zerbrochner Krug“ just jetzt auf dem Spielplan? Ein Wunschstück Lambert Hamels? Ihm mit dem Part des Dorfrichters Adam eine Paraderolle bietend? Die Regisseurin hat mehr mit Kunstschnee und Bühnenregen zu tun und zu schaffen, als schlüssig und stringent die Personen zu führen. Was Tina Lanik treibt, „den Krug“ in Szene zu setzen, bleibt unerfindlich. Weder versteht sie es, den Kleistschen Sprachwitz und das Tragikomische der genialen Vorlage sichtbar zu machen, noch hat sie eine Idee, geschweige denn ein Konzept für ihre Umsetzung.

 Ein solches böte – im konservativen Sinne – das Herausstellen von Justizwillkür, Machtmanifestation, etc. Sodann meidet Tina Lanik brisante Gegenwartsbezüge, wie etwa Bantam Afghanistan gleichzusetzen. Das alles muss nun auch nicht sein, es wäre immerhin schon viel, wenn sie eine Schauspieler-orienteirte und der Werkimmanenz verpflichtete Inszenierung lieferte. Ihr Anliegen insgesamt bleibt mehr als vage, eine Annäherung an Kleist findet nicht statt. Nicht über die Sprache – jeder babbelt, wie er will, nuschelt, spricht schlankweg seinen Ton dahin, darf manieriert tönen wie’s beliebt, der eine Satz gebrüllt, der andere ganz sacht verhalten, darf wie im schlechten gut gemeinten Kindertheater Satzinhalte auch pantomimisch doppeln, was dreifach ärgerlich, wenn Konterparts mit Lakonie und Understatement diesen Emphasen begegnen. Motive und Charakter – nichts gestaltet Lanik – es bleibt so vieles (alles!) im Diffusen. Der Schreiber Licht (Mark-Alexander Solf) kein Luzifer, bei Lanik ist er Kumpan des Dorfrichters. Die Marthe Rull (Barbara Melzl) keift unerträglich, schrill und ohne Stimme, Textunkundige verstehen gänzlich nicht, was will das Schreckensweib – unerträglich! Veit Tümpel (Alfred Kleinheinz) fällt nicht weiter auf und kann somit nicht stören, sein Sohn der Ruprecht (Shenja Lacher) ein Ruprecht wie halt überall, in Lüneburg und Memmingen, teils polternd laut, teils töricht-tumb und insgesamt halt hölzern. Jennifer Minetti darf brav den Brigitten-Text aufsagen. Was treibt das Weib, den Teufel ins Geschehen zu projizieren? Die Regisseuse scheint dies nicht zu interessieren. Viel mehr soll’s wohl die Optik richten! Jetzt machen wir es mal gaaaaanz anders: Episch! Und überhöht! Symbolisch das versteht sich! Bildgewalt? Gäääähn! Gaze-Wände, Wellblechboden, Schneegestöber, Regen prasselt, Neonlicht – Bernhard Hammer hat’s designt. Scheint grad in Huisum Mod’ zu sein. Der Nutten-Look, wie die Kostüme von Su Sigmund zeigen. Schicksalsglocken, Chillout-Töne, Sphären-Klänge – die Musik von Helmut Neugebauer beliebig, austauschbar, wie alles andre auch in diesem „Krug“.

 Warum die Mägd’ als Doppel-Kammerkätzchen kommen? Ein Gag. Die Eve von Frau Anne Schäfer trägt ein rotes Kleid, sie schaufelt sich den Schnee in den erhitzen Unterleib. Sie legt ins Schneebett sich und leidet, leidet, leidet. Und leidet gern in diesem tristen Unterstand, der Richtplatz ist und nicht nur Richterplatz. Ein Routinier, gewandter Spieler zwar und überzeugend in so vielen Rollen, ist Rainer Bock doch kein Gerichtsrath. Klischeebeamter optisch, so manche Mätzchen der Regie (sind’s Proben-Gags?) verinnerlicht, ist er ein lächerlicher Wicht und wenn er sie nicht hat, so soll er sie halt spielen: die Autorität. Lambert Hamel kann einem Leid tun. Über weite Strecken ist er zum Stichwortgeber degradiert, aber er ist zu sehr Komödiant und Bühnenprofi, als dass er sich die große Rolle gänzlich demontieren ließe. Zu hastig hingehechelt manche Phrase, die Silben schluckend, atemlos, das nimmt man hin, er ist der „alte Adam“, den er selbst beschwört, man spielt nicht nur ein Stück, man spielt auch immer seine Rezeptionsgeschichte.

 Das sollte man vielleicht man auch der Dramaturgie/Regie stecken. Diese Rezeptionsgeschichte kann man aufgreifen, brechen oder karikieren, es reicht nicht, einfach 1:1 das Stück herunterzunudeln, alter Wein in neuen Schläuchen. Moment: Das „Resi“ zeigt uns einen neuen Schluss. Tatsächlich? Nein, man lügt sich einen schroffen Abgang. Eves Monolog erbringt nichts Neues, wenn er en face ins Publikum gebrüllt, wenn er nach hinten an die Wand geseufzt. Stumm stehen alle da, die Rebellion von Kleist ins Manuskript geätzt, am Resi bleibt sie aus. Versteinert steht er da, der Rupprecht, und alle anderen, die Mäuler offen, sie lassen ihn dahin zieh’n, seelenruhig, unbehelligt, den korrupten Richter, das Weite suchend und es findend. Dem Krug soll auch kein Recht geschehen, die Appellation an eine höhere Instanz, Frau Lanik lehnt ein solch Verfahren ab. Nur so ist dieses zu verstehen, es sei denn, die Probenzeit wurde mit dem Austesten von den vielen Kunststoffschnee-Arten, die es gibt, Sprinkleranlage und Bühnenwanne vertan, anstatt sich mit Kleist zu beschäftigen. Vergebne Liebesmüh’ das ganze! Leid können einem die Kräfte in Technik und Kostümabteilung tun, die im wahrsten Sinn des Wortes, Bühne und Kostüme allabendlich säubern müssen. Und auch hier wieder, leider, ein Bild, das symptomatisch scheint. Wozu hat man denn Personal? Und Steuerzahler, die es finanzieren.

Fotos: Thomas Dashuber/Bayer. Staatsschauspiel
www.bayerischesstaatsschauspiel.de

 

8.02.09 - peter lang

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