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Der Mensch ist gar nicht gut..

Inszenierung: Petra Wüllenweber
von Regine Arends

Gleich in der ersten Szene wird die moritatensingende Putzfrau um die Ecke gebracht und in einem Müllsack entsorgt. Doch so brutal geht es nicht weiter, so gnadenlos ist das Stück nicht angelegt. Die Musik von Kurt Weill, gespielt vom "Dreigroschenoperorchester" unter der Leitung von Jochen Kilian, gibt den Ton an. Sie bringt Leichtigkeit, Witz und gute Laune auf die Bühne. Die Inszenierung von Petra Wüllenweber sorgt ganz im Sinne Brechts dafür, dass der Zuschauer keinen Moment vergisst, welche Rolle er selbst gerade spielt. Die Schauspieler singen gekonnt ihre Moritaten und Balladen zum Vergnügen des Publikums, sie monologisieren an der Rampe, sprechen die Zuschauer an, bitten sie um Hilfe und Mitwirkung, und sie geben ihren Figuren so unterschiedliche Facetten, dass man sie nicht als eindimensionale Charaktere wahrnehmen kann.

Die Typen auf der Bühne sind jedenfalls keine völlig verkommenen und amoralischen Menschen, sie können es sich – aus ihrer Sicht – einfach nicht leisten, hilfreich und edel zu sein. Erst kommt das Fressen, dann die Moral, und manchmal kommt die Moral auch nicht von selbst, wenn der Bauch voll ist. Um das zu erkennen, muss man vielleicht nicht unbedingt ins Theater gehen.

Szene3Obwohl der Stoff der Dreigroschenoper uralt zu sein scheint, spiegeln ihre Figuren auch die moderne Welt. Bühnenbild mit Neonleuchten, Kostüme, die in ihrem übertriebenen "Glanz" als Geschmacklosigkeiten einer abgewirtschafteten Popkultur zu erkennen sind, stellen die Bezüge zur Gegenwart her, ebenso wie manche sprachlichen Angleichungen.

So ist es nicht verwunderlich, wenn Florian Münzer als Besitzer der Bettlerfirma im grauen Anzug so zivil agiert wie ein Unternehmer. Selbst Macheath, der Dieb, Mörder und Bandenchef ist kein Brutalo in Reinformat. Im Spiel von Paul Kaiser entwickelt er nach anfänglich brutalem und zotigem Verhalten fast einen intellektuellen Touch. Als Alpha-Affe versucht er nur noch, seine diversen eifersüchtigen "Bräute" zu beruhigen und seine gefährdete Haut zu retten. Polly, die Tochter des Bettlerchefs und seine neueste Errungenschaft, steht ihm mit bedingungsloser Liebe zur Seite.

Mit Nikola Norgauer als Polly, Gabriele Fischer als Moritatensängerin und Spelunkenjenny sowie Anna Dörnte als Hure Lucy sind diese weiblichen Rollen glänzend besetzt. Doris Dubiel versteht es dank ihres schauspielerischen Ausdrucksvermögens, ihre Rolle der Frau Peachum zu einer der eindrucksvollsten des Stückes zu machen.

Auffallend souverän ist auch Oliver Severin als Tigerbrown, Polizeichef von London. Roman Blumenschein scheint in den unterschiedlichsten Rollen wie Bettler, Konstabler, Pastor, Hure und Braut mit keiner Figur überfordert zu sein.

Szene3Häufiger Szenenapplaus honoriert vor allem die musikalischen Darbietungen. Spielerisch wechseln laute, gewaltsame Aktionen mit grotesken, schrillen Szenen und leisen, lyrischen Momenten. Die Inszenierung hält die Balance zwischen dem aufklärerischen Anspruch der Vorlage und dem hemmungslos dreisten, frechen Agieren fröhlicher Typen, denen nichts heilig ist - wobei es interessant wäre, zu erfahren, ob die amüsante und teilweise sympathische Frechheit vieler Figuren manch einen Zuschauer nicht doch zur Identifizierung einladen könnte.

Fotos/Ausschnitte: Juliane Zitzlsperger

 

29.09.08 - regine arends

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