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„Das ist ja unglaublich!“

Mit Beifallsbekundungen wie „Das ist ja unglaublich“ wurde der Auftritt des HDV Trios belegt, „So was von stark“ fanden Zuhörer das Spiel des St. Øhl Trios und das Panzerballett lieferte seine Konzertattribute gleich selbst: „einfach noch oben draufgekrasst“. Das Unglaubliche beim 28sten Jazzweekend in Regensburg dürfte die Zustimmung des Publikums für das Experimentelle gewesen sein. Was früher noch als free jazz oder einfach als Krach gebrandmarkt worden wäre, fand heuer tosenden Beifall.

Stell dir vor, jemand intoniert Joyce, Schwitters und Heine und alle hören zu. So geschehen auf dem 28sten Bayerischen Jazzweekend in Regensburg, als Yara Linns ihre Liebe zu Gedichten auf der Bühne des Leeren Beutels ausbreitete.  Musik muss ihr im Blut liegen und nachdem dieses eine Mischung aus deutschem und brasilianischem ist, konnte Yara Linns spielend vom Bossa zur Gedichtvertonung wechseln. Unterstützt von starken Charakteren am Piano, Saxofon, Bass und Schlagzeug, wurde ein perfektes Bühnenbild aus lyrischem Jazz aufgebaut – dass im Anfang das Wort war, konnte hier sinnlich erfahren werden.

Musik die alle Sinne anspricht, also auch durch Mark und Bein fährt, lieferte das St. Øhl Trio in der Oswaldkirche. Als wenn sich die Himmelspforten selbst geöffnet hätten, schoss ein Energiestrom, den man „speedbop“ nennen möchte, ins Kirchenschiff und hielt Raum und Publikum bis zum letzten Ton in Bann. Musikalische Urgewalt in einem Gotteshaus zu präsentieren war mehr als passend, es sei denn, man wollte sich daran stören, dass in heiligen Hallen drei Musiker wie die Teufel aufspielten.

Die Oswaldkirche wieder als Spielstätte des Jazzweekends aufzunehmen hat sich als besonders Vorteilhaft erwiesen. Denn Formationen wie Schleierfahndung oder Double-Half bedürfen eines Ortes der Konzentration erlaubt. Gerade Grenzgänger wie Heiko Bidmon, Markus Schieferdecker und Maximilian Ludwig brauchen einen festen Rahmen, da sich ihre Musik ständig in Richtung Ton und Geräusch auflöst und rhythmische Strukturen nur kurzzeitig aufscheinen.

Hörenswert auch das Bataillon Modern, dass das Kirchenschiff wenn nicht urgewaltig, so doch gewaltig mit Tuba, Saxofon und Schlagzeug füllte. Die zum Teil eingängigen harmonischen und rhythmischen Strukturen lieferten den Musikern eine solide Basis für ihre weit reichenden Ausflüge ins Experimentelle – Musik, die sich dessen bewusst ist, dass sie letztlich von der Stille lebt.

Stille ist auch das Stichwort um auf die Intendanz des Jazzfestes zu kommen, denn das Team um Richard Wiedamann, Sylke Merbold und Ulrike Schwarz achtet peinlich darauf, dass an Ständen und Spielstätten keine Konservenmusik ertönt. Wohltuend, denn der Besucher möchte sich seinen Musikgenuss nicht gleich durch Allerweltsdedüdel wieder übertünchen lassen.

Nicht, wenn an einem Tag die Männer um Jan Zehrfeld mit ihren Stromgitarren „loskrassen“ und ebenso viele begeisterte  Zuhörer finden wie am gleichen Abend das sehr gefühlvoll-filigrane Duo Lisa Wahlandt und Rüdiger Eisenhauer. Stand am Vormittag noch ein Zappa-Medley auf dem Programm, an dem sogar der Altmeister des orchestralen Freak-Sounds seine Freude gehabt hätte, so begeisterten nur wenige Stunden später im romantisch illuminierten Thon-Dittmer-Hof W.E.D mit meisterhaft interpretierten Madonna-, Marlene- und Jobim-Stücken.

Traditionell begann das Jazzweekend mit dem Auftritt des Landesjugendjazzorchesters, das nach einer Arbeitsphase in der Musikakademie Alteglofsheim das Auftakt-Konzert auf dem Bismarckplatz gab. Willi Staud und Harald Rüschenbaum zeichnen für das Konzept dieser Jugend-Bigband-Förderung verantwortlich. Bei allem Musikgenuss und Festcharakter darf man nämlich die Ursprungsidee des Weekends nicht vergessen: es geht um Nachwuchsförderung. Und so konnte auch das Missverständnis bei der Eröffnungsrede des Kunstministers Dr. Wolfgang Heubisch nicht größer sein, als er davon sprach, in die Jugend zu investieren, da „wir euch brauchen“. Dieser Zweck-Egoismus, die Jugend als Ressource zu begreifen, ist derzeit ein politisches Standardstatement. Doch Minister Heubisch täte gut daran, sich mit dem pädagogischen Ansatz Rüschenbaums zu befassen, der die Jugend um ihrer selbst Willen fördert.

Jugendförderung betreiben auch die Straubinger Jazzfreunde und ein Preisträger ihres Nachwuchswettbewerbs zierte heuer das Plakat des Regensburger Weekends: David Helbock. Er tourt derzeit durch Italien, Island, Luxemburg und Kenia und war mit dem HDV Trio in Regensburg. Der „Vorarlberger Monk“ begeisterte den vollbesetzten Leeren Beutel: Timing, Virtuosität, Komplexität und Esprit, das sind die Stichworte, die sein Spiel charakterisieren und sie beschreiben gleichermaßen das Jazzweekend 2009.

(Text und Fotos: Michael Kroll)

 

14.07.09 - online redaktion

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