Das Beste aus zwei Welten
Zugegeben, Straubing ist lediglich die Metropole des Gäubodens und Regensburg trotz Welterbetitel nicht der Motor der Kulturavantgarde. Doch Andreas Dombert hat mit seinem Urban-Jazz-Projekt bewiesen, dass einmal Provinz nicht zwangsläufig immer Provinz bedeuten muss. Denn der in Regensburg lebende Gitarrist hat mit seinem Straubinger Schulfreund und musikalischen Alter Ego Peter Sandner einen weltstädtischen Sound kreiert, der beispiellos ist. Sandners elektronische Sounds sind nicht nur modische Zutat, sondern wesentlicher Bestandteil von Domberts Kompositionen und als vollwertiges Instrumentarium des Quintetts anzusehen.
Wie kombiniert man den klassischen Jazzsound mit elektronischer Musik? Diese Frage hat sich Peter Sandner lange gestellt und „die Antwort ist noch nicht endgültig gegeben“. Entstanden ist sie für den Multiinstrumentalisten aus dem Wunsch, auch unter sehr beengten räumlichen Verhältnissen Musik machen zu können. So kam er auf Computer und Sequenzer, zu Loops und Samples. Diese digitale Klangästhetik wollten die beiden Musiker dann mit dem Sound der Archtop-Gitarren und Kontrabässe verbinden. Herausgekommen ist eine Reihe von Titeln, die Namen tragen wie „weißes rauschen“, „new york bei nacht“ „tiefes blau“ und „in der spur“. Veröffentlicht worden sind sie kürzlich auf dem Label „Double Moon Records“, dessen Geschäftsführer Volker Dueck unter anderem in der Jury des Straubinger Nachwuchswettbewerbs „Startbahn Jazz“ sitzt. Die CD „Chameleon“ ist die 33ste Produktion in der Next-Generation-Reihe der rennomierten Fachpublikation „Jazzthing“. „Dombert’s Urban Jazz“ befindet sich dort nun in guter Gesellschaft mit Formationen wie „Cyminology“ und dem HDV Trio.
Die Erwähnung des Tonträgers ist deshalb von Bedeutung, da sich alle, die den grandiosen Konzertabend im Leeren Beutel versäumt haben, trotzdem in den Genuss dieses Klangerlebnisses bringen können. Der Applaus vor der Zugabe klang zwar nach einem gut gefüllten Saal, doch tatsächlich hatten nur etwa 20 Besucher den Weg zum „Highlight des Monats“ gefunden. Zusammen mit den famosen Matthias Meusel (Schlagzeug), Benjamin Schäfer (Bass) und Lutz Häfner (Saxofon) verwandelte das sympathische Quintett die altehrwürdigen Mauern in futuristische Metrostationen, top gestylte Terminals und großstädtische Ausstellungstempel. Die Musik, ausschließlich aus Andreas Domberts Feder, lässt nämlich Assoziationen mit U-Bahnfahrten zu, bei denen sich die Geräusche und Klänge des städtischen Raums, Klang- und Wortfetzen der omnipräsenten Medienbeschallung mit den Tracks des eigenen MP3-Players vermischen. Die Durchdringung und gegenseitige Beeinflussung des digitalen und analogen Raums wird hier offensichtlich und – genussvoll zelebriert. Mal dominieren die synthetischen Klänge des Byte-Künstler Sanders mal steht das virtuose, doch immer gefühlvolle Spiel des Jazzgitarrenklassikers Dombert im Vordergrund. Mal kommen Beat und Groove von der Festplatte mal berauscht der grandiose Meusel mit seinen hand- und fuß gemachten Rhythmuswundern. Mal kommen Bass und bassähnliche Klänge aus dem Kabelsalat des Bühnenmischpults mal übernimmt Schäfers extrem trocken und knackig gespielter Kontrabass die Initiative. Und dazwischen Lutz Häfner! Sonst als fester Bestandteil der Volvo Big Band bekannt, schwingt er sich in diesem Quintett zu improvisatorischen Höhenflügen auf.
„Wow“ war der deutlich hörbare Kommentar eines Besuchers nach der dritten Nummer und dem ist nichts hinzuzufügen, außer dem Wunsch nach einer baldigen Begegnung von Stadt und Provinz.
11.06.10 - michael kroll
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