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Babylon zu Gast

Einen geradezu  "internationalen" Abschluss der donumenta 2008 mit dem Thema "Kroatien" bot Dalibor Martinis Theaterperformance "Simultaneous Speech" am 4.11.2008 auf der Bühne des Studententheaters. Zwölf Regensburger Bürger sprechen ihre Muttersprache und tragen gemeinsam mit dem Erfinder der Simultaneous Speech zum Gelingen des Gesamtkunstwerks bei. Das kurz vor Beginn eingelassene Publikum bringt ein typisches Gemurmel der Menge hervor, aus dem nach und nach ein vom Band abgespieltes vielsprachiges Stimmengewirr wird. Man verstummt, erwartet gespannt, was der Theaterabend bringen wird.

 Schon die Gattung der Performance, die das Regensburger Publikum eher selten zu sehen bekommt birgt Spannung in sich, ist doch der Live- Charakter bei dieser Kunstform unabdingbar und der Zuschauer wird auf eine Art selbst zum Teil der Performance. Nach und nach erscheinen in den orgelartig angeordneten Dolmetscherkabinen, in schlichtem Grau gehalten, Menschen unterschiedlicher Herkunft. Sie sind in seriöse Business-Outfits gehüllt, setzen sich Kopfhörer auf, nippen bedeutsam an ihren Wassergläsern, sortieren ihre Unterlagen.

Der Solist tritt auf, zögerlicher Applaus des Publikums, das vielleicht nicht ins Geschehen eingreifen will, sich aber auch nicht in eine Mitspielerrolle drängen lassen will. Aus Dalibor Martinis Rede in kroatischer Sprache lassen sich Wortfetzen erkennen, die unverkennbar auf einen politischen Inhalt hinweisen: Kommunista, Resultata, Reforma.

Ein Sprech- und Sprachkanon der "Dolmetscher setzt ein. Die fünf Frauen und sieben Männer "übersetzen" was die Mikros verstärken, jedoch nicht die Rede des Kroaten.
Dalibor Martinis reduziertes, funktionales und ohne Zweifel transportables Bühnenbild, das die Tribüne für die Sprecher bildet und das rot hervorstechende Rednerpult des Solosprechers formen den optischen Rahmen zu dem akustischen Erlebnis.


Der Bühnentechniker, der bei der Performance eine wichtige Aufgabe inne hat, stellt nun einzelne Sprecher lauter ein, wodurch der Rest in Gemurmel aufgeht. Als der deutschsprachige Dolmetscher an der Reihe ist, gewinnt die Darbietung eine neue Ebene. Auf einmal ist es der Inhalt des Gesprochenen, dem man lauscht. "Ganges austrocknen", und andere bedeutende Aussagen lassen die Worte als Übersetzung einer Rede Ghandis erkennen. Bald verschwinden die vertrauten Worte wieder in der Masse, zunächst stechen einzelne, später kombinierte Stimmen lauter hervor. Wechsel zwischen Strophen und Refrain lassen sich erahnen.

 Auch der Kontrast zur Stille wird bei dieser Sprechoper eingesetzt. Nach Verwirrung und auch einem verschämten Schmunzeln, das einigen Zuhörern bei dem  gegurgelten Arabisch über die Mundwinkel huscht, geht der Hauptredner von der Bühne, und nach und nach, begleitet von Lichtwechseln, verschwinden die Dolmetscher. Black.

Die englische Sprache bewusst weggelassen? Als "Weltsprache" hätte sie den Grad der Verwirrung womöglich abgeschwächt. Die Reduktion der Darstellung, die beinahe ohne Gestik und Mimik auskommt, verhindert zusätzlich den Versuch, die Inhalte nachzuvollziehen. Nach einer Stunde Stimmengewirr, applaudiert das Publikum den zwölf Regensburgern, dem kroatischen Künstler und seinem deutschen Kollegen Joseph Berlinger. in Theaterabend geht zu Ende, der seinen Zuschauer noch einige Gedanken über Sprache und Verständnis abverlangt.

(Text: Bettina Hutterer
Fotos: Michael Kroll)

 

7.11.08 - online redaktion

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