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Anstiftung zum Widerstand

Urban Priol geht eigentlich gar nicht! Messerscharfes Gebabbel, Systemkritik im Fernsehen und Kabarett, das zum Widerstand aufruft, sind widerstreitende Aspekte, die nur schwer unter einen Hut zu bekommen sind. Vielleicht stehen deshalb dem Polit-Kabarettisten Priol die Haare auch so zu Berge. Aber weder das ZDF, wo "Neues aus der Anstalt" läuft, legt ihm Steine in den Weg, noch muss er sich über Zuschauermangel beklagen. Im Gegenteil: Priols Fangemeinde wächst und nach Statt-Theater und Antoniushaus klärt er nun im Audimax auf. Sein heimatliches Aschaffenburg nennt er ein gallisches Dorf, in dem er ungestört seiner Arbeit nachgehen kann. Ob er sich darin als Asterix oder Miraculix sieht, ist nicht bekannt. Fakt ist hingegen, dass er von Linz bis Flensburg unterwegs ist und er sich aufs Reisen versteht. In Regensburg bleibt er zwei Tage, wohnt im Hotel mit der besten Stadtsicht und als wir ihn zum Interview treffen, will er die herbstliche Morgensonne und den Blick auf die Steinerne von der Hotelterrasse genießen.

 Herr Priol, muss Kabarett politisch sein?
Muss nicht, aber ich find’s prickelnder so. Mich interessieren halt politischen Themen. Ich wurde schon im Elternhaus politisch geprägt und von daher geht das eine nicht ohne das andere. Und es ist doch letztlich alles politisch – so etwa, wenn Sie sich beim Einkaufen fragen, wo das Zeug eigentlich herkommt. Die kleinen Dinge werden von der Politik ebenso geprägt wie die Politik von den kleinen Dingen beeinflusst wird.

Sie gehen auf der Bühne ja ganz schön zur Sache, legen sich mit den Mächtigen an. Wie viele Klagen haben sie derzeit am Hals?
Erstaunlicherweise keine. Ich denke, das ist so wie in den USA: Richtig verärgert sind die Politnasen doch erst, wenn man sie gar nicht mehr erwähnt. Die größte Strafe ist immer noch, einen Politiker links oder rechts liegen zu lassen. Hie und da hat es mal schon Zuschriften mit Korrekturwünschen gegeben aber (er klopft auf Holz, Anm. d. Red.) bis jetzt war immer alles sauber recherchiert.

Haben Sie mit der Bundeskanzlerin oder dem Bundespräsidenten schon mal persönlich zu tun gehabt?
Nein. Mit Edmund Stoiber schon des Öfteren – auch mit Gerhard Schröder. Merkel und Köhler nein und gerade bei Horst Köhler befürchte ich auch eine eher langweilige Veranstaltung.

 Wie muss man sich eine Begegnung Priol-Schröder oder Priol-Stoiber vorstellen – zumal sie ja diese beiden bevorzugt entlarven?
Es hat sich im Wesentlichen das bestärkt, was ich ohnehin schon vermutet hatte: Du wirst, wie eigentlich die meisten Menschen, die mit Politikern zu tun haben, am Rande abgehandelt. Da kommt dann eine Bemerkung wie „schöne Vorstellung“ und es wird zum nächsten Punkt übergegangen. Von Guido Westerwelle wollte ich mal wissen, wie sich der damalige FDP-Slogan „mehr Wachstum“ verwirklichen sollte, in einem Land, in dem die Bevölkerung ebenso wie die Arbeitsplätze wegschrumpfen. Westerwelle meinte dann: „Ja, die Menschen werden immer neugierig sein, die Menschen wollen immer kommunizieren! Nehmen Sie doch nur die Kommunikationsbranche!“ Das war einen Tag, nach dem die Telekom unter Ricke angekündigt hatte, über 30.000 Leute zu entlassen. Also von direkten Politikerkontakten braucht man sich nicht allzu viel erwarten.

Wollen Sie
denn mit Ihrer Arbeit die Welt verändern, die Menschen aufrütteln?
Ich glaube, in jedem Menschen steckt so ein bisschen was von einem James Bond. Jeder möchte die Welt vor dem Bösen retten, nur in der Praxis erweist sich das als schwierig. Unsere Welt ist gerade dabei völlig aus dem Ruder zu laufen. Da wird wochenlang über Milliardenpakete für die Finanzwelt geredet und dass sich die Zahl der hungernden Menschen dramatisch erhöht, ist nur eine Randmeldung. Der Klimaschutz ist aus der öffentlichen Diskussion ganz verschwunden, die Sorge um die Finanzen überlagert alles. Und nun soll noch der Bürger mit seinen Steuergeldern dafür sorgen, dass das Vertrauen in den Geldmarkt zurückkehrt: Das ist doch wohl ein Witz!
 
Die Wahlbeteiligungen sprechen nicht dafür, dass die Menschen aktiver werden …
Das ist die billigste Art, seine Unzufriedenheit zu äußern. Man muss aber zur Wahl gehen, auch wenn man mit vielen Dingen unzufrieden ist. 100 Prozent Wahlbeteiligung mit 100 Prozent ungültigen Stimmen – das wäre mal ein Zeichen. Aber gerade im Kleinen kannst du zeigen, dass du nicht alles hinnimmst, was dir vorgesetzt wird: Nachlesen, Hinterfragen und Protestieren, wenn du nicht einverstanden bist.

 Ein Aspekt ihres Kabaretts ist, Dinge nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Wenn sich unser Bundespräsident hinstellt und angesichts der Finanzkrise eine bedauernde Träne ins Knopfloch gießt und er so tut, als könne niemand etwas dafür, dann muss halt auch mal gesagt werden: Horst Köhler hat von 2000 bis 2004 dem IWF (Internationaler Währungsfonds, Anm. d. Red.) vorgestanden und die ganze Deregulierung vehement mit angeschoben. Genauso wie man die Anwanzkampagne Angela Merkels im Vorfeld des Irakkrieges nicht vergessen darf, ihre Haltung zur Klimapolitik, die nichts außer schöne Worthülsen hervorgebracht hat, oder die geplante Bestellung von Ex-Bundesbankpräsident, Kuratoriumsvorsitzender der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und Hypo Real Estate Aufsichtsratmitglied Hans Tietmeyer zum Leiter der Finanzkrise-Expertengruppe. Merkel hat, und das ist meine größte Kritik an ihr, durch ihre süßliche Einlullungspolitik dafür gesorgt, dass sich das politische Desinteresse in weiten Teilen noch verstärkt hat. Deshalb muss einmal Gesagtes den Verantwortlichen später wieder vor die Nase gehalten werden, um die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen.

Die Ereignisse fallen ja nicht aus dem heiteren Himmel. Gerade was die Finanzkrise anbelangt, gab es schon seit Jahren Kritik an der Amerikanischen Wirtschaftspolitik.

Ich will nicht sagen, dass ich ein Prophet bin, und ich möchte bei Leibe nicht behaupten können „das hab ich euch doch schon immer gesagt“, aber das Rahmenprogramm für „Tür zu!“ habe ich vor zwei Jahren geschrieben und die Finanzkrise zeichnete sich ab, und wer genauer hinschaute, konnte sich die Konsequenzen ausmalen. So ist es auch bei den anderen Themen wie dem Einsatz der Bundeswehr im Inneren oder die Ausweitung der Überwachungsbefugnisse: Das nimmt keiner wahr, keiner regt sich auf und in zwei drei Jahren haben wir dann den Salat.

Information ist ja leider eine Holschuld, man bekommt die Zusammenhänge nicht vorgekaut. Wie informieren Sie sich, welche Zeitungen liegen bei Ihnen auf dem Frühstückstisch?
Also ich versuche es immer zuerst mit TAZ und BILD. Einen Morgen fange ich mit der Tageszeitung an, einmal mit der Bild. Die Berichterstattung geht so diametral auseinander und aus dieser Gegenüberstellung kann ich schon viel rausziehen. Dazu lese ich eine Lokalzeitung, die Süddeutsche, die FAZ und die Wochenmagazine. Am liebsten sitze ich dabei irgendwo, zum Beispiel in der Bahnhofskneipe, denn da höre ich auch, über was so geredet wird, wie andere die Meldungen so aufnehmen. Und dann bekomme ich mittlerweile auch viele Zuschriften, zum Teil ganz interessante Sachen, die Leute persönlich erlebt haben.

 Von der Information ist es ein kleiner Schritt zur Bildung. Wie sehen Sie die Bildungsdiskussion, den Bildungszustand der Republik?
Ein aufgeklärtes Volk will ja gar niemand. Die Bildungsmisere kann also kein Zufall sein, das ist schon bewusst so gemacht. Wenn man sich die sogenannte Bildungsoffensive anschaut, diese Showtermine mit ein paar schönen Fotos, wo dann als Kinderschreck durch die Vorschulen geturnt wird, dann sieht das alles ganz nett aus, aber was bringt das? Was bringt eine Bundesbildungsministerin, die durch die Umsetzung der Föderalismusreform überflüssig wird, die sich quasi selbst abgeschafft hat als dies, dass innerhalb der Union für Frau Schavan einfach ein Posten geschaffen wurde, nachdem sie nicht Bundespräsidentin werden konnte. Da geht es, für jeden durchschaubar, um Posten und nicht um die Verbesserung der Bildung.

Oder wenn es beispielsweise der Generalsekretär der Union schlimm findet, dass die Sitten im Privatfernsehen zusehends verfallen, wenn er darüber bestürzt ist, dass Todesnachrichten an Verwandte vor laufender Kamera in Fernsehshows überbracht werden, dann muss man schon mal nachfragen, wer denn dieses Ausufern der Medienmärkte in den 80er-Jahren geradezu herbeigesehnt und erst so richtig ermöglicht hat – das war doch die Union. Das kommt alles nicht von ungefähr, das sind Entscheidungen, die von Politikern bewusst herbeigeführt werden.

Wobei wir dann wieder beim Kabarett wider das Vergessen wären. Herr Priol, vielen Dank für das Gespräch.

Priol im Netz [<]
Priol in der Nähe:
Fr 30.10., Abensberg, Sporthalle der Realschule
Sa 31.10., Schwandorf, Oberpfalzhalle

 

(Interview und Fotos: Michael Kroll)

 

9.11.08 - michael kroll

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