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Sechs Bands, sechs Sieger – das gibt es nur beim internationalen Nachwuchsprojekt „Startbahn Jazz“. An zwei Tagen überzeugten jeweils drei Jazz-Formationen mit ihren Talenten. Ungewöhnliches, ja außergewöhnliches gab es beim neunten Förderwettbewerb der Jazzfreunde Straubing zu hören. Die Jury, die sich wie das who is who der bayerischen Jazzszene liest hatte es nicht leicht, aus über 70 Bewerbungen die Newcomer auszuwählen, die sich am zweiten Mai Wochenende dem begeisterten Publikum stellen durften.
Richard Wiedamann, der Erfinder des Bayerischen Jazzweekends, Ulli Habersetzer, Mitarbeiter der Jazzabteilung beim Bayerischen Rundfunk, Volker Dueck, Vorstand von Jazz&WorldPartners, Gunther Conrad, Leiter des Music College Regensburg und Willi Staud, organisatorischer Leiter von „Jugend jazzt“ haben lauter aussichtsreiche Jazz-Projekte auf die Rollbahn geholt und allesamt sind ziemlich senkrecht in den bayerischen Jazzhimmel gestartet.
Wer regelmäßig Jazzkonzerte besucht weiß, dass sich manche Auftritte erst im zweiten Set entfalten, die Musiker oft erst nach einer gewissen Aufwärmphase so richtig frei aufspielen. Umso höher muss man die Kurzauftritte im Wettbewerb werten, bei denen zum Teil nur Zeit für drei bis vier Titel ist. Von daher war es fast etwas unglücklich, dass „Station 5“ mit ihrer nicht gerade massentauglichen Kost den Auftakt machten. Ihr erstes Stück, zudem ein Medley aus Rhythmen und Stilen, traf das Publikum denn auch unvorbereitet, der Zugang zur
Stimmung, „in Athen einen Kaffee zu trinken“ fiel schwer. Erst im dritten und zugleich letzten Stück konnte das Quintett, in dem besonders Bass und Schlagzeug auffielen, ihr „Farbenspiel“, das ein wahrer Rausch an Rhythmik und Dynamik war, voll zur Geltung bringen.
„Lucid“ waren schon von der Besetzung und der Instrumentenwahl für eine kleine Sensation gut: Stimme, Tasten und tiefes Gebläse, eine ungewöhnliche Mischung, insbesondere wenn die Contra-Alt-Klarinette zum Einsatz kommt. Mit ihren tiefsinnigen, fast philosophischen Arrangements bewegten sie das Publikum sichtlich. Das Trio lieferte ein Plädoyer für mehr Gesang im Jazz und ist ein Sinnbild für den Mut, den die jungen Jazzer beim Wettbewerb an den Tag legten. „Harmzone“ hätten sich mit ihrer Soft-Fusion besser als Auftakt des Abends geeignet. Beeindruckend war hier der wunderbar weiche und melodische E-Bass und später der wunderbar voluminöse Kontrabass. Nach der zweiten Wayne-Shorter-Nummer merkte man förmlich, dass die vier voll drauf waren.
Wie bei den Wellenreitern im Münchner Eiskanal war ihr Spiel im Fluss und die musikalische Energie war zum greifen nah. Schade, dass organisationsbedingt für keine der Formationen Zugaben drin waren.
Den zweiten Abend eröffnete der Musikredakteur des Bayerischen Rundfunks, Roland Spiegel, der kenntnisreich und mit viel Einfühlungsvermögen durch den Abend führte. Auch an diesem Abend eröffnete mit „El Briño“ eine Formation den Abend, die ihren Modern Jazz ziemlich sperrig und nicht gerade leicht zugänglich präsentierten. Die 30 Minuten Spielzeit hätten mit weniger langen Soli und stärker zugespitztem Programm besser genutzt werden können. Doch der Wettbewerb ist ja zugleich eine gute Schule, in der die Musiker lernen, wie ein Publikum zu erobern und es für sich zu gewinnen ist. Der Publikumsliebling waren ohne Zweifel das „Anna Laszlo & Friends Jazz Quintett“. Die
Formation wäre auch ohne die ungarische Frontfrau Anna Laslo ein Ohrenschmaus gewesen: sehr gut harmonierend, das Schlagzeug mit einem extrem ruhigen Drive, ein lockerer und frischer Bass und ein Piano, das die Band sowohl stützte wie auch mit Akzenten belebte. Die Formation wird im Jahresprogramm der Jazzfreunde Straubing noch einmal zu hören sein – so entschied die Wettbewerbsjury. Wer sich für Vibraphonklänge in intelligenten Arrangements, flankiert von vier sehr inspirierten Jazzern interessiert, sollte auf dem Bayerischen Jazzweekend die Augen und Ohren für das „Offshore Quintett“ offen halten: Mallets-Sound auf Spitzenniveau!
Ein weiterer Höhepunkt, war die spontane Session, die die Musiker des zweiten Wettbewerbstages im Raven hinlegten. Weit nach Mitternacht bestand die Zuhörerschaft zwar nur noch aus einer Handvoll hart gesottener Aficionados, doch die „Startbahnler“ spielten auf, als wären sie im vollbesetzten
Minton's Playhouse. Die Anspannung des Wettbewerbs schien sich in purer Energie zu entladen, alle spielten alles, es wurde die Sau rausgelassen, Spaß und Spielfreude waren die Losung dieser Jazz-Nachtschicht. Vladimir Kostadinovic, Anna Laszlo, Christoph Mallinger, Dierk Peters, Christoph Möckel, Oliver Lutz und Rafael Calman bewiesen: Der Ursprung aller guten Musik ist die Session.
Die „Startbahn Jazz“ ist nicht nur ein Wettbewerb, der für die Szene wichtige Impulse gibt und die Jazzjugend in ausgezeichneter Weise fördert, sie ist auch Knotenpunkt und Terminal des Landesjugendjazzorchesters, des Bayerisches Jazzinstituts, der Berufsfachschule für Pop, Rock und Jazz, des Bayerischen Rundfunks und der Jazzfreunde Straubing und zeigt was ernst gemeinte Kooperation alles bewegen kann. Als würdigen Ersatz für den unschön aus dem Siegerpreisreigen gekickten Auftritt bei „Jazz an der Donau“ hat die Organisatorin Uli Schwarz
eine Konzerttour zusammenstellen können die ihrerseits wiederum von Kooperation lebt. „Harmzone“ haben nun das Glück unter anderem in den Jazzclubs Landshut, Jazzkeller 98 im Schloss Miltach, Jazzclub Unterfahrt und bei „Jugend jazzt“ Marktoberdorf auftreten zu können. Wer die beiden Abende in Straubing nach einmal nachhören möchte, kann das in der Nacht vom 29. zum 30. Mai von 0.05 bis 2.05 Uhr tun, dann heißt es „Startbahn frei für Jazz-Höhenflüge“.
Weitere Infos:
(Fotos von oben nach unten: Station 5, Lucid, Harmzone, El Brino, Anna Laszlo, Offshore Quintett)
14.05.10 - michael kroll
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