Zu Besuch
Drei (vielleicht auch vier) Leichen, aber der Film ist kein Krimi. Verletzte Gefühle, gebrochene Ehen, aber ein Beziehungsdrama ist „Die Besucherin“ dennoch nicht. Die Gefühlsverwirrungen einer Frau in den besten Jahren werden gezeigt, einer Frau, die die Reflexion über ihre gesellschaftliche Anerkennung und ihr privates Glück in Verwirrung stürzen. Lola Randls Spielfilmdebüt ist ein erstaunlich reifes Werk, ein Film über die Leere, erzählt in leichten Bildern und mit einer erzählerischen Sogkraft, die weit über die 90 Minuten Filmlänge in den Bann ziehen.
Wie sich die Protagonistin auf Spurensuche, eigene und das Sammeln von Indizien über die Lebensentwürfe anderer, begibt, ist auch der Zuschauer gefordert, die Leinwandbilder mit eigenen Projektionen zu füllen und zu überlagern.
Ein großartiges Schauspielensemble bewegt Randl in „Die Besucherin“. Angefangen bei Sylvana Krappatsch, derzeit an den Kammerspielen München, die mit Präsenz und ungewöhnlich konzise ihr Filmspieldebüt gibt, Samuel Finzi, der sich selbst an die Kandare nimmt und die grandiose Studie eines schlafenden Vulkans abgibt, und ganz besonders André Jung, ebenfalls Schauspieler an den Münchner Kammerspielen.
Zum Kinostart von „Die Besucherin“ ließ sich Lola Randl wieder einmal in Regensburg blicken. „Wieder hier im Ostentorkino zu sein, ist wie ein Nachhausekommen.“ Der Kinosaal war förmlich ihre Lehranstalt, neben dem Albrecht-Altdorfer-Gymnasium in unmittelbarer Nähe, an dem sie ihr Abitur gemacht hat. Geboren 1980 in München, aufgewachsen in Regensburg, studiert sie von 2001 bis 2006 an der Kunsthochschule für Medien in Köln und ist 2007 Absolventin der Drehbuchwerkstatt München. Während der Ausbildung entstehen zum Teil preisgekrönte Kurzfilme. 2004 wird ihr der Preis für den besten Deutschen Kurzfilm bei der Regensburger Kurzfilmwoche zuerkannt. Der nun in den Kinos angelaufene Spielfilm von Randl wird 2008 im Rahmen der Berlinale uraufgeführt und ist im Programm der Filmfestivals Shanghai, Vancouver, Chicago und Karlovy Vary.
Ob sie dem Genre Kurzfilm nun den Rücken gekehrt hat? „Nein, Herr Karpf hat es mittlerweile auf eine Kurzfilmtrilogie gebracht. Die Geschichte meines Regensburger Preisfilms beschäftigt mich auch weiterhin, die wird fortgesponnen. Der neueste mit Herrn Karpf ist für den Europäischen Kurzfilmpreis nominiert, der 2010 im Rahmen der Kulturhauptstadtfeierlichkeiten in Essen verliehen wird.“
„Die Besucherin“ wurde mit dem Förderungspreis für Film- und Medienkunst der Akademie der Künste in Berlin ausgezeichnet. Mit den Kritiken zu ihrem Spielfilm kann Lola Randl mehr als zufrieden sein, ist ihr doch gleich mit dem ersten abendfüllenden Streifen etwas gelungen, was scheinbar kalkuliert und rational daherkommt, sich aber bei genauer Betrachtung als höchst emotional erweist. „Ich finde es viel spannender, wenn mir etwas verdeckt präsentiert wird, wenn sich etwas sperrt. Geheimnisse selbst aus Dingen und Menschen herauszulesen, herauszuholen, das ist viel interessanter, sich mühen müssen, den Grund der Dinge detektivisch auszuloten, das will ich auch in „Die Besucherin“ zeigen.“
Ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt hat Lola Randl nunmehr in Berlin gefunden. „Ich wohne total am Land, in der Uckermark, es sind zwölf Kilometer bis Wilmersdorf. Sehr ländlich.“ Aber die Verbindung nach Regensburg ist nach wie vor intensiv. Vielleicht nicht die intelligenteste Frage, aber wir haben sie trotzdem gestellt. „Heißen Sie wirklich so, oder ist Ihr Name eine cineastische Referenz vor dem deutschen Kino. Wegen fesche Lola und Lola rennt?“ Gespielte Empörung bei Frau Randl: „Nein, ich heiße wirklich so, als „Lola rennt“ in den Kinos anlief, musste ich mir oft Anspielungen anhören, aber das ebbt zum Glück jetzt ab.“ Nicht abebben möge die Erfolgswelle von Loa Randl, die ein wohltuend unprätentiöses Debüt abgeliefert und keine Allüren, Stargezicke und Beweihräucherung nötig hat.
(Foto: Lola Randl im Gespräch mit Peter Lang, (c) Michael Kroll)
Die Besucherin
Läuft derzeit im Ostentorkino
Kinostart war am 14. Mai 2009
www.die-besucherin.de
17.05.09 - peter lang
