Wo die Liebe hinfällt
Premierenkritik von Regine Arends
Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" im Innenhof des Thon-Dittmer-Palais
Inszenierung: Michael Bleiziffer
Die Premiere vom 31. Mai im Innenhof des Thon-Dittmer-Palais hat viel Spaß gemacht. Für diesen Spaß sorgten vor allem der fabelhaft spielende Michael Heuberger als arroganter, selbstverliebter Haushofmeister Malvolio und die freche, intrigante Bande am Hof seiner Herrin Olivia mit Zofe Maria, Onkel Sir Toby Rülps, Sir Andrew Bleichenwang, dem Diener Fabian und dem Hofnarren Feste. Sie verführen den distinguierten, spießigen Meister dazu, sich in einen törichten Gockel zu verwandeln.
Angeführt wird die Intrige von Maria. Martina Mann gibt der Zofe schillernde Züge: ihre Maria ist eine quirlige, durchtriebene, aber charmante Hexe, die sich durch keine Derbheit und keine Tyrannei einschüchtern lässt. Maria schreibt Malvolio mit der Handschrift ihrer Herrin Olvia einen Liebesbrief und veranlasst den Haushofmeister zu närrischer Liebeswerbung mit demütigenden Konsequenzen um die Gunst seiner Herrin. Unterstützt wird Maria von Olivias Onkel Toby Rülps, dem Peter Heeg mit versoffener Reibeisenstimme philosophische Schwergewichtigkeit verleiht. Um so leichtgewichtiger hält Sir Andrew Bleichenwang sich auf seinen langen staksigen Beinen. Paul Kaisers Repertoire an Gesten, Mimik und einer Sprechweise, als habe er sein flinkes Kinn nicht unter Kontrolle, reizen unwillkürlich zum Lachen. Peter Heeg und Paul Kaiser bilden in ihren Rollen zusammen ein selten burleskes Paar.
Hubert Schedlbauer hat sein komisches Talent schon oft in Regensburg unter Beweis stellen können. Die Mischung aus treudoofer Schlitzohrigkeit und Begriffsstutzigkeit macht aus seinem Fabian eine unverwechselbare Stütze des intriganten Quartetts . Auch Martin Hofer kann sich streckenweise als Meister der Komödie präsentieren. Sein Narr im Dienste Olivias ist überzeugend als scharfzüngiger Beobachter und spöttischer Egozentriker; der von ihm als Narr in Szene gesetzte priesterliche Beistand gerät allerdings zu einer Fratze, die so derb ausfällt, dass sie schon nicht mehr komisch wirkt.
Im Zentrum der Shakespeareschen Komödie stehen jedoch die Verwirrungen am Hofe der Gräfin Olivia (Nikola Norgauer), die durch ein gestrandetes Zwillingspärchen ausgelöst werden. Illyrien ist in der Regensburger Inszenierung ein Land mit Jahrmarktkulisse. (Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier) In seiner Mitte dreht sich mit den verliebt rotierenden Herzen ein nostalgisches Kinderkarussell. Die Bevölkerung von Illyrien ist schräg und schrill gestimmt, steigt die bunten Pfosten oder die Rutsche hoch, reitet auf den Rücken der Karusselltiere und wechselt nach Belieben und Situation – mit wenigen Ausnahmen –ihre sexuelle Orientierung und damit auch die eigene Identität.
Den Auftakt des Verwirrspiels macht Viola, die ebenso wie ihr Zwillingsbruder nach einem Schiffsunglück an die Küste von Illyrien gespült wurde.
Viola weiß nicht, dass ihr Bruder Sebastian überlebt hat. Sie muss sich schützen, darum zieht sie Männerkleidung an und geht als Cesario zu Herzog Orsino von Illyrien, um ihm ihre Dienste anzubieten. Anna Dörnte ist Jüngling und Mädchen zugleich. Ideal besetzt verkörpert sie mit sorgsam dosiertem Gebärden- und Mimenspiel die in Orsino verliebte Frau ebenso überzeugend wie den für Orsino um Olivia werbenden Cesario. In Michael Haakes Orsino steht ihr ein schwärmerischer, leidenschaftlich in die Liebe vernarrter Mann mit androgyner Erscheinung gegenüber. Orsino liebt zwar Gräfin Olivia - die seine Liebe keineswegs erwidert – trotzdem lässt er sich durch Cesarios Schönheit zu Küssen hinreißen. Olivia entwickelt dank Nikola Norgauers darstellerischer Intensität erotisches Temperament. Eben noch züchtig in Schwarz gekleidete, trauernde Frau, wird sie zur hemmungslosen Verführerin, als sie Cesario gegenübersteht.
Schaudernd vor Lust, mit komisch-grotesker Vehemenz, stürzt sie sich auf das Objekt ihrer Begierden.
Glücklicherweise ist inzwischen das männliche Pendant zu Viola: der Bruder Sebastian (Roman Blumenschein) aufgetaucht. Ihm folgt in besitzergreifender und begehrlicher Liebe sein bester Freund und Retter Antonio (Steffen Casimir Roczek). Sebastian lässt sich – im Gegensatz zu seiner Schwester Viola - gerne von der Gräfin verführen und heiraten. Cesario beendet seine Maskerade, gibt sich als liebende Frau zu erkennen, so dass alles ein glückliches Ende nehmen und der Narr zum Abschluss ein Lied singen kann vom Regen, der jeden Tag regnet. Das tat der Regen bei der Premiere von "Was ihr wollt" glücklicherweise nicht. Das Wetter spielte mit, kompromisslos und überzeugend wie das Ensemble. Mit poetisch-malerischen Musikeinlagen ergänzte Multiinstrumentalist Heinz Grobmeier die gelungene Aufführung. Als Zuschauer konnte man - was wollte man mehr - nur noch begeistert applaudieren.
Fotos: Juliane Zitzlsperger
17.06.08 - online redaktion
