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Wie das Steidle-Rad um die Welt kam

Sage mir, welche Ansichtskarte du verschickst und ich sage dir, wer du bist! Postkarten sind Informations- und Bildquellen und treffen eine oft plakative, manchmal auch subtile Aussage über unsere (Stadt)-Gesellschaft. Am Beispiel Regensburg lässt sich das exemplarisch dokumentieren. Immer häufiger zieren Postkarten Pinwände, Duschvorhänge mit Einschubtaschen, Schreibtische und Kühlschränke, das Verschicken ist ob der Motivvielfalt nicht länger Primärbestimmung der Ansichtskarte. Als Matapher für Fernweh in Thomas Kronthalers Film „Schreibe mir – Postkarten nach Copacabana“ kommt die Ansichtskarte gerade zu Kinoehren. Ein sehenswerter Film, doch das nur am Rande.


 Auch aus und von Regensburg gibt es Ansichtskarten, die es in die beliebte Sammlung „Langweilige Postkarten – Die spannende Welt der Boring Postcards“ *) schaffen könnten. Beispielsweise jene aus dem Schönig Verlag (Marktführer auf dem Sektor Ansichtskarten), die den „Neupfarrkirchplatz“ zum Motiv hat. Doppelt kurios, nicht nur die Perspektive wirkt wenig überzeugend, zumal dominierendes Gebäude der Dom ist und zum Zweiten: einen Neupfarrkirchplatz sucht man in ganz Regensburg vergebens. Ansonsten stapeln sich in den Drehständern von Souvenirshops und anderen Geschäften die üblichen Brücke-Dom-Donau-Karten, auf die kein Stadtführer verzichten kann, Aufnahmen aus der Luft, Papst, Domspatzen, Karten mit Noten und Liedtext „Als wir jüngst in Regensburg waren“, für jeden Geschmack gibt es das richtige Motiv. Warum sich in den letzten Jahren auch Karten mit „dem Kini“ vorn drauf, Schloss Neuschwanstein, Gebirgskulissen samt Enzian, Edelweiß und Bilderbuchbajuwaren im Sortiment der Souvenirläden stapeln, ist sicher dem sommerlichen Touristenstrom geschuldet, Nun gut, die Nachfrage regelt hier das Angebot.
Wer kauft Ansichtskarten? Der Tourist, der den Daheimgebliebenen zeigen will, wo er gerade weilt. Oder jemand, der seine Kamera vergessen hat. Oder auch der Regensburger, der Grüße an liebe Menschen versenden will. Und jeder Postkartenkunde hat die Wahl. Christine Kindermann von „Schau hi’“ an der Steinernen Brücke unterscheidet die Postkartenkäufer in drei Kategorien. Da ist zunächst der Tourist, der vom Reiseveranstalter an die places of interest gefahren wird, der entscheidet sich meist für die Standardkarten mit Welterbelogo und dem klassischen Motiv mit Brücke, Dom und Donau. Gattung zwei sucht etwas Pfiffiges, etwas Individuelles. Das kann durchaus auch der Tourist sein, das sind aber auch Regensburger, die mit den Karten von Blickpunktwechsel oder den Serien von stückregensburg Regensburgkennern oder guten Freunden Einladungen, Erinnerungen und Botschaften schicken. Diese Ansichtskarten sind aus einer Innensicht heraus entstanden, keine Verlage von auswärts sind hier am Werk, die Macher sind vertraut mit der Stadt und ihren Eigenheiten. Wie sonst käme das Ab-falleimer-im-Hochwasser-Motiv auf eine stückregensburg-Karte? Wer mehr als einen raschen Gruß versenden will, und jetzt sind wir bei der dritten Karten-Käufer-Gruppe, entscheidet sich für Besonderheiten und Kunstkarten, die zum Teil gar als Unikat daherkommen. Die muss man aber in Läden suchen, die sich diesen Luxus auch ins Sortiment holen.

Motive zuhauf

Inzwischen ist Regensburgs „Schokoladenseite“ derart touristisch überlaufen und überrepräsentiert, dass sich viele Designer und Kartengestalter weniger prominenten Seiten des Welterbes widmen. Das Label stückregensburg bot bereits vor etwa fünf Jahren mit der Sixties-Architektur der Universität, dem Schwammerl und der Hochwassersituation ungewöhnliche und dennoch typische Regensburg Karten. Von Insidern für Insider, authentische Motive aus ungewohnter Perspektive, die auch junge Kunden ansprechen und in erster Linie von Individualisten verschickt werden. (www.stueckregensburg.de)
Um Kunst handelt es sich bei den Stadtmotiven der Post- und Grußkarten von Box Gallery. Die Zeichnungen von geschickt ausgewählten Perspektiven der Hauptsehenswürdigkeiten erfreuen in erster Linie Leute, die sich für Regensburg als herausragenden Ort der Kunstge-schichte interessieren. Daneben fertigt Box Gallery auch Grußkarten mit originalen und historischen Etiketten diverser Tabakmischungen aus der Schnupftabakfabrik. Wahrhaft originell! (www.boxgallery.de)
Aufnahmen, die man selbst mit der besten Kameraausrüstung nicht hinkriegt, druckt der Verlag Schnell + Steiner auf Postkarten, sie sind erhältlich im Buchhandel und bei der Innenstadtseelsorge am Domplatz 5. Die Motive: Glasfenster des Doms, der lächelnde Engel, Kunstobjekte aus den Kirchen und Museen, die am Eingang das Schild ziert: Fotografieren verboten!
Grußkarten mit Fotoabzügen weniger aber spezieller Regensburg-Perspektiven gibt es von Eva Höschel, die als Festtags- oder persönliche Grüße mit stimmungsvollen Momenten den Adressaten erfreuen.
Gediegen, schnörkellos und im elegantem Langformat sind die Motive von altrofoto gestaltet. Die Sehenswürdigkeiten in qualitativ hochwertiger Aufnahme, Postkarten, auf denen nicht nur stehen wird: „Liebe Grüße aus Regensburg sendet euch…“

 

 Doppelmotive

Auf großes Echo stießen mit Einführung der Serie  im Frühjahr 2009 die Karten von Blickpunktwechsel, die in ihrer Gesamtheit einen kompletten und stimmungsvollen Bilderbogen der Altstadt liefern und gesammelt einen Bildband über Regensburg im Miniformat ergäben. Blickpunktwechsel-Karten vertreibt Monika Geßl im Eigenverlag, viele Verkaufsstellen in Regensburg bieten ihre 80 Motiv-Kombinationen an. Alle Kombiblicke sind unter www.blickpunktwechsel.de en minature zu sehen. Mit der Schöpferin haben wir ein Interview geführt.

Wie kamen Sie auf die Idee, Ansichtskarten zu kreieren?

Begonnen hat meine Kartenkarriere mit der München-Serie. Und das einfach aus dem Grund, weil ich selbst gerne Karten schreibe, und es (für meinen Geschmack) keine schönen Karten gab. Vielen Freunden im Ausland wollte ich einfach die üblichen Standardpostkarten nicht zumuten. Entgegen aller Unkenrufe wie, die Karten wären zu speziell, nichts für Touristenaugen und zu wenig kommerziell, (alles Original-Aussagen von Ladenbetreibern), haben sich die Karten in München eine eigene Nische erobert. Eins habe ich bald gemerkt, man sollte den gemeinen Touristen nicht unterschätzen, der weiß sehr wohl zu differenzieren und schätzt es, die Wahl zu haben zwischen Standard und individuellen Motiven.  

Wie lief die Produktion an?

Parallel zur München-Reihe lief die Serie in Bayern an – schlichtweg, weil Bayern vielerorts eben doch ein Bilderbuchland ist. Dann kamen Anfragen aus Hamburg, also bin ich nach Hamburg gefahren und habe dort die Stimmung einzufangen versucht.

Zur Regensburg-Edition…

Anfang 2009 brachte ich die Regensburg-Serie heraus. Meine Bayern-Serie gab es in einigen Geschäften, und daher rührte dann der Wunsch, auch Regensburg-Motive aufzulegen. Meine Affinität zur Stadt rührt daher, dass ich in Regensburg studiert habe. Ich mag die Stadt sehr gern.

Welche Regensburg-Karte verkauft sich am besten?

Bestseller in Regensburg ist komischerweise Motiv Nr. 9133, das im oberen Bild die Giebel von Häusern am Wiedfang zeigt und unten ausschnitthaft einen verrostenden Schleppkahn mit der Aufschrift Donau.

 

Wie gehen Sie vor? Wie muss man sich Ihre Fotosafaris vorstellen?

Die meisten Fotos schieße ich aus dem Bauch heraus – ohne stundenlang auf das richtige Licht oder den richtigen Hintergrund zu warten. Das sind Momentaufnahmen, die aus einer besonderen Stimmung heraus entstehen und diesen Augenblick versuche ich schnell einzufangen. Viele Motive erkennt man erst auf den zweiten Blick, beim genaueren Hinsehen. Vielleicht spielt auch das eine Rolle bei den Aufnahmen: das genaue Hinsehen, die kleinen, aber feinen Einzelheiten und auch Eigenheiten einer Stadt einfangen. Das Flair einer Stadt setzt sich ja aus Kleinigkeiten zusammen. Und um einen umfassenderen Blick und einen Blickpunktwechsel zu ermöglichen, habe ich mich für zweigeteilte Karten und einige mit gar zwölf Motiven auf dem DIN-A 6-Format entschieden.

Was kommt als nächstes? Werden weitere Regensburg-Karten folgen?

Die Serien werden laufend erweitert. Auch für Regensburg stehen neue Karten an. Seit Juni gibt es übrigens meine Blickpunktwechsel-Karten auch in Köln. Eine Postkartenserie mit Berliner, Passauer oder Bamberger Motiven würde mich sehr reizen. Was mir noch fehlt, sind Winter- und Schneebilder aus Regensburg, ich weiß, dass die sehr stimmungsvoll sein könnten, aber bei meinem letzten Winteraufenthalt in Regensburg hatte es leider gar keinen Schnee.

*) Martin Parr, Langweilige Postkarten, Phaidonverlag, 24,95 EUR

 

27.08.09 - peter lang

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