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Wenn Meilen zu Räumen werden

„Bub“, sagte mein Großvater, „geh in eine alte Stadt, geh in eine Bischofsstadt und geh in eine Stadt an einem Fluss!“ Seine Sentenz wollte mir sagen, eine alte Stadt verfüge über ein gewisses Maß an kulturellem Background, eine Bischofsstadt gewährleiste traditionell gutes Leben (also Essen und Trinken, Brauerei- oder Winzerkultur) und eine Stadt an einem Fluss ermögliche leichter als eine Ansiedlung auf dem platten oder bergigen Land Teilhabe an ihrer Prosperität, heute würde man vielleicht sagen Wirtschaftskraft. Ich bin geneigt, seine Empfehlung weiterzugeben. Der Vergleich der Städte Regensburg und Würzburg ist erlaubt, beide fallen in die großväterliche Präferenz und könnten trotz aller Gemeinsamkeit unterschiedlicher nicht sein. Die Reihe „Kunsträume Bayern 2008“ ging am 14. September in Würzburg zu Ende. Mit einer Diskussion, die in ähnlicher Form auch Regensburg beschäftigt, mit einem Gesprächskreis, den man sich so auch in Regensburg wünscht.

 „Kunsträume Bayern 2008“ war die Sommerreihe des „Arbeitskreises für gemeinsame Kulturarbeit bayerischer Städte e.V.“ betitelt, die in 67 Städten und Gemeinden Kunstprojekte und Ausstellungen initiierte und vornehmlich den Aspekt „Kunst im öffentlichen Raum“ ins Zentrum und Blickfeld der Öffentlichkeit richtete. Vom 1. Juni bis 14. September gab es Bayern weit 137 Veranstaltungen, mehr als 200 Kreative beteiligten sich aktiv am Geschehen, der Arbeitskreis hat sich als Kunst- und Kulturträger und –vermittler einen Namen gemacht. Die Stadt Regensburg ist kein Mitglied des Arbeitskreises, einige Projekte von „Kunsträume Bayern 2008“ wurden dennoch in der Domstadt verwirklicht, die aber keine oder kaum eine öffentliche Aufmerksamkeit erregten, wie der „Garten des Friedens“ in der Reihe „Landeplätze“, die viel zu kurz die städtische Routine und Ruhe störten.

Dabei wäre gerade die von der Stadt Regensburg mit 50.000 Euro subventionierte Rasenskulptur am Donaumarkt ein herausragendes Beispiel für Kunst im öffentlichen Raum gewesen, das in diese Reihe hervorragend gepasst hätte, und – über die Plattform "AK gemeinsame Kulturarbeit in Bayern" – noch weit mehr Resonanz und Rezeption erfahren hätte. Schade! „Da für die Stadt Regensurg [sic!] die Mitgliedschaft mit dem Höchstbeitrag anfallen würde und die Stadt selbst über ein sehr vielfältiges Kulturangebot verfügt, kann in Regensburg ein adäquater Synergieeffekt nicht automatisch gesehen werden, zudem werden im Rahmen der Konsolidierungsmaßnahmen für den Haushalt derzeit keine weiteren neuen finanziellen freiwilligen Verpflichtungen eingegangen“, heißt es auf die Frage, warum Regensburg nicht Mitglied beim AK ist. Dem Donaumarkt, im Zentrum der „Kulturmeile“ gelegen, könnte künftig eine wichtige Bedeutung zukommen, egal, ob als Station an der Kulturmeile oder als Dreh- und Angelpunkt einer Stadtentwicklung, der die Oststadt auf neuartige Weise mit dem historischem Zentrum verbindet.

 Mutig: Würzburg öffnete die stadtinterne Diskussion über die Errichtung einer Kulturmeile, eines Skulpturenufers, für ganz Bayern und ließ den AK gemeinsame Kulturarbeit bayerischer Städte teilhaben an Überlegungen, Kontroversen und Problemen. Nun wird demnächst in Regensburg über das „Marina Quatier“ befunden, ein Stück Stadtentwicklung, das Hafen und östliche Stadtteile (Schlachthof) in Donaunähe mit dem Zentrum verknüpfen will. Die Kulturmeile von IT- und Kulturspeicher, Königliche Villa, Donaumarkt, Marc-Aurel-Ufer bis zum Salzstadel, zu Zeiten der erbitterten Diskussion um eine Stadthalle am Donaumarkt von der Stadtplanung eifrig bemüht, wird also Auftrieb und Anschub erhalten. Wie? Das wird sich zeigen. Ob? Das wäre zu wünschen.

Nun ist die Donau historisch betrachtet nie ein einigendes Band der diversen Stadtteile Regensburgs gewesen, vielmehr war sie Grenze und Demarkationslinie, bei Hochwasser verwünschtes und schadensträchtiges Übel. Das Verbindende war immer die Steinerne Brücke – heute freilich haben sich die Parameter verschoben. Die Donau wird nach und nach ins Stadtgefüge integriert, das Denkmal Brücke entzweit die Bürgerschaft. Der Würzburger Main hingegen war stets Promenadenstück. Weiter vom Zentrum entfernte Mainauen werden mittels Kunst in den Fokus gerückt, mit der Errichtung des Kulturspeichers – eine architektonisch und inhaltlich beispiellos geglückte Umwidmung, die dem Namen Kulturspeicher in der Tat alle Ehre macht – erfuhr eine Industriebrache eine Aufwertung, die Anbindung zur City wird nun in Angriff genommen.

Gemeinsam sitzen Stadtplaner und Kultur am Tisch, ein Skulpturenufer ist die Idee, fußläufig soll der neue Stadtteil mit alten verbunden werden. Mit am Planungstisch sitzt der ADFC, die Diskussion wird offen geführt, ohne Scheuklappen und – ohne Investoren. Der Verkehr ist kein Tabu! Wirtschaftlich betrachtet schneidet Regensburg besser ab als die Mainstadt. Dass die Stadt Würzburg Grundstücke in bester Citylage verkauft (verkaufen muss), bringt viel Kritik. Die breite Ablehnung der Würzburg Arcaden vor zwei Jahren macht deutlich, die Bürgerschaft mischt sich aktiv in die Stadtplanung und –entwicklung ein. Hierin unterscheidet sich Regensburg und Würzburg nicht. Nun mag aber der Kulturreferent Muchtar Al Ghusain, studierter Musiker und vor seiner Ernennung Referent im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, eine Figur sein, die zu integrieren versteht und offen ist für neue Impulse und selbst neue Impulse zu geben vermag.

Der Würzburger Beitrag zu „Kunsträume Bayern 2008“ war also keineswegs auf die Gastgeberrolle der Abschlussveranstaltung beschränkt. Würzburg, selbst erst seit 2008 Mitglied im AK, punktete mit der Kultur des Dialogs. Wie die Regensburger Beiträge zu „Kunsträume Bayern 2008“ zu bewerten sind, gestaltet sich schwierig. Die Schüler-Aktion „Meine Plätze – Deine Plätze“ fand statt, mehr, als dass das Musikgymnasium der Regensburger Domspatzen, das Albertus-Magnus-Gymnasium und der Städtische Kinderhort Altstadt am Marc Aurel Ufer „ihren Stadtplatz“ gestalteten, kann nicht berichtet werden. Diese Aktion dauerte (nicht so ganz vom 1. bis 7. Juni 2008) und war so irgendwie in den Welterbetag integriert. Ähnliches kann über die Projekte „Himmelsleiter“ und „Garten des Friedens“ berichtet werden: Kunst fand statt, die Öffentlichkeit fand sie allerdings nicht. Zum einen, weil Vandalen die „Himmelsleiter“ kurz nach ihrer Errichtung zerstörten, zum anderen, weil der „Garten des Friedens“ selbigen vielleicht störte und nach zu kurzer Zeit abgebaut wurde. Die beiden letzten Arbeiten entstanden in Regie des Kunstvereins Weiden, obzwar in Kooperation mit dem Kunstverein Graz e.V. geplant und realisiert, gelten sie als Projekte des „Arbeitskreises für gemeinsame Kulturarbeit bayerischer Städte e.V.“.

 Das Resümee der Sommerreihe „Kunsträume Bayern 2008“ fällt durchweg positiv aus. Die Städte Ingolstadt, Fürth und Augsburg haben mit Kunst im öffentlichen Raum positiv für Aufsehen gesorgt, der Skandal blieb weitgehend aus. In kleineren Städten, wie etwa in Kitzingen und Wemding, erfuhr die Bürgerschaft durch aktive Einbindung in die Projekte neues Selbstbewusstsein und Bewusstsein für Kunst und Kultur. Der Aspekt Nachhaltigkeit, von Schirmherrn Ministerpräsident Günther Beckstein geradezu beschworen, wird von 1. Vorsitzenden des AK, Gabriel Engert, Kulturreferent in Ingolstadt, und von der Projektleiterin Dr. Christine Fuchs unterschiedlich bewertet. Zusammenfassend lässt sich sagen, die Kunstarbeiten, die ein aktives Einbinden der Bevölkerung in ihre Projekte erforderten, waren – verkürzt gesagt – die größeren Erfolge. Unabhängig von der Rezeption zeigt sich deutlich, dass das Kunst- und Künstlernetzwerk in Bayern durch die Aktionen engmaschiger geworden ist. Ein Grund, an der Idee festzuhalten.

Dass ein derartig breit angelegtes Projekt nicht in jedem Jahr stattfinden kann, liegt auf der Hand, dazu sind die finanziellen Mittel einfach nicht vorhanden, aber es ist an einen 5-Jahres-Turnus gedacht, in dem sich „Kunsträume Bayern“ realisieren ließen. Letzter Punkt und Ausblick: Die zahlreichen Kinder- und Jugend-Aktionen krönen die Anstrengungen des AK und lassen hoffen auf eine Weiterführung. Dass Regensburg endlich dem Bündnis beitritt ist gewünscht. Eine zu hohe finanzielle Verpflichtung klingt wenig glaubwürdig. Von außen betrachtet sieht man Regensburg in einer „Splendid Isolation“, die der Stadt nicht ansteht und ihr auch nicht gut zu Gesicht steht.

Peter Lang

 

16.09.08 - peter lang

 
 
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