Vorurteile abbauen
Die Sensation der Kommunalwahl 2008: Das niederbayerische Bodenmais wählt einen 23-Jährigen zum 1. Bürgermeister. Nicht nur, dass er bei der SPD ist, Student ist und evangelisch, er bekennt sich auch öffentlich zu seiner Homosexualität. Wir haben mit dem sympathischen Jungpolitiker vor und während des CDS gesprochen.
Ihr Studium liegt im Moment auf Eis. Aber wie war es, als Sie noch in Regensburg studierten, haben Sie die CSDs seinerzeit miterlebt, mitgefeiert?
Ich bin gerne und häufig auf CSDs, nur leider muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich den Regensburger CSD nie richtig miterleben konnte. Irgendwie ist mir jedes Jahr etwas dazwischen gekommen. Aber dieses Jahr hat es endlich geklappt. Immerhin musste ich erst Schirmherr werden, um den Regensburger CSD mitzuerleben.
Und wir gefällt es Ihnen hier?
Toll, der CSD findet erstens mitten in der Stadt, also ganz präsent und selbstbewusst am zentralen Ort statt und zweitens freut mich die familiäre Atmosphäre. Es ist zwar ein kleines Fest, aber dafür überschaubar, man kennt sich, man trifft Freunde, ohne, dass man sich erst großartig verabreden musste. Das gibt Raum für gespräche und läuft nicht so anonym ab wie beispielsweise in München, wo der CSD eine Massenveranstaltung ist.
Werden Sie noch weitere CSDs mitfeiern? Hat man Ihnen die Schirmherrschaft auch für andere schwul-lesbische Straßenfeste angedient?
Nein, in Regensburg habe ich meinen einzigen offiziellen Auftritt, das Referat von Münchens OB Ude hat zwar angefragt, ob ich mit von der Partie sein will, - und ich will – aber ich werde in München den CSD weitgehend privat mitfeiern, höchstens mal von einem Wagen winken, aber keine Reden halten oder dergleichen.
Kann eine schrille CSD-Parade und –Feier helfen, Vorurteile abbauen? Oder steht im Gegensatz zu Aufklärung, AIDS-Prävention und dem Abbau von Vorurteilen nicht oftmals zu sehr der Partygedanke im Vordergrund?
Ich bin der Meinung, dass gerade CSDs eine gute Gelegenheit sind, Vorurteile abzubauen. Klar, die schrillen CSD-Paraden zeichnen ein Bild, das in alle schwul-lesbischen Klischees passt. Aber das gehört einfach dazu und ich denke, dass „Otto-Normalbürger“ – wenn es diesen überhaupt gibt – spätestens bei den anschließenden CSD-Straßenfesten feststellen wird, dass die meisten Vorurteile gar nicht auf die breite Masse der Community zutreffen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diejenigen Menschen in diesem Bereich die meisten Vorurteile haben, die selbst gar keine Schwulen oder Lesben kennen.
Sehen Sie die momentane Gesetzeslage (Antidiskriminierungsgesetz, Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Ehen) für ausreichend? Auch in Bayern?
Ich persönlich halte nicht viel von der politischen Idealisierung der klassischen Ehe. Es gibt in unserer Gesellschaft heute vielfältigste Formen des Zusammenlebens – jenseits der Frage, ob gleichgeschlechtlich oder nicht. Viele moderne Lebensformen lassen sich mit dem Bild der typischen Ehe gar nicht mehr in Einklang bringen. Deshalb denke ich nicht, dass die vom Notar eingetragene Lebenspartnerschaft tatsächlich irgendwann der Ehe gleichgesetzt werden muss. Vielmehr sollte von der politischen Privilegierung der Ehe endlich zu Gunsten der eingetragenen Lebenspartnerschaft abgerückt werden.
Hatten Sie es wirklich nötig im Neon-Magazin eine Kontaktanzeige aufzugeben – ja, wir wissen, das war eigentlich eine Mode-Strecke! – und haben sich darauf ernsthaft In-Frage-Kommende potenzielle Partner beworben?
Die Frage musste natürlich kommen! Ich denke, die Kontaktanzeige im Neon-Magazin muss man mit einem Augenzwinkern betrachten. Die Macher der Rubrik „Ehrliche Kontaktanzeigen“ haben natürlich nur ein Interesse: spannende Geschichten über Singles zu erzählen und ganz nebenbei noch Mode zu zeigen. Ich denke, dass die Partnersuche hier nicht wirklich im Vordergrund steht, die Leser die Rubrik aber trotzdem ganz spannend finden. Zumindest haben mir das viele Neon-Leser bestätigt. Und: es hat sich kein potenzieller Partner beworben – zumindest bisher nicht.
Sie stehen permanent in der Öffentlichkeit und unter Beobachtung. Wie regeln Sie das mit Ihrem Privat- und Liebesleben?
Ich hatte noch nie ein Problem damit, offen mit meiner Homosexualität und meinem Privatleben umzugehen. Das hat sich auch nach meiner Wahl zum Bürgermeister nicht geändert. Wenn man als Gemeindeoberhaupt aber wirklich mal einen Tag ganz privat verbringen will, kann man trotzdem nicht in seiner Gemeinde bleiben. Einfach deshalb, weil man dort in seinem Arbeitsumfeld ist und so permanent an den Job erinnert wird. Das wäre so, als würde ein Profifußballer Urlaub auf einem Fußballplatz machen.
Sind Sie ab und zu noch in Regensburg anzutreffen, hat sich ihr Freundeskreis aus Studientagen erhalten?
Ich hänge nach wie vor sehr an Regensburg und meinen Freunden aus der Studienzeit – und ich hoffe, auch umgekehrt. Leider schaffe ich es viel zu selten nach Dienstschluss noch in die Stadt. Es ist zeitlich einfach sehr schwierig, da meine Freunde oft bis in die Morgenstunden ausgehen, ich fast zur gleichen Zeit aber meistens schon wieder im Bodenmaiser Rathaus sitzen soll oder Termine im Ort habe.
Nun naht die Urlaubszeit. Haben Sie konkrete Pläne, wo und wie Sie sich erholen werden?
Derzeit stecke ich in Bodenmais mitten in den Haushaltsberatungen. Danach beginnt die Volksfestsaison – für Bürgermeister ein Muss. Dann ist bis zum 27. September Bundestagswahlkampf angesagt. Vor Oktober sieht es also schlecht aus mit Erholung. Dieses Jahr ist aber definitiv noch ein Tauchurlaub geplant. Vielleicht in Ägypten…
Wann waren Sie zuletzt im Kino und welchen Film haben Sie gesehen?
Kalt erwischt! Zuletzt war ich noch zu Regensburger Studienzeiten im Kino und fragen Sie mich nicht, welchen Film ich gesehen habe, ich weiß es beim besten Willen nicht mehr. Schade, dass in Bodenmais das Kino schließen musste, ich bedauere es sehr, dass diese Form von Kleinstadt-Kultur verloren gegangen ist.
Welches Buch liegt zurzeit auf Ihrem Nachttisch?
Kein Roman, wenn Sie das meinen. Meine Lektüre beschränkt sich leider auf Akten und Beschlussvorlagen. Was glauben Sie, wie gerne ich mal wieder in einem Roman schmökern würde. Ich vermisse das sehr, aber Privatleben findet im Moment einfach nicht statt. Ich weiß, dass sich das ändern muss, von daher genieße ich die Stunden beim CSD in Regensburg, denn nach dem offiziellen Teil bin ich nun bis so gegen 17.00 Uhr nur Privatmann, dann ruft schon wieder die Bürgermeisterpflicht.
Danke für die Auskunft, viel Erfolg für Ihre Kandidatur zum Bundestag und alles Gute.
Besten Dank, auch!
(Interview: Peter Lang, Foto: Michael Kroll)
13.06.09 - peter lang
