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Von morgens bis Mitternacht

„20er-Jahre“: Filmklassiker und -raritäten aus der Weimarer Republik. Eine Reihe im Velodrom und eine in den Kinos im Andreasstadel flankieren die große 20er-Jahre-Ausstellung des Kunst- und Gewerbevereins.


Es wird im Februar der große Kino-Event sein: die Welturaufführung der restaurierten
„Metropolis“-Fassung in der Frankfurter Oper. Die Regensburger Cineasten müssen
sich noch etwas gedulden, aber sie können sich in den nächsten drei Monaten auf Fritz
Langs Meisterwerk einstimmen im Rahmen der „20er Jahre“-Veranstaltungen. Ein Wochenende lang, vom 19. bis 21. Februar, wird das Kino der Weimarer Republik im Velodrom im Mittelpunkt stehen und bereits am 3. Februar beginnt im Andreasstadel die Filmreihe „Nerven“ mit Klassikern und Raritäten aus den „Roaring Twenties“.
An die Zeit, als die Bilder laufen lernten, erinnert Günter Schießl im Katalog der „20er
Jahre“-Ausstellung des Kunst- und Gewerbevereins: „Das erste Filmtheater, das es in Regensburg gab, lud am 16. November 1907, nachmittags um zwei Uhr, ins Parade-Theater im Goldenen Kreuz am Haidplatz. In der Eröffnungsanzeige versprach das Unternehmen im Regensburger Anzeiger ein ‚Theater lebender Photografien in unübertrefflichen, naturgetreuen Bildern'.“ Kurz danach etablierten sich in der Stadt immer mehr Lichtspieltheater. Als „Zierde Regensburgs“ bezeichneten die Regensburger Nachrichten die Kammer-Lichtspiele an der Maximilianstraße, die kurz vor Weihnachten 1919 ihre Pforten öffneten.

Damals, 1919, begannen die „goldenen Jahre“ des deutschen Kinos. Ernst Lubitsch, Fritz Lang oder F. W. Murnau schufen erste – noch stumme – Meisterwerke wie „Die Austernprinzessin“ oder „Die Spinnen“. Damit man das Surren des Projektors nicht so deutlich hören konnte, wurden schon anfangs Musiker verpflichtet, die das Geschehen auf der Leinwand musikalisch untermalen sollten. Meistens waren es Klavierspieler oder Geiger, die jene Filme zum „Tönen“ brachten. Später schrieben Komponisten eigene
Partituren für das Kino. Einer, der uns Regensburgern – und der ganzen Welt -– diese Stummfilme in den letzten Jahren mit seinen „Scores“ wieder nahebrachte, ist kurz
vor Weihnachten gestorben: Aljoscha Zimmermann, das musikalische „Herz“ des Münchner Filmmuseums. Die Lücke, die der Pianist hinterlässt, wird schwer zu schließen sein. Stummfilmfreunde in der ganzen Welt, von New York bis Tokio, trauern um diesen wahren „Diener“ des Stummfilms, der sich im letzten Jahr mit Lubitschs
„Austernprinzessin“ von seinen Regensburger Freunden verabschiedete. Im Velodrom, dem einstigen Capitol, das Simon Oberdorfer Ende 1929 zum Kino umgebaut hat, werden nun diese goldenen Kinozeiten ein Wochenende lang im Februar noch einmal beschworen werden. Umrahmt von musikalischen Einlagen der „Bavarian Giants“ (mit Liedern des großen Friedrich Hollaender!) oder den Negerländern, die sich wieder einmal als Kinomusiker präsentieren werden, stehen einige legendäre Filmklassiker der Weimarer Republik auf dem Programm wie Karl Valentins „Mysterien eines Frisiersalons“, Hans Richters grotesker „Vormittagsspuk“, Walther Ruttmanns Montagefilm „Berlin, die Sinfonie der Großstadt“ (Foto oben) oder Josef von Sternbergs „Der blaue Engel“. Dazu gibt es zeitgenössische Wochenschauen zu sehen. Gegliedert ist das Wochenende in drei Themenbereiche: Dada & Co., die Stadt, das Weib.

Wer mehr erfahren will über den „Zeitgeist“ der Weimarer Republik, der darf auf keinen Fall eine kleine feine Filmreihe versäumen, die Medard Kammermeier von Februar
bis Ende April in seinen Kinos im Andreasstadel Meisterwerke und Raritäten aus den Jahren 1919 bis 1933 wurden für eine ergänzende Filmreihe zu Ausstellung und Programm der 20er-Jahre-Reihe „Es ist eine Lust zu leben!“ ausgewählt. Am 3. Februar beginnt im Andreasstadel die Filmreihe „Nerven“ mit Klassikern und selten Gezeigtem aus den „Roaring Twenties“. Nach Robert Reinerts Film aus der Münchner Räterepublik von 1919 „Nerven“ – nicht unbedingt ein Meisterwerk, aber ein ungewöhnliches
zeitgeschichtliches Dokument – geht es weiter mit Fritz Langs „M“ von 1931,
einem der einflussreichsten Filme des deutschen Kinos, der Peter Lorre als Kindsmörder zum Star machte. Sascha Keilholz wird „M“ am 2. März im Akademiesalon vorstellen. Danach wird der ganze Februar im Zeichen von Fritz Langs „Dr. Mabuse“ stehen, dem großen Spieler und Hypnotiseur, der die Weimarer Republik und auch das Dritte Reich überlebte und der 1960 seinen letzten großen Auftritt hatte im Wirtschaftswunderland in den „Tausend Augen des Dr. Mabuse“. Im März gibt es rare
Preziosen zu sehen wie den einzigen „echten“ expressionistischen Stummfilm „Von morgens bis Mitternacht“, das Kino-Zeitbild „Nerven“ von 1919, den Film „Wunder der Schöpfung“ und G. W. Pabsts „Die freudlose Gasse“. Die Reihe klingt aus mit Melos und Musikfilmen aus der späten Weimarer Republik: „Razzia in St. Pauli“, Pabsts „Die 3-Groschen-Oper“, „Ich bei Tag und du bei Nacht“ und dem Lesbenfilmklassiker
„Mädchen in Uniform“. Zu allen Filmen gibt es Einführungen. Weitere Infos: www.kunst-und-gewerbeverein.de und www.kinos-im-andreasstadel.de (Viktor Rotthaler)

 

3.02.10 - peter lang

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