So zärtlich klang der Sommer
Wie die Rosen auf den Einladungskarten der Klang Kunstreihe „Sturm und Liebe“ von der Knospe zur vollen Pracht erblühten, entpuppte sich der dritte Beitrag der Reihe als bunter Schmetterling. Manchen Zuschauern zauberten die Installationen ein sommerliches Lächeln ins Gesicht. Alle ausgestellten Arbeiten waren speziell für das Festival angefertigt und in die bunte, von Christian Havlicek, gestaltete Hinterhofwelt im Kunstverein Graz eingepasst worden.
Vom Bach über Klanggestade in den Dark Room
Gleich beim Eingang in den gepflasterten Hof liegen zwei Luftmatratzen. Aus dem schmalen Beet mit wilden Wein, Büschen und einer Sonnenblume dringt das Plätschern und Fließen eines Baches. Eigentlich sind es aber zwei Bäche, einer aufgenommen im bayerischen Wald, der andere im Süden Japans. Just a Creek, die Arbeit von Makato Takahashi und Albert Plank belegt die ungemein suggestive Kraft des Hörens. Man sucht unwillkürlich nach dem Wasser und genießt die atmosphärische Wirkung.
Gegenüber, von einer großen Badeinsel aus, kann man zwei der Grazer Kunstmaler bei ihren recht unterschiedlichen Malen beobachten. Während sich Rayk Amelang sozusagen dupliziert und das Double den Zuschauern die Zunge entgegenstreckt, bemalt Christian Havlicek, ganz in der Tradition der zornigen jungen Männer eine riesige Holzplatte mit wuchtigen Pinselstrichen.
Andreas Müller, alias Transponderfish stellt in seinem Beitrag „@©“ einen Mix aus eigener Familiengeschichte und Treibgut einer medialen Welt vor. Der Besucher kann mittels Controllern, die Bilder auf zwei großen mit Klebeband verbundenen Röhrenmonitoren weiter schieben, welche hinzufügen – so, wie man in einem alten auf dem Speicher gefunden Koffer voller Bilder wühlt. Aus den kleinen Lautsprechern knarzt, rauscht und kraxelt es, vom Tisch auf der anderen Seite, wo der Transponderfish mit einem zweiten Boxenpaar sitzt, ertönt der in Echtzeit manipulierte Respons.
Mit der gleichen Technik schallt der Mix des Berliners Martin Schmidt von einer der Ladeklappen im ersten Stock. Sein „MT 400 webt den Sommer“ ist eine Verbeugung vor dem gleichnamige 4 Spur Kassettengerät und seine Zeit als DJ in den legendären Berliner Kneipen Cafe Osten, Linientreu und Cafe Anfall. So gesellen sich zu den Feldaufnahmen kurze Rhythmus-Sequenzen.
In einem der Anbauten voller Relikte aus dem alten Graz in der Ladehofstraße, ist die Medienkunstgruppe Companons De Route untergebracht. Dahinter stehen Max DWell und seine belgische Partnerin Frieda Korda. „We are the Directors“ ist spartanisch, gefühlvoll und heiter zugleich. Stille wird von Zwiegesprächen, Lachen und kleinen Tonsprengseln gebrochen. Keine Technik ist zu sehen. Die Töne scheinen aus dem Off zu kommen. Die Arbeit fordert vom Zuhörer Geduld und belohnt ihn mit einem Lauschen in eine liebevolle, heitere Welt. Wunderschön wie sich Companons de Route in Regensburg vorstellen.
Im Ausstellungsraum lädt eine Hängematte ein, den Klanggestade der beiden Augsburger Experimentalmusikern Gerhard Zander und Gerald Fiebig (Konzert bei Sturm und Liebe Vol.2) zu lauschen. Die Arbeit wird mittels im Random Mode laufenden CD Playern realisiert. Auch hier vermeint man dem Sommer und die Erinnerung förmlich zu hören. Schall pflanzt sich fort wie Wellen im Wasser, doch unter der Oberfläche ist es still. Diese zeitversetzten Loops sind wie die Brandung: Sie kehren immer wieder zurück und sind doch jedes Mal anders. „Sounds are bubbles. They burst to disappear.“ (John Cale)
Die Hängematte am Klanggestade ist bei den Besuchern ebenso beliebt, wie die rote Schaukel, eine interaktive Installation. Erst das beherzte Schaukeln erfüllt die interaktive Installation mit Leben, der Schatten des Schaukelnden, zeichnet sich in der Videoprojektion ab und die Lautsprecher werden erfüllt von Klang-Erinnerungen vergangener Reisen. „Geh aus mein Herz“ von Renate Haimerl Brosch versprüht die reine Lebensfreude.
Wesentlich trockener, aber ebenfalls faszinierend und interaktiv, kommt da „Random Head“ des Schweitzer Künstlers und Musikers Andreas Glauser daher. Hier werden mittels dreier CD Player im Random Mode, ständig bis zu 9 Sekunden lange Tracks abspielt, die über ein Mischpult verändert und vom Publikum neu abgemischt werden. Gehört wird die Arbeit über Kopfhörer. Glauser ist ebenfalls ein alter Bekannter der „Sturm und Liebe“-Reihe. Mit der Formation BUG spielte er das erste Konzert bei Vol. 1.
Dann passiert etwas das bei jeder guten Themenausstellung passieren sollte. Ein Kontrapunkt wird gesetzt. Der in Berlin lebende Holländer Rinus van Alebeek versetzt mit „Achter hat Behang“, das Publikum in eine dunkle Welt ohne Sonne, in eine Welt unter Tage. Der abgedunkelte Raum ist mit einer riesigen Matratze und Wänden aus Boxen gefüllt. Vier Kassettendecks spielen im Endlosmodus unendlich tiefe Bässe ab, die in sich versetzt und verschoben einen nicht linearen Zeitverlauf suggerieren. Wundervoll psychedelisch und entrückt.
Performance und die Hymne an die Nacht
Außerhalb der Installationen gibt es dann noch einen auf zwei Blöcke verteilten Auftritt von Delir Noir. Die Gruppe um Edmund von Bachmeier und Manfred Schimchen, deren Performances in früheren Zeiten für Unruhe und Skandale sorgten, beweisen viel Selbstironie und dass sie nichts verlernt haben. Geschickt besetzten sie die Rolle der abgehalfterten Animateure, vermischten alte Predigten, mit angestaubter Kinowerbung eines Bordells und ungerührt und so ganz nebenbei belegt Manfred Schimchen welche Klasse er als Gitarrist hat.
Dann wird es wieder leise, die aus allen Richtungen klingenden Installationen sind zu hören. Draußen im Hof bricht die Dämmerung herein, die Vögel am Bach verstummen. Da naht die Stunde des Christian „Psychodelic is not dead“ Havlicek. Die riesigen Projektionen der Arbeit „Magic Cube“ verwandeln das Graz in eine magische, surreale Traumwelt und sind seine Hymne an die Nacht.
Das Konzept des Kunstverein Graz und des Kurators der Ausstellung Albert Plank, Künstlern der eher noisigen Art ein weiches und heiteres Thema vorzulegen und in eine bequem skurril, bunte Ausstattung einzupassen, ist voll aufgegangen. Der Wettergott hatte ein Einsehen und bescherte den Ausstellungsmachern einen wunderbaren Tag. Die gebotenen Möglichkeiten wurden von einem zahlreichen und lang verweilenden Publikum erfreut angenommen. So hat sich die Mühe des gewaltigen Aufbauaufwands für eine Ein-Tages-Ausstellung doch gelohnt.
Der nächste Beitrag zur Reihe Sturm und Liebe findet im Rahmen der Ausstellung „Rough Trade“ am 17. Oktober statt und bietet ein Klang-Kunst-Konzert mit der Formation Der Postmann und der Mann ohne Hund.
(Text: Johann Lehneis, Foto: Lilith Suppmann)
24.08.09 - online redaktion
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