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Plattform schaffen

Um Säm Wagner vorzustellen, verweist man am besten auf www.sub-bavaria.de, wo es über ihn heißt: „Säm wird von seinen Eltern ursprünglich Mathias Wagner genannt, ist aufgewachsen in Pressath, dann nach Regensburg gezogen (Zivildienst), um ein Jahr darauf nach Mittweida in Sachsen (Studium) zu ziehen. Dann wieder schnell zurück nach Regensburg. Arbeitet dort u.a. als freier Autor. Seit Oktober 2007 ist er Musikbeauftragter der Stadt Regensburg, seit März 2008 auch Popularmusik-Beauftragter des Bezirks Oberpfalz. Freier Autor (u.a. für den Verlag der Mittelbayerischen Zeitung, als Zündfunk-Bayernkurier, für das Blog Monarchie & Alltag der Tageszeitung taz, usw.). Sein Text Großdörfer erschien im November 2005 in der Anthologie Texttourismus bei Books on Demand. Anfang 2008 erschien das Bildlesebuch „Der 2te Rettungsversuch“ von Jürgen Huber, für das Säm Wagner einen Text beisteuerte, außerdem betätigt er sich als DJ (u.a. Das ist schön in der Alten Filmbühne, Lange Nacht im Büro und Indie Night im Scala). Säm gründete zusammen mit Mawe das Popkultur-Fanzine Pitti Platsch 3000 und mit Timo Lauber die Video-Produktionsgruppe Las Vegas Boys, die u.a. Clips für Mikrofisch, Lá Par Force, Seaside Stars und Atomic drehten. Säm kompiliert zusammen mit Mawe die Pop-You-Samplerreihe.“

 Erklär doch mal deinen Namen!
Der „Säm“ stammt noch aus der 6. Klasse, halt ein Spitzname, der mit geblieben ist. Außer meinen Eltern nennen mich alle so. Mein richtiger Vorname ist Mathias. Mit einem „t“.

Was steht bei dir im Pass unter Beruf?
Vor drei Monaten hätte ich noch gesagt Kameramann. Nach dem Studium der Medientechnik war ich zehn Jahre lang beim lokalen TV-Sender als Kameramann aktiv. Mit meiner Berufung zum Musik-, bzw. Popularmusik-Beauftragten und meiner zunehmenden schriftstellerischen Tätigkeit wurde das leider immer schwerer vereinbar. Jetzt also Beruf: Journalist. Berufung: Musikbeauftragter.

Was macht ein Popularmusik-Beauftragter?
Beraten und Vernetzen. An mich wenden sich Musiker und Bands, aber auch Veranstalter. Darüber hinaus gebe ich Tipps, wie sich Bands Plattformen erobern können, vermittle Kontakt zu Medien, Auftrittsorten und dergleichen. Natürlich bin ich auch behilflich, wenn eine Formation einen Schlagzeuger sucht, und leiste Aufklärungsarbeit, wenn es um GEMA oder Plattenverträge geht. Ich warte aber nicht nur, bis sich jemand Hilfe suchend an mich wendet, ich versuche mich einzumischen  und mache aktiv Vorschläge, wenn es beispielsweise um die Gestaltung von Veranstaltungen geht. So habe ich darauf gedrängt, dass am Welterbetag, am 1. Juni, auch Regensburger Pop-Bands eine Plattform bekommen.

Wer sind deine Ansprechpartner? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Entscheidungsträgern?
Zunächst halte ich Kontakt zu den zuständigen Ämtern, dem Amt für kommunale Jugendarbeit und auch dem Kulturreferat. Ich war überrascht, dass ich da offene Türen einrenne. Die Notwendigkeit, dass für Jugendliche und junge Leute ein adäquates Angebot gemacht wird, ist erkannt. Die Politik fragt gezielt nach. Ein aktuelles Beispiel: Meine Anregung, junge Leute mit der Party „Laut gestimmt“ im Gloria zur Landtagswahl zu bewegen. Ich brauche aber nicht zu den Bürgermeistern gehen und über die Situation jammern, ich unterbreite Lösungsvorschläge. Dass diese rasch und bereitwillig angenommen werden, hat mich Anfangs regelrecht überrascht. Ich werde nicht gefragt: „Wo haben wir ein Problem?“ sondern kriege gesagt: „Wie löst man dieses Problem!“ Ich sehe mich aber in erster Linie auf Seiten von Bands und Kreativen, denen ich Möglichkeiten eröffnen kann, indem ich Kontakt zu Stiftungen und Stellen herstelle, von denen sie finanzielle Unterstützung bekommen können und von denen sie oft nichts wussten.

Und wie sieht deine Tätigkeit für den Bezirk Oberpfalz aus?
Ähnlich. Wobei ich hier vor allem bestrebt bin, die vielen Bands, die es im Bezirk gibt, auch mal nach Regensburg zu holen. Segam & Andi P. aus einem Dorf im Landkreis Tirschenreuth zum Beispiel, die dreckigen Rap auf oberpfälzisch machen, voll unter der Gürtellinie und keinen glattgebügelten Hip Hop sondern richtig derbe Reime.
Wie kam es zur Leidenschaft für Musik? Zur Leidenschaft für welche Art von Musik?
Im Alter von etwa 9 Jahren haben mich in der Bravo mehr die Charts und die Berichte über Bands interessiert als das, was da sonst noch drin stand. Ich konnte die aktuellen Top 10 im Schlaf auswendig. In der Plattensammlung meiner Eltern fand ich Beach Boys-Platten, die ich gerne mochte – Brian Wilson habe ich vor drei Jahren live erlebt, ein Ereignis für mich – die Pet Shop Boys hörte ich gerne, auch Bob Dylan. Als ich ungefähr 15 war, eröffnete in Grafenwöhr ein GI einen Plattenladen, dort kaufte ich mir Hip-Hop-Maxis. Danach hatte ich eine Heavy-Metal-Phase und seit Grunge interessiere ich mich für den Indie-Sektor, wobei mein Musik-Geschmack mit der Zeit immer vielfältiger geworden ist. Zu Jazz habe ich leider nicht so den Zugang, im Moment entdecke ich die Klassik, was weniger der Tatsache geschuldet ist, dass ich ein paar Jahre in Bayreuth zur Schule ging, sondern Rufus Wainwright, den ich als Musiker wahnsinnig verehre und der kürzlich eine Klassik-Compilation veröffentlichte.

Welche Musik machst du selbst?
Leider keine. Ich habe zwar mal etwas auf der Gitarre gezupft, aber ich glaube, dass ich in der Vermittlung besser bin denn als Interpret. Wenn ich als DJ auflege, liegt mir auch nicht so sehr daran, geschickte Übergänge hinzukriegen als die Leute von guter und neuer Musik zu überzeugen.

 Regensburg als Plattform für Pop-Musik. Siehst du hier eine inflationäre Fülle oder eher Defizite?
Ich bevorzuge die Bezeichnung Pop-Kultur, denn neben den Labels Schinderwies Productions oder MFCP und hoffnungsvollen Bands wie Mason Dixon Line, Spruce,  Zarate oder Finca und erstklassigen DJs, tut sich auch im Bereich Bildender Kunst einiges, ich nenne hier Blink & Remove, die wunderbare Visuals in Clubs und auf Parties längst schon in Metropolen machen. Florian Toperngpong ist zu nennen, der mit Literatur und Performances Regensburgs Kultur sicher erfrischt oder auch der Maler und Street Art-Künstler Rayk Amelang. Die vielen Street Art-Sachen, die hier haufenweise passieren, werden aber halt leider nur noch nicht ausreichend als Kunst anerkannt. Leider muss ich auch eingestehen, dass es schwer ist, von Regensburg aus den Sprung zu schaffen. Vor sechs Jahren etwa war das anders. Beige GT, Jenny Lund und auch Sonny Jim hatten wahnsinnig viel Potential, Schinderwies Productions wurde gegründet, es gab noch kleine Plattenläden, die als Schaltzentralen fungierten. Es herrschte eine Art Aufbruchstimmung, Regensburg tauchte oft in überregionalen Magazinen auf und der Zündfunk des BR legte einen starken Fokus auf die Stadt. Um aber wirklich reüssieren zu können, sind viele Musiker, wie die Gebrüder Teichmann nach Berlin gegangen und holten sich so neuen Schub für ihre Karriere. Die beiden Teichmänner sind im Moment für das Goethe Institut weltweit unterwegs und Dr. Norton sind letzte Woche in einer WDR-Sendung als Berliner Band vorgestellt worden. Mit dem Umzug des Graz e.V. in die Innenstadt sind auch Übungs- und Auftrittsmöglichkeiten verloren gegangen. Pop hat in Regensburg bei weitem nicht die Lobby, wie sie der Jazz hat. Ich stelle auch fest, dass das potenzielle Publikum hier viel zu wenig experimentierfreudig ist und schon abwinkt, wenn für wirklich erstklassige Künstler ein paar wenige Euro Eintritt verlangt werden. Vielleicht sollte man einen Verein für Pop-Kultur gründen. Ähnlich wie seinerzeit den Jazzclub, der Regensburgs Musikszene entschieden geprägt hat.

Im Dezember organisierst du mit Jürgen Huber eine Reihe über Label-Art im Graz. Was erwartet uns?
Pläne hierzu gibt es viele und hoch fliegende. Ich weiß nicht, ob wir alle Acts nach Regensburg locken können, die uns vorschweben, wie Jim Avignon, Chicks on Speed und Françoise Cactus. Die Idee kam auch durch ein Albumcover vom Hausmusik-Label aus Weilheim, das aus alten Folien, die sich auf einem Dachboden fanden, selbst gebastelt worden war. Das kleine CD-Format verlangt eben viel Kreativität.

Kommen wir auf deine journalistische und schriftstellerische Arbeit zu sprechen. Wie fing es an? Woran arbeitest du jetzt? Was wird kommen?
Mit dem Schreiben ging es 1998 los, als ich mit Mawe Pitti Platsch 3000 machte, ein selbst kopiertes, selbst geheftetes und in Handarbeit zurechtgeschnittenes Magazin, Auflage ca. 300 Stück. Verkauft haben wir das für ein „Kopiergeld” von zwei Euro. Wir schrieben über unser Lebensgefühl, welche T-Shirts wir gekauft hatten, welche Simpsons-Folge die beste sei und so weiter. Darin gab es auch Plattenbesprechungen, auf die der Zündfunk aufmerksam wurde. Wir legten die Platten auf, saßen zu dritt im Kreis um ein Mikrofon und fingen spontan an zu lästern und zu loben. Die Bänder haben wir dann abgetippt und veröffentlicht. Irgendwann wollte die Redaktion des Zündfunks mit ins Kinderzimmer und mitschneiden. So fing meine Rundfunkarbeit an. Nach einem Praktikum beim BR wurde mir die Kolumne Bayernkurier anvertraut, wo ich über Regensburg erzähle. Dann kam das Pop-Blog bei der taz dazu, nebenbei lief immer noch die Internetplattform Pitti Platsch 3000 weiter, dessen Gästebuch sich noch heute mit geistreichen Kommentaren, u.a. sogar von Spiegelautoren, füllt. Ich hatte also das Schreiben für mich entdeckt und neben journalistischen Arbeiten fließen mir auch ab und an belletristische Texte aus der Feder.

Welche Musik fixt dich im Moment an?
Zum Beispiel die Fleet Foxes. Ihren Stil könnte man Country mit Beachboys-Vocals beschreiben, sehr ruhig, mehrstimmig gesungen. Sehr viele Sachen der „Weilheimer“ aus dem Umkreis von The Notwist gefallen mir ausnehmend gut, und aufregende Entdeckungen machte ich in den letzten Jahren auf dem „Iceland Airwaves“, einem Festival, das jeden Herbst in Reykjavik stattfindet, wo es sehr interessante Talente zu entdecken gibt und das viele Musikjournalisten aus aller Welt anzieht. Ich stöbere zwar gerne im Internet nach neuer Musik, aber ich muss eine CD oder eine Platte und ihr Cover mit Händen greifen können.

Welche Bücher haben dich im letzten Jahr besonders gefesselt?
Ich habe gerade mit dem dritten Teil von Sven Regeners Herr-Lehmann-Trilogie angefangen. Von Juli Zeh hat mich kürzlich „Adler und Engel“ sehr berührt, eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe, ansonsten pendle ich gerne zwischen moderner Popliteratur und den „Alten“, Kafka oder Thomas Bernhard.

(Auszug aus Kulturjournal Regensburg, Interview und Fotos: Peter Lang)

 

15.10.08 - Redaktion

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