Planungssicherheit bis 2011
Kein Wagner, kein Verdi, kein Strauss, Mozart nur in Wiederaufnahme – dafür eine echte Ausgrabung und – zumindest musiktheaterwissenschaftlich – ein Schmankerl: Simon Mayrs „Il ritorno d’Ulisse“. Im Schauspiel: Kein Shakespeare, die Klassiker-Schiene wird mit Schillers „Don Karlos“ besetzt, Brechts „Puntila“ kommt open-air und die „Buddenbrooks“, von John von Düffel nach Thomas Mann kommen als Drama. Ein Spielplan so bunt und abwechslungsreich, auf den ersten Blick gar beliebig, wie ihn alle Intendanz-Jahre von Ernö Weil und seiner Crew kennzeichnen.
Gibt es den idealen Spielplan?
Sicher ist es keine leichte Aufgabe für ein 3-, bzw. 4-Spartenhaus einen Spielplan zu kreieren, der einen roten Faden hat, der dem Kulturauftrag und den Publikumserwartungen gerecht wird und der auch dem Journalismus dankbare Vorlagen liefert. Will man Theater für Stadt und Region machen, wie soll dann der Spielplan aussehen? Von Hans Schaidinger als Verwaltungsratsvorsitzendem und OB der Stadt wurde Ernö Weil seinerzeit nicht zuletzt deshalb ausgewählt, „weil er einen sehr Regensburgerischen Spielplan“ mache. Wie ein sehr Regensburgerischer Spielplan aussieht, konnte oder wollte er bei der Verkündung damals im Bischofshof zwar nicht näher erläutern, nur soviel, dass Weil es verstehen würde, das Haus voll zu kriegen. Derzeit haben genau 5130 Abonnenten einen Vertrag mit dem Theater. Rekord, wie es heißt. Konkrete Zahlen, wie viele Neuabschlüsse, wie viele Kündigungen, liegen offiziell nicht vor, Fakt ist, dass sich die Klientel deutlich geändert hat. Die Finanzierung der Regensburger Bühne(n) ist laut Kaufmännischem Direktor Henrik Huyskens, städtische und freistaatliche Gelder betreffend, zumindest bis 2011 gesichert.
Welche Kriterien will man einer Spielplangestaltung zugrunde legen? Muss der Lehrplan des Deutschunterrichts berücksichtigt werden? Ist der zigste Todes- oder Geburtstag eines Komponisten oder Dramatikers schon ein Grund, Verdi, Schiller oder Brecht zu geben? Wunschstücke des Publikums in Befragungen herausfiltern macht auch wenig Sinn, „Die Zauberflöte“ würde ganz sicher die Charts anführen. Nun ist auch noch die berechtigte Frage zu stellen, ob Wagner, Verdi und Mozart, die Opernmaßstäbe also, ein Stadttheater unbedingt bringen muss? Ob der Musiktheater-Connaisseur ein Anrecht hat, das Dreigestirn auch auf Provinzbühnen gegeben zu bekommen, darf stark in Zweifel gezogen werden. Abgesehen von Besetzungs- und damit Budget-Fragen, ist es Häusern wie Regensburg (Würzburg, Coburg, Pforzheim…) – die von einer Abonnement-Struktur getragen und geprägt sind – nicht möglich (und es ist auch nicht nötig!) in Konkurrenz zu Staatstheatern zu treten. Ein eigenes Profil kann auch mit „kleineren“ Werken erarbeitet und konturiert werden. Die Ansätze hierzu hat Weil in seinen Intendanten-Jahren in Regensburg unternommen, aber zu oft durch künstlerisch fragwürdige Konzepte verwässern lassen, man denke nur an die „Catalani-Loreley“. Womit nicht gesagt sein soll, dass nur mediokre Literatur in Angriff genommen werden soll, die aber kulinarisch aufgetischt, macht Abonnenten und Feuilletons „glücklich“ und zufrieden. Von daher geht das Angebot 2009/10 alles in allem in Ordnung.
Das aktuelle Angebot
Publikumsmagneten zuhauf in der Spielzeit 2009/10 auf dem Programm: „Tosca“ (Puccini), „Der Zigeunerbaron“ (Strauß), „Eugen Onegin“ (Tschaikowsky) und die Wiederaufnahmen „My Fair Lady“ (Loewe/Lerner), „Le Nozze di Figaro“ (Mozart). Die drei Gusto-Stückerln „L’Arlesiana“ (Francesco Cilea), „Il ritorno d’Ulisse“ (Simon Mayr) und Franz Hummels Uraufführung „Zarathustra“ sind somit dann doch noch das nötige Salz im Spielplan-Eintopf. Dem Affen Zucker gibt man mit den Musicals: „Sugar“ (nach Billy Wilders Film „Some like it hot“) und „Jekyll und Hyde“ vom Gespann Wildhorn/Bricusse. Der Spagat zwischen Abonnenten-Befriedigung und –Bindung und feuilletonistischer Aufmerksamkeit ist erneut dem Weilschen Spielplan anzumerken, bleibt zu hoffen, dass auch musikalisch, gesanglich und inszenatorisch diese Rechnung aufgeht. Schade freilich und geradezu ein Wermutstropfen, dass „L’Arlesiana“ lediglich zweimal und nur konzertant gegeben wird. Sparzwang? Oder hat der maltesische Tenor Joseph Calleja (mit Gattin Tatjana Lisnic) die Partie halt grade drauf und zufällig Zeit für ein Gastspiel? Mit vielen Fragezeichen versehen sind noch die vier geplanten Regensburg-Aufführungen von „La vera costanza“ von Joseph Haydn, eine Produktion, die in Treviso erarbeitet werden soll, und nach Stationen in Sofia, Madrid, Liege und Rouen in Regensburg gezeigt wird. Bühnenbild und Ensemble reisen an, die Städtischen Philharmoniker unter hauseigener Leitung begleiten. Dass Haydn-Opern sich in keinem Spielplan der Welt halten konnten und können, dass die Bühnenwirksamkeit des Niederösterreichers, höflich formuliert, nur eine sehr geringe ist und immer einer schon genialen Regiepranke bedurfte, macht das Unterfangen „wahre Treue“ noch fraglicher. Rein inhaltlich ein Werk von völliger Belanglosigkeit, obzwar mit netten Arien, dankbar allenfalls als Hochschul-Produktion. Hier hätte man Anstrengungen in lohnendere Werke investieren können, Gründe für die Aufnahme ins Regensburger Repertoire sind nicht ersichtlich, wenn man von eventuellen Geldern aus Brüssel absieht, die angesichts der europäischen Dimension der Produktion vielleicht fließen werden. Mit besonderer Spannung darf allerdings Simon Mayrs Odysseus-Oper erwartet werden. Riccordi ist derzeit noch mit der Zusammenstellung der Partitur und der Klavierauszüge beschäftigt, eine echte „Ausgrabung“, auf die Regensburg und die Opernwelt sich freuen darf. Ob auch Franz Hummels „Zarathustra“ – eine Oper über Nietzsche, Auftragswerk des Theaters Regensburg – breite Resonanz über die einschlägigen Organe hinaus erfahren wird, muss sich zeigen. Die Worte des Intendanten hierzu, nach dem Warum, Wieso und Weshalb von Thema und Sujet befragt: „Wird es ein Erfolg, dann war es unsere Idee!“ Hummels Ausflüge ins seichte Wasser des (Neuschwanstein- und in andere) Musicals haben ihm viele nicht verziehen, seine Kulturhauptstadt- und Schauspiel-Oper „Joseph Fouche“ für Linz 2009 blieb ohne Nachhall. Unbestritten ist sein Erstling „Ubu“ ein Wurf, die Aufnahme „Zarathustras“ in den Spielplan darf nicht allein seines regionalen Bezugs wegen (Hummel wohnt bei Riedenburg) geschehen.
Was Olaf Schmidt mit seiner Compagnie 2009/10 zeigen wird, wird sich zeigen. Fest steht bislang nur, dass es zwei neue Ballette geben wird und die Wiederaufnahme von „Schwanensee“ sowie erneut „creative attack VI“, Tanztheater von und mit Mitgliedern des Balletts.
Enttäuschend ist die Schauspiel-Auswahl geraten. Mitterers „Die Beichte“, Schillers „Don Karlos“ und Brechts „Puntila“ – alles gute, wirksame Stücke, warum mit den „Buddenbrooks“ (nach dem Kino-Flop) eine Bühne-Version aufgeführt werden muss, kann Oberspielleiter Michael Bleiziffer nicht plausibel machen. Aufstieg und Fall einer Wirtschafts-Dynastie? Die Finanzkrise als Folie hierfür reicht leider nicht aus. Geradezu ein Armutszeugnis, dass Ende Februar immer noch Unbekannte im Stückereigen zu finden sind. „Ohne Filter“ von Philipp Engelmann wegen der Nichtraucherdebatte auf den Spielplan zu setzen, mutet schon etwas hilflos an – sorry. Ob der „Puntila“ freilicht-tauglich ist, wird sich weisen. Es fehlt der „Kracher“! Frayns „Nackten Wahnsinn“ an die zweite Position zu setzen zeugt von Mut und Gottvertrauen – es gibt kaum ein probenintensiveres Stück, das viele Durchläufe in Kostüm und im original Bühnebild braucht, um mit seiner minutiösen Situationskomik zu wirken. Toi, toi, toi.
Mehr Anstrengungen zeigen sich beim Kinder- und Jugendtheater, das nicht nur aus Gründen der Platzauslastung, die immer mehr zum Wohl und Wehe von Intendanten gerät, gehegt und gepflegt wird. Ein ausführlicher Bericht zum Angebot der vierten Sparte unter besonderer Berücksichtigung der Stückauswahl folgt demnächst.
Bereits 2004 hat sich Intendant Ernö Weil um die Ausrichtung der Bayerischen Theatertage 2010 bemüht und den Zuschlag erhalten, noch glaubend, die RMMX-Bemühungen würden Erfolge zeitigen. Nun hat man sie „am Bein“, hoffend auf genügend Geld aus München. Auch hierzu folgt Berichterstattung zu gegebener Zeit.
Der Spielplan in chronologischer Folge
ab 20. September 2009
Westindische Früchte
Wiederaufnahme (Kinder- und Jugendtheater)
ab 25. September 2009
Tosca
Oper von Puccini, Theater am Bismarckplatz
ab 26. September 2009
Don Karlos
Schauspiel von Schiller, Velodrom
ab 2. Oktober 2009
Wer hat Angst vor Virginia Woolf?
Schauspiel von Albee, Theater am Haidplatz
ab 3. Oktober 2009
My Fair Lady
Musical von Loewe/Lerner, Theater am Bismarckplatz
ab 8. Oktober 2009
Ohne Filter
Schauspiel von Engelmann, Uraufführung,. Turmtheater
ab 17. Oktober 2009
Der Zigeunerbaron
Operette von Strauß, Theater am Bismarckplatz
ab 24. Oktober 2009
Le Nozze di Figaro
Oper von Mozart/da Ponte, Theater am Bismarckplatz
ab 13. November 2009
Der nackte Wahnsinn
Farce von Frayn, Theater am Bismarckplatz
ab 22. November 2009
Die Biene Maia
Kinderstück von Pinkus, Velodrom
28. November und 5. Dezember 2009
L’Arlesiana
Oper von Cilea, konzertant, Theater am Bismarckplatz
ab 4. Dezember 2009
Die Grönholm-Methode
Schauspiel von Jordi Galceran, Theater am Haidplatz
ab 19. Dezember 2009
Eugen Onegin
Oper von Tschaikowsky, Theater am Bismarckplatz
ab 16. Januar 2010
Schwanensee
Ballett von Tschaikowsky, Theater am Bismarckplatz
ab 29. Januar 2010
Buddenbrooks
Schauspiel von von Düffel nach Th. Mann, Velodrom
ab 30. Januar 2010
Mein und dein Herz (Medeia)
Schauspiel von Haratischwili, Theater am Haidplatz
ab 6. Februar 2010
Il Ritorno d’Ulisse
Oper von Mayr, Theater am Bismarckplatz
ab 11. Februar 2010
Die Beichte
Schauspiel von Mitterer, Turmtheater
ab 20. März 2010
Sugar
Musical von Stone, Jule Styne und Bob Merrill
ab 24. April 2010
Zarathustra
Oper von Hummel, Uraufführung, Theater am Bismarckplatz
ab 22. Mai 2010
Piratenmolly ahoi!
Kinderstück von Stüting, Wiederaufnahme, Theater am Haidplatz
ab 28. Mai 2010
creative attack VI
Tanztheater, Velodrom
ab 29. Mai 2010
Herr Puntila und sein Knecht Matti
Stück von Brecht, Hof Thon-Dittmer-Palais
ab 16. Juni 2010
Jekyll und Hyde
Musical von Wildhorn und Bricusse
14. Juni bis 4. Juli 2010
28. Bayerische Theatertage
Änderungen vorbehalten.
21.02.09 - peter lang
