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„Ohne Wurzeln keine Flügel“

Helmut W. Brossmann ist in erster Linie als Manager der Kastelruther Spatzen bekannt. Mit der Papst-Golf-Ersteigerungsaktion bei Ebay erregte er ein überregionales Medienecho und die stärkste Verbindung nach Regensburg dürfte er durch seine Arbeit für die Domspatzen haben. Mit dem weltberühmten Knabenchor hat er bereits vier Aufnahmen realisiert und wenn nächstes Jahr der langjährige Domspatzen-Chef Georg Ratzinger zu seinem 85sten Geburtstag in der Sixtinischen Kapelle in Rom mit der Mozart-Messe in c-Moll geehrt wird, wird Medienmanager Brossmann sicher mit dabei sein.

Ebenso wie die Musikproduktionen gehört zum gelernten Schäfer Brossmann die Arbeit mit Tieren: Die Schafzucht in seinem Spatzenpark, Kommissar Rex aus seiner Schäferhundezucht, sein Einsatz für die Bernhardiner-Zucht oder die Begegnung mit Orcawal Willy. Helmut W. Brossmann hat außerdem eine starke Affinität zur Augsburger Puppenkiste und er sammelt Loks – echte wohlgemerkt.  t,f: mk

Herr Brossmann, wie kommen Sie dazu, für die weltbekannten Domspatzen CDs zu produzieren?
Als das Pontifikat von Joseph Ratzinger begann, ist das „Konzert für Papst Benedikt XVI.“ in der Sixtinischen Kapelle veranstaltet worden, von dem wir einen Tonträger gemacht haben, der sich sehr gut verkauft und mit Recht als die erfolgreichste Chorproduktion der letzten 30 Jahre bezeichnet werden darf. Dieses Projekt umfasst neben der CD auch noch eine DVD mit drei Filmen: einmal ein Porträt von Georg Ratzinger als Papstbruder, einen Film – das making off – über die Konzertaufnahmearbeiten und das A-Capella-Konzert selbst.
Mein zweites Domspatzen-Projekt war „Es zog manch Lied ins Herz mir ein“ mit eher volksliedhaftem Repertoire. Und die bislang letzte Produktion ist „Kathedralen an der Donau – die musikalische Welt der Regensburger Domspatzen“.

Es hat aber schon vor 2005 Kontakte zu den Domspatzen gegeben …
Christof Hartmann, den Manager des Chors, kenne ich schon lange und 1998 haben wir eine Weihnachts-CD mit Aufnahmen der Regensburger Domspatzen und der Kastelruther Spatzen realisiert. Auf dem ersten Stück, „Das ewige Lied“, singt unser Sänger Norbert Rier zusammen mit den Domspatzen – das war damals ein Novum, so etwas hatte es bis dahin nicht gegeben.

Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Produktion?
Zunächst sollte die CD mit den Wiener Sängerknaben gemacht werden, doch der Regensburger Knabenchor war mir näher und die Namensgleichheit sprach zusätzlich für solch eine Kooperation. Übrigens ist dies immer noch das aktuelle Weihnachtsalbum, das auch heuer bei dem großen Konzert der Kastelruther Spatzen am 7. Dezember in der Donauarena gegeben wird.

Wenn man den Ex-Spatzen Oswald Sattler anschaut, ist da zurzeit so eine Tendenz hin zum kirchlichen Lied zu erkennen?
Es gibt aus dem volkstümlichen Bereich viele Interpreten, die besinnliche Lieder in ihrem Programm haben. Monika Martin hat dieser Tage ein Album mit kirchlichen Liedern herausgebracht. Sie haben Oswald Sattler angesprochen und auch die Kastelruther Spatzen haben heuer im März ein Album mit dem Titel „Geschrieben für die Ewigkeit“ und besinnlichen Liedern eingespielt. Ich habe dafür selbst ein Stück geschrieben: „Jeder Weg führt irgendwann nach Hause“ ist in Anlehnung an den Papstbesuch in Bayern 2006 entstanden. Ich persönlich finde es gut, wenn Interpreten ihrem Publikum eine größere Bandbreite im Repertoire zeigen, sich ein breiteres Publikum erschließen und aus den herkömmlichen Schubladen ausbrechen.

Ihr Bezug zu Regensburg ist so stark, dass Sie als Marketing-Aktion sogar den Papst-Golf erwerben wollten?
Auf diese Geschichte werde ich oft angesprochen. 2006, als Benedikt nach Bayern kam, war die große Papst-Euphorie und mich hat dieses Phänomen beschäftigt: Warum interessieren sich die Menschen auf einmal so stark für dieses Thema? Die Versteigerung eines einfachen Autos, das dem jetzigen Papst gehörte, trieb bei Ebay sensationelle Blüten. Mich hat das sehr interessiert und ich war mit dem Autobesitzer in Olpe von Anfang an in Kontakt. Der Golf hat mich nicht als „Devotionalie“, sondern in der Tat aus marketingtechnischen Gesichtspunkten interessiert.

Vom Schäfer aus einfachen Verhältnissen  zum Multimedia-Agenten, das ist ja schon fast ein amerikanischer Traum?
Die Familie mütterlicherseits hatte durch den Krieg alles verloren und unsere Verhältnisse waren wirklich sehr einfach. Meine 16 Jahre ältere Schwester war als Medizinerin schon erfolgreich, als ich den „wenig zukunftsorientierten, wenig akzeptierten“ Beruf des Schäfers ergreifen wollte. Das war natürlich nicht einfach, aber meine Mutter ließ mir zunächst meinen Willen. Nach meiner Ausbildung bin ich dann mutterseelenallein mit zweitausend Schafen und sechs Hunden durch die Welt getingelt.

Die Schäferromantik hat aber nicht lange gedauert …
Nach drei Jahren, als meine Sturm-und-Drang-Phase abgeschlossen war, hat meine Mutter mich dazu bewogen, das Abitur nachzumachen. Zu einer eigenen Schafherde oder gar Schafzucht hätte es ja nie gereicht und so hab ich schweren Herzens wieder die Schulbank gedrückt. Dann kam das Studium, Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Marketing. Doch die Theorie ist nicht das Meine, ich habe immer neue Ideen, immer tausend Interessen, die ich verfolge. Meiner Ansicht nach sind ein starkes Interesse und menschliche Stärken auch die Garanten des beruflichen Erfolgs.

War das schon während des Studiums Ihr Wunsch, ins Musikgeschäft zu gehen?
Die Entwicklung begann schon viel früher: Ich spiele selbst Akkordeon, war mit sieben schon ein Fan der Original Oberkrainer und nahm später Unterricht bei Slavko Avsenik. Aus dem Fan und dem späteren Leiter des Fanklubs hat sich mit der Zeit dann der Manager Brossmann entwickelt. Seit 1985 betreue ich Slavko Avsenik und verwalte heute sein musikalisches Vermächtnis – die Oberkrainer gehören mit über 40 Millionen verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten Interpreten aus dem Segment volkstümliche Unterhaltungsmusik.
Über die Oberkrainer ist der Kontakt zu den Kastelruther Spatzen entstanden. Denn, was viele nicht wissen, die Spatzen haben früher Oberkrainer Musik nachgespielt, haben ihr eine eigene Handschrift gegeben, die sich durch den Grand Prix der Volksmusik etabliert.

Die Geburtsstunde des volkstümlichen Schlagers …
war 1990: Die Kastelruther Spatzen haben den Grand Prix der Volksmusik gewonnen. Und man muss heute die gute alte Volksmusik vom volkstümlichen Schlager unterscheiden und wir werden oft gefragt, warum wir diese Form propagieren. Diese Diskussion über die Kommerzialisierung ist aber schon früher entstanden – mit dem Aufkommen der volkstümlichen Musik. Dabei waren die beiden Hauptvertreter Ernst Mosch und seine Original Egerländer Musikanten sowie Slavko Avsenik und die Original Oberkrainer. Weitere Bekannte sind Hansl Grönauer, Franzl Lang und Maria und Margot Hellwig. Der Musikantenstadl oder das Herbstfest der Volksmusik werden heute noch leidenschaftlich kritisiert.

Und was antworten Sie den Kritikern?
Die Antwort auf diese Frage ist einfach: Weil die gute alte Volksmusik niemand kauft. Ich bin ja wie gesagt selber vom Fach, spiele Trompete und Akkordeon und höre zum Beispiel sehr gern die Fraunhofer Saitenmusik oder die Kapelle Josef Menzl. Aber wenn sie jetzt ein Album mit echter Volksmusik auf den Markt bringen, dann gehen sie mit zwei bis dreitausend verkauften CDs unter. Das ist der Punkt.

Warum ist das Käuferverhalten so und nicht anders?
Die Leute wollen eine heile Welt und die bekommen sie im volkstümlichen Schlager. Die Leute suchen nach Werten und nach Verlässlichkeit, sehnen sich nach den alten Zeiten, wo heute alles von Neid, Gier und Angst geprägt wird. Ein Auftritt, eine Fernsehshow wird zum Erlebnis, mit Feuerwerk und schönen Menschen und schönen Stimmungen.

Geht’s nicht auch anders? Nehmen wir Haindlings Erfolg in China …
Der Hans-Jürgen Buchner macht seine Sache ausgezeichnet, er hat in der Tat seine eigene Handschrift und ist in seinem Bereich bestens etabliert. Und es gibt durchaus immer wieder Gruppen, die einen anderen Weg gehen, die Global Kryner zum Beispiel. Die haben die Volksmusik mit Pop, Rock, Swing und Soul bereichert. Aber das sind Einzelfälle, für den großen kommerziellen Erfolg ist das Publikum nicht da. Natürlich kann der intellektuelle Kritiker die Nase über die Kastelruther Spatzen rümpfen, aber die 20 Millionen verkauften Tonträger sprechen für sich.

Schauen wir noch auf einen anderen Bereich, die Hohner Musikinstrumente …
Ich war für den früheren Vorstand beratend tätig. Der Traditionshersteller ist mittlerweile an einen japanischen Investor verkauft worden, was wiederum ein Beispiel für die Systematik der globalisierten Märkte ist. Früher, da spielten alle Hohner. Sowohl im Bau wie auch im Spiel des Akkordeons war ein großes Maß an Wissen und Können gefragt. Morino und Gola waren Meister ihres Fachs. Heute kauft man an Weihnachten ein Keyboard und an Silvester meint der Nachbar schon eine Big Band zu hören: Minimaler Einsatz bei maximalem Effekt.
Diese Mentalität zieht sich aber durch alle Lebensbereiche durch und ist bei den Finanzmärkten am deutlichsten zu sehen: mit wenig Einsatz einen riesigen Gewinn erzielen wollen, was zu dem Irrsinn führt, dass die Aktien steigen und gleichzeitig Menschen ihre Arbeit verlieren.

Was verbindet Sie mit der Augsburger Puppenkiste?
Das ist auch so ein Steckenpferd von mir. Aber auch hier das gleiche Problem: Das Theater wird heute in dritter Generation von Klaus Marschall geführt, mit einem Riesenfundus an handgeschnitzten Puppen, einem großen Ensemble, viel Bühnenbau und Inszenierungsaufwand. Auf der anderen Seite will man für das Publikum verträglich niedrige Eintrittspreise anbieten. Die Fernsehproduktionen, die wir alle kennen – „Kleiner König Kallerwirsch“, „Jim Knopf“ oder „Urmel auf dem Eis“ –, alles pädagogisch wertvolle Kinderunterhaltung, vom Hessischen Rundfunk mit seinem Bildungsauftrag finanziert, das geht heute nicht mehr. Die Sender arbeiten alle ergebnisorientiert, sparen und kaufen billige Produktionen ein. Wobei billig natürlich auch im Hinblick auf die Qualität zu sehen ist.

Steht Ihre Arbeit unter dem Motto, noch ein bisschen von der guten alten Zeit in das Heute hinüberzuretten? Ihr Fazit …
Ich bin ja ein bisschen so der Dinosaurier der Branche. Bei den Kastelruther haben wir über die Jahre hinweg den Kern erhalten, die Tradition, so gut es geht, bewahrt und uns für Neues aufgeschlossen gezeigt. Es gibt ja den Spruch: „Ohne Wurzel keine Flügel.“ Über allem steht bei mir ein Begriff: Emotionen. Ich will die Menschen am Herzen berühren, denn in dieser eiskalten Zeit haben sie das nötiger als je zuvor. Sie sehen in allen Bereichen das gleiche Phänomen: Das Konsumverhalten der Menschen hat sich komplett geändert, im Bereich der Kultur haben wir eine starke Tendenz zur Trivialisierung, Zeit und Geld für Qualität wird immer knapper. Es gibt zweifellos Ausnahmen und dazu gehören die Regensburger Domspatzen. Die sind ja zuvorderst in der Liturgie zu Hause, die haben die Kirche als Rückhalt und müssen sich nicht dem Markt und dem kommerziellen Erfolg ausliefern – sie können daher die Qualität hochhalten.

 

4.12.08 - michael kroll

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