Musik auf Darmsaiten in digitaler Zeit
Barock ist der letzte Schrei. Uropas Uroper ist hip wie nie! Warum ist uns Vivaldi (1655–1736) so viel näher als Wagner (1831 – 1983)? Die „Tage Alter Musik“ belegen einmal mehr: Die Grenze zwischen U- und E-Musik brauchen nur die Verwertungsgesellschaften.
Was bei vielen Konzerten mit einen Repertoire aus Klassik oder Romantik weitgehend vermieden wird, nämlich eine lässige und ungezwungene Atmosphäre, hat sich bei Darbietungen Alter Musik geradezu als Erkennungsmerkmal eingestellt. In Konzerten der Tage Alter Musik Regensburg sitzt der Punker einträchtig neben dem Banker und der Gothic-Jünger neben dem überzeugten Trachtenträger. Das ist es noch nicht allein, was die Faszination und den Erfolg der Tage Alten Musik in Regensburg ausmacht – es ist vor allem das hohe Niveau der – man verzeihe den Begriff, er ist wohl überlegt gewählt – Acts, die schier unglaubliche Bandbreite und zu guter Letzt auch die Atmosphäre der alten Stadt.
Während das bildungsbürgerliche Publikum großer klassischer Konzerte langsam aber stetig immer weniger wird, legt hier die „Sparte“ Alte Musik kontinuierlich zu. Auch für die Plattenverkäufe mit Musik aus Mittelalter, Renaissance und Barock gilt: Tendenz steigend. Was macht nun die Faszination Alte Musik aus? Hierzu muss erst einmal der Begriff geklärt werden. Alte Musik ist alles vor 1750, wird oftmals argumentiert. Musik, die nicht damit rechnete, zu überdauern, eine Musik fern jeglichen Opus-Gedankens, wie sie ein aufstrebendes Bürgertum in Haydn, Mozart, Beethoven feiert. Eine Publikums bezogene, auf Schönheit bedacht, auf Hinhör-Effekte und „Marktwert“ abzielende Musik wird gefordert. 1746 kodifiziert Charles Batteux den Begriff der „Schönen Künste“, 1750 (Bachs Todesjahr!) postuliert der Philosoph Alexander Baumgarten eine neue Ästhetik, die jegliche Kunst als auf Schönheit ausgerichtet definiert. In genau diese Zeit fällt auch die Umbetonung des Wortes Músik zu Musík (vom franz. musique). Alles nach der alten Betonung – die sich in den Dialekten (bayr. Musi) erhalten hat – gilt fortan als Volks- oder Populärmusik. Verkürzt gesagt: Die typisch deutsche Unterscheidung der Musik in E und U nimmt ihren Anfang. Und just dieser Kategorisierung entzieht sich mithin Alte Musik. Alte Musik ist für den Augenblick geschrieben, Gebrauchsmusik für Gastereien und Tanzvergnügen, Kirchen- und weltliche Feste. Bach musste einmalig für jeden Sonntag eigens eine Kantate schreiben! Man muss hier nicht soziologisch argumentieren, Alte Musik erweist sich als universell verständlich und kommensurabel, musikalische Einheiten (Arien, Suiten-Sätze etc.) haben im Schnitt Popsong-Länge und durch seine Betonung des Rhythmischen spricht Alte Musik – nicht nur – junge Leute in besonderer Weise an. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang das John-Dowland-Album von Sting! Das Label Deutsche Grammophon hat mit Yellow Lounge Internetportal und Live-Club (im „Cookies“ in der Berliner Friedrichstraße) etabliert, womit ein vorwiegend junges Publikum unwillkürlich mit Alter Musik konfrontiert wird. René Jacobs, der Leiter der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, bricht mit althergebrachten Regeln und setzt sein Orchester mit Blick auf die Bühne, um „Improvisation wie bei einer Jazzband“ zu ermöglichen: Musiker und Darsteller kommunizieren mittels Augenkontakt und variieren Stücke je nach Stimmung. Der Freiburger Barockspezialist Thomas Hengelbrock ist überzeugt: „Diese Alte Musik war mal Avantgarde. Das spüren die jungen Leute, die das heute hip finden.“
Komplett und spannend macht das Vergnügen Alte Musik für uns Heutige die Musik-Archäologie. Wie klangen die Lieder der Minnesänger? Welche Werke der Renaissance hat die Musikwissenschaft in Archiven und Bibliotheken „ausgegraben“? Wie und was sangen die Kastraten-Opernstars in der Barockzeit? Wie war der Orchesterklang, als Cello, Harfe und Fidel noch mit Darmsaiten bespannt waren? Und hier setzt das Team der Regensburger Tage der Alten Musik an. Die historische Aufführungspraxis ist das bestimmende Moment des Festivals, weniger der Diskurs darüber, als viel mehr die Lust an der Musik selbst und das Demonstrieren der unglaublichen Bandbreite, die der Kosmos Alte Musik bereithält. Vom Landknecht-Gassenhauer bis zur hochartifiziellen Opernliteratur reicht der Bogen, der sich alljährlich am Pfingstwochenende ausbreitet. Was die Definition „Alte Musik“ anbelangt, so orientieren sich die Macher der TAM an der HIP, der historisch informierten Praxis, die unorthodox auch die Herangehensweise der Entstehungszeit von Werken der Klassik bis zur Spätromantik berücksichtigt; So fanden auch bereits Mendelssohn-Bartholdy und Rimsky-Korsakov Aufnahme ins Programm. 14 Konzerte in vier Tagen stellen die Macher Ludwig Hartmann, Stephan Schmid und Paul Holzgartner auf die Beine, ohne Sekretariat und Praktikanten. Das 2009-Programm unterscheidet sich nicht wesentlich von denen der Vorjahre. Neben Barock- und Renaissance-Werken, wird auch Mozart (mit den Domspatzen) gegeben und zum 250. Todestag stellt man mit drei Abenden Georg Friedrich Händel ins Zentrum. Nach 2007 (Orfeo) wird wieder eine Monteverdi-Oper (L’incoronazione di Poppea) gezeigt, die Vermutung liegt daher nahe, dass folglich 2011 die dritte Monteverdioper (Ritorno d’Ulisse) auf dem Spielplan stehen wird. Die Ensembles und Solisten kommen aus Deutschland, Österreich, Belgien, Dänemark, Italien, Frankreich, Kanada und den USA, das Publikum ist nicht minder international, „etwa 50 Prozent der Zuhörer kommt aus dem Umland und dem benachbarten Ausland – es gingen auch Buchungen aus Schweden, den USA und Japan ein – erfreulich, dass die andere Hälfte des Publikums aus Regensburg direkt kommt“, so Ludwig Hartmann, „und was die Alterstruktur anbelangt, so findet sich Alt und Jung und ganz jung und das Mittelalter in ausgewogener Mischung ein.“ Nicht zuletzt lockt die lockere Atmosphäre, fern von Krawattenzwang und steifer bildungsbürgerlicher Konzertkultur. Ein Alleinstellungsmerkmal der TAM ist die Einbindung zahlreicher historischer Locations (Rathaus, Runtingersaal, Minoritenkirche, Alte Kapelle…) ins Festival, worum vergleichbare Veranstaltungen („Berliner Tage für Alte Musik“, „Trigonale“, Tage Alter Musik Herne“etc.) Regensburg beneiden. Zum 25-jährigen Jubiläum erscheint eine Dokumentation der Erfolgsgeschichte und eine CD-Pressung, die in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk entsteht. Erstmals findet das Medium Film Eingang ins Programm, die mehrfach ausgezeichnete Produktion „The Full Monteverdi – Six Stories of Love and Loss“ wird am 31. Mai um 14.15 Uhr im Turmtheater gezeigt, Eintritt frei! Kostenlos, aber nicht umsonst, ist auch der Eintritt zur internationalen Instrumentenmesse im Historischen Salzstadel, wo sich Cembalo- und Orgelbauer, Flötendrechsler und Verleger mit Ausgaben Alter Musikstücke präsentieren. Dort befindet sich auch das Informationszentrum zu den Tagen Alter Musik, das mit einer unerschöpflichen Fülle an CD-Raritäten, einem ein äußerst kleinen Kontingent Restkarten und jeder Menge Wissenswertem zu Künstlern, Ensembles und Festival aufwartet. Die Preise für alle Konzerte sind im erschwinglichen Bereich angesiedelt, bei Buchung von drei Konzerten gibt es bereits 10 Prozent Rabatt, wer gar für 11 Konzerte reserviert, spart 25 Prozent. Ab 14 Euro ist man schon dabei. Bleibt noch zu würdigen, was die TAM für die Stadt bedeuten: Sie sind ein Tourismusfaktor wie sie kein Stadtvermarkter generieren kann. Die historische Stadt und Hochkultur gehen hier eine Symbiose und potenzieren sich gegenseitig. Das renommierte Festival und die architektonische Besonderheit transportieren Name und Ruf in positiver Weise in alle Welt. Was mit einem Budget von 250.000 Euro und einem tragfähigen Konzept, das nicht von Kulturämtern oder Touristikern generiert, sondern von Privatleuten in Eigeninitiative geschaffen wurde, doch alles möglich ist!
Alle Details zu Programm, Ensembles, Spielorten und Preisen finden Sie unter www.tagealtermusik-regensburg.de
Für das Händel-Konzert mit dem "Concerto Copenhagen" am 1. Juni um 16.00 Uhr im Neuhaussaal verlosen wir 2 x 2 Karten. Einfach E-Mail mit der Betreffzeile "Gerorg Friedrich" an info@kulturjournal.de senden. Unter den Einsendern werden zwei ausgelost, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
19.05.09 - peter lang
