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Leit in Seck wöi Hait

Viele, die es aus Oberpfälzer Randgebieten nach Regensburg verschlagen hat und die hier hängen geblieben sind, haben ihr sprachliches Idiom einem unverdächtigen und gestreamlineten Salonbayerisch angepasst. Nicht so Wigg Bäuml. Der Künstler hat sein „niat“ für „ned“ (also „nicht“) und sein „doau“ für „tua“ (also „tun“) behalten. Wer als Künstler in Regensburg und Region reüssieren will, tritt dem Berufsverband Bildender Künstler bei, der Dachorganisation, die sich für die Belange der Künstlerinnen und Künstler einsetzt. Der Sektion Niederbayern / Oberpfalz mit ca. 270 Mitgliedern steht mit „Wigg“ Bäuml seit 2001 eine authentische und sehr vielschichtige Künstlerpersönlich­keit Ostbayerns, in jedem Falle ein eigenwilliger Kopf vor. (* Leute in Säcken wie Häute)

Als was würden Sie sich selbst bezeichnen? Maler, Bildhauer, Kunstvermittler?
Als Künstler. Über meine Ausbildung als Kirchenmaler, die von Putz abklopfen, Malen, Zeichnen bis hin zum Vergolden ein sehr breites Spektrum an Handwerk umfasst und viele künstlerische Felder berührt, bin ich von der reinen Malerei immer mehr zur Objekt-Kunst bis hin zur Installation gekommen. Formen, Materialien, die ich in der Natur finde, faszinieren mich. Ich habe einmal bei Drainagearbeiten in meiner Heimat Waldthurn Wurzeln gefunden, die wie Alraunen bizarr gedreht waren, nicht einfache Fichtenwurzeln, sondern ganz ungewöhnliche Exemplare, die mich Jahre, ja jahrzehntelang, von Umzug zu Umzug begleiteten. Diese Wurzeln, wie auch andere Fundstücke, beispielsweise uralte Stangen aus einem italienischen Weinberg, verarbeite ich zu Objekten oder bei Installationen. Im Moment habe ich eine Phase, wo ich mich wieder mehr der Malerei widme. Auch hier ist mir die Haptik wichtig, ich verwende gerne verschiedene Sande und reine Pigmente. Zum 1. Vorsitzenden des BBK Niederbayern / Oberpfalz bin ich 2001 gewählt worden, nicht wissend, ob mir das überhaupt liegt und was da auf mich zukommt. Diese administrative Tätigkeit mache ich gerne, und ich glaube, dass ich auch einiges bewegen kann, aber die vielen Termine lassen die künstlerische Tätigkeit schon etwas ins Hintertreffen geraten.

Neben der Bildenden Kunst befassen Sie sich immer wieder, oft in Verbindung mit Installationen, auch mit der Literatur. Wie ist Ihr Verhältnis zum „Wort“?
Ein sehr intensives! Als gut Zwanzigjähriger habe ich mein erstes Büchlein herausgebracht: „Na so wos“. Gedichte und Kurzgeschichten in Mundart. Gedruckt habe ich bei einem Pfarrer, der für seine Gottesdienstanzeiger eine Druckmaschine hatte, gebunden hat es eine kleine Druckerei. Meine Mutter, die einen Kolonialwarenladen betrieb, hatte immer stolz ein Exemplar in der Schürzentasche. Fasziniert haben mich immer die Prophezeiungen des Mühlhiasl, eine besondere Inspirationsquelle ist Kafka für mich. Als meine Schullaufbahn nach Internatsjahren bei den Salesianern in Ensdorf und Burghausen wegen Latein und Griechisch abrupt beendet wurde, besuchte ich die Fachoberschule für Gestaltung in Weiden und begann danach eine Lehre als Kirchenmaler. Für mich gehört der Laut unmittelbar zur Kunst. Ich liebe es, mit Wörtern zu spielen, mit Witz und trockenem, teils schwarzem Humor meine nordoberpfälzische Mundart zu verarbeiten, in Gedichten oder auch in Installationen wie 2006 im Atombunker in Rieb bei Hemau, wo ich eigene mit Mühlhiasl-Texten verquickte. Die Sprache kam aus Lüftungsschächten: …raama, raama, Wöldoraama, Benkoraama … Es war interessant zu beobachten, dass die Leute irgendwann meine Sprachmelodie mitsprachen.

Auch wenn Sie es nicht mehr hören können, Sie leben im Kandinsky-Münter-Städtchen Kallmünz. Warum? Gerne? Stimmt das Klischee von der stillen Abgeschiedenheit vom Großstadttreiben, das die Künstlerseele braucht?
Zufall und Glücksfall. Ich brauche durchaus das Quirlige einer Großstadt, das ist gleichermaßen Inspiration für mich, wie das Natur­idyll. Meine Frau und ich hatten in der Luitpoldstraße eine Wohnung, die zugleich Atelier war und bald – wegen meiner ungezügelten Sammelwut – zu klein wurde. Einige herrliche niederbayerische Vierkanthöfe haben wir uns angeschaut, bis uns in Kallmünz drei Objekte angeboten wurden. Für eins davon entschieden wir uns spontan aus einem inneren Gefühl heraus, ein Traufseithaus aus dem 16. Jahrhundert, wie sich später herausstellte das sogenannte „Bertholdshofenerschlösschen“,das wir in zwanzigjähriger Renovierungsmühsal aus dem Schlaf erwecken. Beim Anblick verschlug es uns den Atem, als wir hinter dem Haus die steil aufragenden Felsen sahen, das ahnt man von der Entfernung gar nicht. Man kommt sich vor wie in den Dolomiten. Die Liebe zu Kallmünz entzündete sich schon lange vorher durch die zahlreichen Besuche beim „Luber“, dort fanden die legendären ausschweifenden Kunstgeschichtlertreffs statt. Die kunstsinnigen Wirtsleute Waldtraud und Richard Luber veranstalteten viele Kunstaktionen, u.a. literarische Frühschoppen mit Eugen Ocker, Eckhard Henscheid. Auf Kandinsky und Münter traf ich erst später. Kallmünz liegt in einer Entfernung von Regensburg, die es mir auch ermöglicht, meine Aufgaben und Termine als Vorsitzender des BBK wahrzunehmen.

Beschreiben Sie bitte Aufgabe und Arbeit des Berufsverbandes Bildender Künstler, dem Sie für die Sektion Niederbayern und Oberpfalz vorstehen.
Der Berufsverband Bildender Künstler wurde 1946 gegründet und von der Amerikanischen Militärregierung genehmigt. Zweck des Verbands ist, die Interessen von Künstlerinnen und Künstlern gegenüber Politik und Gesellschaft wahrzunehmen. Wir werden also aktiv, wenn wieder einmal die Künstlersozialkasse infrage gestellt wird oder wie vor Jahren der Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent gekippt werden sollte. Ferner die Förderung junger Künstler, wie z.B. durch Debütantenausstellungen, Vorschläge für Förderpreise und Stipendien, die Organisation von Ausstellungen, Symposien ect. Wichtig ist der enge Kontakt zum Kunstministerium, zu den staatlichen Bauämtern, die Sicherung der Beteiligung bildender Künstler an Baumaßnahmen der öffentlichen Hand (Kunst am Bau, Kunst im öffentlichen Raum). Vermittlung von Fachjuroren. Wichtig ist uns auch die Kooperation mit anderen kulturell ausgerichteten Verbänden und Vereinen. In unserer Satzung ist natürlich die jährliche „Große Ostbayerische Kunstausstellung“ verankert, die abwechselnd in Regensburg und Niederbayern (z. B. Deggendorf) gezeigt wird, sie dient u.a. der Vermittlung des Berufsbildes professioneller Künstler in der Öffentlichkeit. Der BBK selbst hat ja in Regensburg keine eigenen Ausstellungsräume, im Gegensatz zu Ingolstadt oder München etwa, die über sehr repräsentative Räume verfügen. Wir in Regensburg sind regelmäßig zu Gast im Kunst- und Gewerbeverein in der Ludwigstraße.

Medienwerkstatt: Was hat es damit auf sich? Was wird geboten, an wen wendet sich diese Einrichtung?
Es war angedacht, als das Künstlerhaus Andreasstadel realisiert wurde, dort eine Druckwerkstatt einzurichten. Nachdem es diese aber bereits in Schwandorf, Passau und anderen bayerischen Städten schon gibt, gab man dieses Vorhaben auf und entschied sich für eine Medienwerkstatt, wo Kreative in Sachen Foto, Film, Video und virtueller Kunst eine Anlaufstelle finden sollten. Die Medienwerkstatt ist als Projektwerkstatt gedacht, weniger für Kursprogramme.  Nach anfänglichen Schwierigkeiten klappt das mit der Gruppe Pomodoro Bolzano als Medienbeauftragte ganz gut. Größere Projekte waren z.B. das „Crossfestival 007“, das sich an Jugendliche  wandte, die sich mit digitalen oder elektronischen Geräten und Werkzeugen beschäftigen, nach dem Motto: Zeig uns die Welt, in der Du unterwegs bist. Oder der diesjährige internationale Medienkunstsommer „art.xxXtenxion“, der weitergeführt werden soll. Hier kommen die guten internationalen Kontakte der Gruppe Pomodoro Bolzano zu anderen Medienkünstlern zum Tragen. Bei speziellen Workshops, Video, Machinima oder Audio, die dabei angeboten werden, können alle Interessierten mitmachen. Auf die Dauer kann aber der BBK nicht die alleinige Finanzierung der Medienwerkstatt übernehmen, hier müssen neue Wege gefunden werden.

Vielleicht ein Wort zur Vernetzung der Künstler in Regensburg und Region. Gibt es diese? Oder leben viele Gruppen von Kreativen nebeneinander her?
Schwierig zu sagen. Der Künstler ist zunächst ein Individuum und schafft alleine. Es gibt sicher einen Gedankenaustausch in den Kunstvereinen untereinander und unter den Kreativen. Viele Künstlerinnen und Künstler sind Mitglieder in mehreren Kunstvereinen und man kennt sich, hier in Regensburg ist die Szene überschaubar. Kollegen aus München und größeren Städten beklagen, dass sie Einzelkämpfer sind. Viele Aktivitäten zeigen, in Regensburg wird miteinander geredet. Wobei so manche Forderung an die Politik mehr Stoßkraft bekommen könnte, wenn die Kontakte in der Regensburger Kunstszene intensiver und mitunter unvoreingenommener wären.

Welche Defizite machen Sie im Regensburger Kulturleben aus?
Dass die Städtische Galerie Leerer Beutel über einen so langen Zeitraum verwaist ist, wirft kein gutes Bild auf den Stellenwert der Bildenden Kunst in der Stadt. Hier wurde nicht vorausschauend geplant und gehandelt. Es sieht aber im Moment so aus, als ob sich hier bald eine Lösung abzeichnet.  Es müsste eine Leiterin oder ein Leiter vom Format wie seinerzeit Veit Loers sein, die/der vernetzt und stärker die lokale Kunstszene wahrnimmt und ihr eine weitere wichtige Plattform gibt. Die Entwicklung des Leeren Beutels zu einem quirligen, lebendigen Treff der Kunstszene ist wohl eine der Hauptaufgaben, dies gilt auch für das Künstlerhaus Andreasstadel.

Sind wir schon bei den Maßnahmen, die der Kultur in Regensburg zu einem besseren Standing verhelfen könnten.
Es gibt zwar sehr viele Gesprächsforen, Diskussionsklubs, aber hier sollten auch beherzt Vorschläge, Anregungen umgesetzt werden. Ich wünsche mir darüber hinaus einen Fond für temporäre zeitgenössische Kunst im Stadtraum, der aus den Summen gespeist werden könnte, die bei Bauvorhaben in Bezug auf Kunst am Bau nicht umgesetzt werden. Die Projektförderung sollte neu strukturiert werden, die 20/80-Lösung endlich fallen, also die Regelung, dass Kommunen Kunst- und Kulturprojekte mit 20 Prozent fördern, 80 Prozent von den Kreativen selbst, also mühsam und schleppend über Sponsoren aufgetrieben werden müssen. Was der aktiven Szene der Bildenden Kunst in Regensburg fehlt, ist schlicht Planungssicherheit.

Einen kleinen Skandal gab es 2006 mit der Aktion „Pilgerbüro Regensburg“.
Was konkret ist Ihnen da widerfahren?
Diese Aktion war weder gegen den Papst, die Kirche, noch gegen den Papstbesuch in Regensburg gerichtet, wird wandten uns humorvoll – für viele zu humorvoll – gegen die Vermarktungsmechanismen, die marktschreierisch den Papstbesuch nutzten.
An jeder Ecke war ein Stand mit Devotionalien, dieses haben wir auf unsere Art verarbeitet. Es erschien ein sehr einseitiger Artikel in der Tageszeitung, der gar nicht darauf einging, was wir mit unserer Aktion bezwecken wollten, wir wurden pauschal der Blasphemie bezichtigt. Es war interessant, wie selbst  Kollegen von mir abrückten, denkend, Solidarität könnte ihnen schaden, das war hart! Auf der anderen Seite erfuhr ich auch viel Zuspruch, selbst von politischer Seite, was mich sehr freute.

Braucht Kunst den Skandal?
Nein, nicht die Kunst braucht den Skandal, die Öffentlichkeit sucht ihn. Die Kunst kann nur durch Qualität überzeugen, dann erzielt sie auch eine Nachhaltigkeit. Skandale schaden der Kunst mehr, als sie nützen.

Welche Ausstellungen der letzten drei Jahre in Regensburg haben Sie begeistert?
Die Ausstellung „Karikatur in Regensburg“ von 2006 im Kunst- und Gewerbeverein. Ganz spontan. Die war großartig. Dann … o, Sie sehen, zwei weitere nennenswerte zu finden, da muss ich schon viel zu lange überlegen. Natürlich die Traxler-Ausstellung in der Ostdeutschen, Kunst macht frei, in der alten Schnupftabakfabrik. Die Achternbusch-Ausstellung „Die Musik von Marsyas“ im Frühjahr 2006 im Leeren Beutel. Und dann verließen sie ihn.

(Aus Kulturjournal Regensburg Ausgabe November, Interview: Peter Lang)

 

31.10.08 - michael kroll

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