Kunst-Rückblick
Die Jahreswende ist ja immer auch die Zeit der Rückblicke, seltener der Jahresvorschauen, wie es der Monatsname Januar (Janus, der Doppelköpfige) nahe legen würde. Ein Jahresrückblick ganz besonderer Art ist das „Kunstjahr“. Das 300-seitige Werk wird beim Regensburger Verlag Lindinger+Schmid herausgegeben und erscheint dieses Jahr zum achten Mal. Ein Buchempfehlung und ein Blitzinterview …

Alles, was Kunst ist
Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid dürften den Regensburgern neben ihrem Einsatz für die Kulturhauptstadt-Bewerbung 2010 hauptsächlich durch die „Kunstzeitung“, die seit 1996 monatlich erscheint, bekannt sein. 200.000 Exemplare mit „unabhängigem und kritischem Kunstjournalismus“, der aufzeigt, was in der globalisierten Kunstwelt los ist, werden kostenlos in ganz Deutschland und darüber hinaus bis Italien, Frankreich und Tschechien verteilt. Doch vor der „Kunstzeitung“ war der „Informationsdienst Kunst“. 1991 hat Karlheinz Schmid diese Informationsquelle für Insider aus der Taufe gehoben. Auch hier, in diesem „Branchenbrief für die Kunstszene“, gilt: Nicht das stromlinienförmige Nachplappern von Pressemitteilungen, sondern die kritische Auseinandersetzung mit Kunst und ihrem Betrieb soll in die vierzehntägig erscheinende Abonnementzeitung gehoben werden.
Doch damit nicht genug: Einmal im Jahr, im Oktober, erscheint ein dreihundert Seiten starkes Kunstbilderbuch, „Kunstjahr“ genannt. Mit seiner aufwendigen Aufmachung, den klasse Fotos und dem super – zum Teil etwas zu gut gemeinten – Layout gerät das „Kunstjahr“ zu einer sehens- und lesenswerten Übersicht über die große Kunst und die Niederungen des dazugehörigen Betriebes. Der Schwerpunkt der achten Ausgabe dürfte sicher unter die Frage „Was ist Kunst und wer befindet sich darüber?“ gestellt sein. Auch für denjenigen, der sich nicht als Kunstkenner bezeichnet, ist das „Kunstjahr“ dank seiner ungekünstelten Sprache ein umfangreiches Nachschlage- und Unterhaltungswerk in Sachen Kunst, Architektur, Design, Mode, Museen und Kulturpolitik.
Ferner sind in der Reihe „Statement“ über 40 Bücher mit vielversprechenden Titeln wie „Ziviler Ungehorsam“, „Begeisterung und Zweifel“ oder „Das Glück zu sehen“ erschienen. Ein Komplettüberblick ist abrufbar unter: www.lindinger-schmid.de
Kunstjahr 2008
Ein Bildband, ja ein Bilderbuch der Kunst: Auf 320 Seiten wird in aufwendiger Ausstattung das vergangene Jahr erörtert: Ausstellungen, Museen, Künstler und Kunstbetrieb. Neben umfangreichen Texten und exzellenten Fotos besticht der mittlerweile achte Band aus der Serie durch ein raffiniertes Layout. Der Künstler des Jahres, Olafur Eliasson, erscheint als Gestalter des Covers auch auf selbigem.
Kunstjahr 2008, Lindinger+Schmid, 50,00 Euro, ISBN 978-3-929970-72-2

„Ein Weekend gibt es nicht“
Interview mit Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid
Kulturjournal: Regensburg ist ja nicht unbedingt eine Kunst- oder Verlagsstadt. Trotzdem ein gutes Pflaster für ihren Verlag?
L+S: Aber selbstverständlich. In Regensburg lässt sich gut arbeiten. Dank unserer weltweiten Vernetzung mit Künstlern, Kuratoren, Sammlern, Galeristen, Museumsdirektoren und Kritikern spielt der Standort letztlich aber keine allzu große Rolle.
Wie groß ist die Regensburger Verlagsmannschaft?
Rund ein halbes Dutzend fest angestellter Mitarbeiter, zudem etliche freie, die einzelne Aufgabenbereiche betreuen. Außerdem circa 50 Korrespondenten weltweit, Fotografen und Gastautoren, die für unsere verschiedenen Publikationen arbeiten.
Was hat sie dazu bewogen, die Kunstzeitung in diesem Format (im Sinne von Qualität) als kostenloses "Anzeigenblatt" herauszugeben? Gemeinhin sagt man doch, "was nichts kostet, ist nichts wert". Sie haben dies ins Gegenteil verkehrt.
Wir wollten von Anfang an dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen für die Gegenwartskunst begeistert werden und so haben wir die Monat für Monat kostenfrei abgegebene KUNSTZEITUNG 1996 erstmals veröffentlicht und verbreiten seit zwölf Jahren pro Ausgabe 200 000 Exemplare über Museen, Galerien, Buchhandlungen und andere Verteilerstellen. Die hohe journalistische Qualität ist unseres Erachtens die Voraussetzung, um glaubwürdige und überzeugende Vermittlungsarbeit betreiben zu können.
Sie beliefern nicht nur Kunstinteressierte im deutschsprachigen Ausland sondern auch in Italien, Frankreich und Tschechien. War die Kunstzeitung von Anfang an als Medium für eine internationale Leserschaft angelegt?
Das Blatt war zwar als international orientiertes Informations- und Meinungsmedium konzipiert, doch im Laufe der Jahre hat die Nachfrage aus dem Ausland stark zugenommen, weil sich wohl herumgesprochen hat, dass die KUNSTZEITUNG monatlich für den Überblick sorgt und auch Einblicke in die Kulissen des Kunstbetriebs ermöglicht.
Können Sie uns sagen, welche Auflage hier in Regensburg abgesetzt wird?
In den Regensburger Museen, an der Universität oder beispielsweise bei der Buchhandlung Pustet werden monatlich rund 1500 Exemplare verteilt.
Wann werden für sie Kunstereignisse relevant? Spielen sich regionale Anlässe wie die donumenta oder die Corinth-Ausstellung nicht in ihrer Liga ab? In der November-Ausgabe der Kunstzeitung haben Sie die Gräfin von Posadovsky interviewt, spielt die E.ON Bayern Kulturpreisverleihung keine Rolle?
Wir sitzen zwar in Regensburg, doch wir produzieren keine lokal orientierte Zeitung, die über alle Aktivitäten der Region informieren müsste. Herausragendes taucht freilich auf. So haben wir über die von uns in Paris besuchte Corinth-Ausstellung längst berichtet - natürlich mit einem Hinweis auf die folgenden Stationen in Leipzig und Regensburg.
Gibt es für sie so etwas wie Freizeit, Zeit, in der sie nicht mit Kunst oder dem Publizieren beschäftigt sind? Wenn ja, wie verbringen Sie die?
Wir beschäftigen uns immer mit Kunst und Kultur, ob auf den notwendigen Reisen, am heimischen Schreibtisch oder unter der Dusche. Freizeit? Mit Beuys gesprochen: Ein Weekend gibt es nicht.
Foto: altrofoto.de
1.01.09 - online redaktion
