„Kultur pustet den Geist frei“
Die Universität Regensburg taucht in diversen „Hochschul-Rankings“ (ZEIT-Campus, Uni-Siegel, Wirtschaftswoche, etc.) mal ganz oben, dann wieder ganz unten und meistens irgendwo im Mittelfeld auf. Dr. Christian Blomeyer, der Kanzler der Universität Regensburg, sieht derlei Veröffentlichungen ganz entspannt, stellt deren Sinn jedoch in Frage. Er liegt mit seinem Urteil, dass es sich bei derlei „Hitparaden“ im weitesten Sinne um Unterhaltung handelt, nicht unähnlich von Zeitschriften-Horoskopen, nicht allein. Gegen das CHE-Ranking (veröffentlicht im ZEIT-Studienführer) wird vonseiten Studierender und Dozenten Kritik laut, erste Boykottaufrufe sind im Umlauf.
Zu Lehre und Forschung verpflichtet
„Für uns ist die regelmäßige Erstsemester-Befragung ausschlaggebend“, erläutert der Kanzler, „hieraus ergibt sich ein ganz anderes Bild. Niemand studiert in Regensburg, weil beispielsweise VWL in einem Ranking ganz oben gelistet wird. Man studiert in Regensburg, weil der Heimatort nicht weit entfernt liegt oder weil Freunde auch hier studieren. Zum anderen ist oft Regensburg selbst ausschlaggebend, wegen seiner vielen Freizeitmöglichkeiten und seinem Ambiente.“ Dennoch, in ihrer vergleichsweise kurzen Geschichte – 1962 gegründet, 1967 eingeweiht – hat sich die Universität Regensburg in vielen Disziplinen hervorgetan und Renommee auf vielen Feldern erworben. Zu nennen wäre etwa der Biologe Karl Stetter, der von 1980 bis 2002 Leiter des Archaeenzentrums (einzellige Organismen) der Universität Regensburg war und weltweites Ansehen genießt. Der „Wirtschaftsweise“ Wolfgang Wiegard (Lehrstuhl für Volkswirtschaft) ist zu nennen sowie Papst Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger), der 1969 den Ruf an die Universität Regensburg annahm und dort Dogmatik und Dogmengeschichte lehrte. 1976 wurde er Vizepräsident der Universität, nach seiner Wahl zum Papst ist er weiterhin Honorarprofessor in Regensburg.
Joachim Möller, der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Ludwig Zehetner, der populäre Mundartforscher, lehrt an der Uni Regensburg. Heribert Prantl, Journalist und Publizist, Leiter des Ressort Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung hat in Regensburg studiert und nicht zu vergessen, Edmund Stoiber, der ehemalige Ministerpräsident von Bayern, legte 1971 in Regensburg seine Promotion ab.
Die Universität Regensburg ist eine Voll-Universität. Forschung und Ausbildung (für die Lehrtätigkeit) bilden – gemäß dem Bayerischen Hochschulgesetz – das Hauptsegment des Bildungsangebots. In BayHSchG I, Art. 2 heißt es: „Das Hochschulwesen dient der Pflege und Entwicklung der Wissenschaften und der Künste durch Forschung, Lehre, Studium und Weiterbildung in einem freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat. Die Hochschulen bereiten auf eine berufliche Tätigkeit vor, welche die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse und wissenschaftlicher Methoden oder die Fähigkeit zu künstlerischer Gestaltung erfordert. Hierzu tragen die verschiedenen Hochschulen entsprechend ihrer besonderen Aufgabenstellung bei. Die Universitäten dienen vornehmlich der Forschung und Lehre und verbinden diese zu einer vorwiegend wissenschaftsbezogenen Ausbildung.“ In Natur- und Technikwissenschaften, Medizin und Geisteswissenschaften studieren derzeit gut 16.000 Immatrikulierte an 12 Fakultäten und 182 Lehrstühlen. „Besonders im Bereich der anorganischen LEDs ist die Universität Regensburg derzeit führend“, erläutert Dr. Blomeyer, „und mit dem Kepler-Zentrum können wir uns in der Mathematik profilieren.“ Generell wird aber darauf geachtet, dass ein breiter Querschnitt an Möglichkeiten geboten wird, Monokulturen sind auch auf dem Bildungssektor wenig dienlich.
Dass die Ansiedlung der Universität positive Auswirkungen auf die Wirtschaftskraft von Stadt und Region hatte und hat, ist signifikant. Ohne Universität hätten sich zahlreiche Firmen nicht in Regensburg niedergelassen. Wie die Unternehmen vor Ort von der Hochschule profitieren, nützt die Wirtschaft der Universität selbst. Eine Partnerschaft mit Siemens dokumentiert diese Wechselwirkung, Stiftungslehrstühle der Maschinenfabrik Reinhausen wurden geschaffen und BMW, mit rund 10.000 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber in Stadt und Region, hat sogar einen Vertreter im Hochschulrat. Dass auch durch den Zuzug von Studenten und Dozenten Lebensgefühl und -kultur Regensburgs einschneidend verändert wurde, dokumentiert allein der Blick auf die gastronomische Entwicklung, die Regensburg seit den 60-Jahren nahm.
Der „Competitive Intelligence-Report“ aus dem Jahr 2006 der Universität Erlangen, der einige Wirtschafts- und Wissenschafts-Standorte (Ulm, Linz, Regensburg…) untersuchte, bescheinigte: […] Die Performance [der Universität] im Bereich industrieller Drittmittel lässt auf eine vergleichsweise enge Verknüpfung zwischen Universität und Wirtschaft schließen. Regensburg weist eine niedrige Quote von Studenten in naturwissenschaftlichen und technischen Studiengängen aus. Im Vergleich der Wettbewerber ist die Humanressource für den High-Tech-Standort Regensburg relativ schwach ausgeprägt. Eine mittelmäßige Performance zeigt Regensburg sowohl im Anteil Akademiker, der zukünftigen Entwicklung des Anteils Jugendlicher an der Gesamtbevölkerung, sowie bei den Unternehmensfluktuationen. Regensburg ist ein Standort mit stark wachsender Bevölkerung, die ein vergleichsweise hohes Durchschnittsalter aufweist. Ein geringer Anteil Ausländer führt dazu, dass wenig ausländisches Know-How und andere Sichtweisen in den Standort fließen. Die gute Performance im Bereich Gründungen lässt auf ein innovatives Umfeld schließen und ist Triebkraft des ordentlichen Ergebnisses im Indikator Kreativität. […]
Logo – Sigillum – Wappen
Seit einiger Zeit begegnen einem im Stadtgebiet immer häufiger Leute mit T- oder Sweat-Shirts, die ein Emblem, bestehend aus einem Kreis und den Buchstaben UR, ziert. Die Universität Regensburg hat nun tatsächlich ein Logo. Ein einprägsames und prägnantes. Das „Steinerne-Brücken-Siegel“ der Uni Regensburg ist auf Faltblättern, Vorlesungsverzeichnissen und Plakaten bereits seit drei Semestern dem neuen UR-Logo gewichen. Das neue Signet soll die Uni Regensburg auf Drucksachen (Briefköpfen, Faltblättern, Powerpoint-Präsentation, Seminararbeiten und auf Fan-Artikeln repräsentieren, das Sigillum dagegen ist für offizielle Dokumente reserviert, also zum Beispiel für Promotionsurkunden, es findet Verwendung bei Anlässen, zu denen die Universität als Körperschaft des öffentlichen Rechts mit dem Recht auf Selbstverwaltung auftritt. Denn nach Art. 4 des BayHSchG ist es Körperschaften des öffentlichen Rechts – und eine solche ist die Universität Regensburg – erlaubt, ein Wappen zu führen. Aufgrund medialer Anforderungen wurde der Ruf nach einem Logo laut, dass sich ohne Probleme verkleinern, vergrößern und kopieren lässt. Das Brückemeistersiegel mit seinen vielen Details ist zu filigran, um einen markanten Erkennungswert zu bieten. Unter mehreren Vorschlägen hat sich die Marketingrunde der Uni sich für das UR-Logo von Josef Mittlmeier entschieden. Das UR auf praktischen und bequemen Zipp-Sweatern bringt die Uni spielerisch „unters Volk“, Yale- oder Harvard-Shirts, Sportsweare mit UCLA- oder NYU-Aufdruck erfreuen sich ja schließlich auch zeitloser Beliebtheit. Und warum soll man nicht auch modisch ein Bekenntnis zu seiner Alma mater ablegen?
Auf dem Weg zur Kultur-Universität
Kultur, sowohl das aktive Gestalten wie die Rezeption, ist ein Beitrag zur Persönlichkeitsbildung. Dr. Blomeyer: „Die Universität Regensburg agiert hier gegen den Trend, der bundesweit an den Hochschulen auszumachen ist. Wir fordern Studierende dazu auf, einen kulturellen Beitrag zu leisten. Bei Konzerten und in Theaterprojekten begegnen sich Leute aus vielen Fakultäten. Somit löst auch die Kultur ein, was eine Campus-Universität ausmacht.“ In Zeiten von Studiengebühren, in Zeiten von Bachelor- und Master-Studiengängen, ist es keine Selbstverständlichkeit, dass eine Universität ein Orchester mit 100 Instrumentalisten auf die Beine zu stellen vermag. Da die Verweildauer von Studierenden immer kürzer wird (Zeit ist Geld!), wurde u.a. mit der Schaffung des Postens des Universitätsmusikdirektors gegengesteuert, hier einen Schwund zu erleiden. Dass die jeweiligen Stimmführer im Orchester – bei Probenverpflichtung – von den Studiengebühren befreit sind, ist weiteres Indiz für den hohen Stellenwert, der Kunst und Kultur am Campus bei bemessen wird. Dass gar wegen der regen Nachfrage eine zweite Jazz Big Band gegründet werden musste und dass sich jüngst junge Vokalisten zum Kammerchor zusammenfanden konnten, bestätigt den kulturellen Anspruch der Regensburger Uni. Dr. Blomeyer selbst übrigens ist als Trompeter im Uni-Orchester und in der Formation Blech-Dur aktiv, fast nebenbei, aber mit voller Überzeugung spricht er von der Universität als „kultureller Motor der Stadt“. Blomeyer hat auch dafür gesorgt, dass „Kunst an der Uni sichtbar“ gemacht wird, rund um das Audimax der kreative Output der Bildenden Künstler auf dem Campus zugänglich wird. Großformatige Grafiken des emeritierten Kunstdozenten Leber etwa zieren den grauen Beton, verglichen mit vor zehn Jahren nimmt sich das zentrale Hörsaalgebäude geradezu schmuck aus. Im Rahmen der Um- und Ausbauten der Universität wird auch ein neuer Hörsaal geschaffen, der mit seinen 400 Plätzchen für kleinere Konzerte zur Verfügung stehen wird. „Kontinuität und Nachhaltigkeit, so abgegriffen die Begriffe auch sein mögen“, sagt Dr. Blomeyer, „sind Maßstab für die kulturellen Aktivitäten hier auf dem Campus. Und universitäre Kulturanstrengungen generieren vieles in der Stadt.“ Literaturprojekte („Lautschrift“) und Campus TV, der You-Tube-Channel „Betonglotz“, die zahlreichen Theater-Ensembles, all das wird von der Universitätsleitung ausdrücklich begrüßt. „Wir überlegen, ob wir für das Theater an der Universität nicht einen Sprech-Trainer und Koordinator engagieren, analog dem Musiksektor“, erklärt Blomeyer. „Rückbesinnung auf den Geist“ könnte sein Lieblingsthema lauten, und dabei lebt er keineswegs im Elfenbeinturm. Nur wer Kunst und Kultur nicht als Luxus ansieht, sondern als Unabdingbarkeit, kann zur Reife gelangen.
Zur Person: Dr. Christian Blomeyer ist Rheinländer, hat eine humanistische Ausbildung erfahren und wurde nach Studien- und Lehr-Aufenthalten (teils parallel zu seiner Absolvierung des Wehrdienstes) vor sieben Jahren zum Kanzler der Universität Regensburg ernannt. Über die Position und Funktion des Kanzlers einer Bayerischen Universität heißt es im Bayerisches Hochschulgesetz: „Der Leitung der Hochschule steht zur Erledigung der Rechts und Verwaltungsangelegenheiten ein Kanzler zur Seite. Er ist der leitende Beamte der Hochschulverwaltung und Beauftragter für den Haushalt im Sinn von Art. Der Kanzler ist Dienstvorgesetzter der an der Hochschule tätigen Bediensteten des Freistaates Bayern sowie der im Dienst der Hochschule stehenden Angestellten und Arbeiter […].Dr. Blomeyer ist mit dem Rektor (und den Prorektoren) zuständig für alles, was „rund um die Kugel“ passiert. Derzeit ist eine seiner Hauptaufgaben die Koordinierung und Überwachung der grundlegenden Sanierung der Universitätsgebäude.
www.baustelle.uni-r.de
www.uni-regensburg.de
22.02.09 - peter lang
