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Skurile Geschichten

Bei den Stichwörtern Kroatien und Kino dürfte vielen hierzulande nur eines
einfallen: Winnetou. Es gehört längst zum Allgemeinwissen, dass die heute
unfreiwillig komisch anmutenden Wildwest-Epen nicht in Texas oder Nevada –
sondern unter der Beteiligung der kroatischen Produktionsfima Jadran in Kroatien
gedreht wurden. Selbst den meisten Cineasten dürfte zum Thema Kroatien nicht
recht viel mehr in den Sinn kommen. Im Gegensatz zu anderen osteuropäischen
Ländern wie Rumänien oder Bosnien ist die kroatische Filmszene erst im
Entstehen begriffen.

 Tragikomisch, entlarvend, fröhlich, rustikal und einfühlsam oszilliert der kroatische Film zwischen traumatisierenden Kriegserlebnissen und den neuen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eines Turbokapitalismus. Am Beispiel von sechs Spielfilmen und einem Kurzfilmprogramm erfahren Sie, was den kroatischen Film heute ausmacht. Vom 15.-21. Oktober 2008 präsentiert die donumenta Kroatien 2008 ihr Filmprogramm in der Filmgalerie im Leeren Beutel, Beroldstraße 9, 93047 Regensburg.

15.10., 19.00 Uhr, Wie der Krieg auf meine Insel kam, 21.00 Uhr, The Melon Route
16.10., 19.00 Uhr, Wie der Krieg auf meine Insel kam, 21.00 Uhr, The Melon Route
17.10., 19.00 Uhr, ARMIN, 21.00 Uhr, Was ist ein Mann ohne Schnurrbart?
18.10., 19.00 Uhr, ARMIN
19.10., 19.00 Uhr, Was ist ein Mann ohne Schnurrbart? 21.00 Uhr, Kurzfilmprogramm
20.10., 19.00 Uhr, What Iva recorded on October 21st 2003, 21.00 Uhr, Was ist ein Mann ohne Schnurrbart?
21.10., 19.00 Uhr, What Iva recorded on October 21st 2003, 21.00 Uhr, Der Reiter

Auf dem Weg zu den eigenen Geschichten

Das kroatische Kino in der Aufbauphase erzählt skurrile Geschichten

 Bei den Stichwörtern Kroatien und Kino dürfte vielen hierzulande nur eines einfallen: Winnetou. Es gehört längst zum Allgemeinwissen, dass die heute unfreiwillig komisch anmutenden Wildwest-Epen nicht in Texas oder Nevada – sondern unter der Beteiligung der kroatischen Produktionsfima Jadran in Kroatien gedreht wurden. Selbst den meisten Cineasten dürfte zum Thema Kroatien nicht recht viel mehr in den Sinn kommen. Im Gegensatz zu anderen osteuropäischen Ländern wie Rumänien oder Bosnien ist die kroatische Filmszene erst im Entstehen begriffen. Offizielle internationale Anerkennung wie Preisverleihungen auf namhaften Festivals gibt es bisher nicht. Die kroatische Filmszene kann zwar auf eine lange Tradition zurückblicken, durchaus auch mit anspruchsvollen Filmen, der eigentliche Take-Off aber begann erst vor gut zehn Jahren. Der Grund dafür war – wie für viele andere kulturelle Verzögerungen – der Jugoslawienkrieg. Nach dem Ende des kommunistischen Regimes genoss die kroatische Kulturszene die Freiheit nur kurze Zeit, gerade das vermeintlich wirkungsvolle Kino wurde bald für propagandistische Nationalfilme, oder
zumindest deutlich national gefärbte Produktionen, vereinnahmt.
Tragikomisch und fröhlich-rustikal Als ein Befreiungsschlag wurde der Film „Wie der Krieg auf meine Insel kam“ von Vinko Brešan (1996) empfunden. Der Regisseur schaffte es, den Krieg, der gerade erst ein Jahr beendet war, in eine bittersüße Komödie zu bannen. Es geht um einen, das gute Leben liebenden Kommandanten der jugoslawischen Armee, der sich plötzlich mit der Tatsache konfrontiert sieht, dass alle Bewohner seiner Insel auf einmal begeisterte Kroaten – und damit eigentlich Feinde sind. Der Film lockte 300.000 Besucher in die Kinos. Vor allem aber begründete er die Tradition der kroatischen Tragikkomödie, die bis heute lebendig ist. Als klassisches Beispiel könnte „Was ist ein Mann ohne Schnurrbart?“ (2005) von Hrvoje Hribar gelten,
ein Film erzählt wunderbar leicht das Leben in einem kleinen, idyllischen dalmatinischen Dorf, unter dessen fröhlich-rustikaler Oberfläche aber das harte
Leben mit seinen bitteren Geschichten nur allzu deutlich wird. „The Melon Route“
(2006) von Branko Schmidt ist eine Geschichte, in der die Bitterkeit eindeutig
überwiegt, die aber trotzdem mit viel Humor gemacht ist. Der Film handelt von einer
illegalen chinesischen Immigrantin, die im bosnischen Hinterland an einen kroatischen Schleuser gerät, dem sie hilflos ausgeliefert ist. Der Menschenhändler erweist sich allerdings als traumatisierter und depressiver Ex-Soldat. Der Film erzählt sehr zärtlich und behutsam die Annäherung dieser beiden Verlierer. (Bild aus „The Melon Route“) Entlarvend und einfühlsam Menschliche Schicksale mit einfachen Mitteln erzählen, das könnte man durchaus als Eigenart des kroatischen Kinos beschreiben. Sei es in „Armin“ (2003) von Ognjen Sviličić, einem sehr ruhigen und einfühlsamen Film über einen Vater, der mit seinem Sohn aus der bosnischen Provinz nach Zagreb reist, in der Hoffnung, dass der Kleine dort eine Rolle beim Film bekommt. Natürlich läuft das Casting schief, dafür kommen sich die beiden näher. Die einfache Machart der neuen
kroatischen Filme selbst zu thematisieren, dieses Ziel setzt sich „What Iva
recorded on October 21st 2003“ (2006) von Tomislav Radić. Dieser Film handelt
von einer Familienfeier in den neureichen Zagreber Kreisen. Iva, die Tochter des
feiernden Geschäftsmannes, erzählt aus ihrer Perspektive. Sie bekam eine Kamera geschenkt und filmt einfach drauf los. Was sie aufnimmt, ist ein entlarvendes Portrait einer karrieristischen und nicht immer ganz geschmackssicheren Gesellschaft.
Einst war das Kino Jugoslawiens, wie generell das des kommunistischen Osteuropas, bekannt für seine Historienfilme. Diese Tradition ist nicht ganz abgerissen, wie „Der Reiter“ (2003) von Branko Ivanda beweist. Es ist ein Film über eine unmögliche Liebe im 17. Jahrhundert: der im venezianischen Dienst stehende Reiter Petar verliebt sich in Lejla, die Tochter eines osmanischen Stadthalters. Der Film ist zugleich historische Studie als auch ein allzeit gültiges Plädoyer gegen kulturelle und politische Grenzen und damit ein Statement zur jüngsten Geschichte Kroatiens. Nicht nur dieser Film zeigt: Auch wenn das kroatische Kino noch jung ist, zu entdecken gibt es viel.
(Paul-Philipp Hanske)

 

8.10.08 - peter lang

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