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Im Porträt: Michael Bleiziffer

Mit Oberspielleiter Michael Bleiziffer beginnt die Serie "Kulturschaffende im Porträt".

Wir sprachen mit Theatermann Michael Bleiziffer über die Uraufführung von Ludwig Bemelmans "Die blaue Donau".

 Wie kam es zu der Idee, Bemelmans Roman „The Blue Danube“ zu dramatisieren? Erzählen Sie von der Entstehung der Bühnenversion.
Ich hatte in das Hörbuch aus dem LohrBär-Verlag hineingehört, an dem auch einige Schauspieler aus dem Ensemble mitgewirkt hatten und erkannte sofort die Bühnenwirksamkeit des Stoffs. Dass wir eine hochkarätige Entdeckung gemacht hatten, ahnten wir von Anfang an und wussten es, als die vollständige deutsche Übersetzung von Florian Sendtner vorlag. Die Idee, ein Drama aus dem Prosatext zu erarbeiten, hatte die Chefdramaturgin Friederike Bernau. Ging es noch darum, wer schreibt uns die Bühnenfassung? Eva Demski war unsere erste Wahl, aber sie sagte, sie sei keine Dramatikerin. Nach einigen Gesprächen und Diskussionen willigte sie schließlich ein und so kommen wir diesen April zu einer Uraufführung mit Regensburg-Bezug.

Wie müssen wir uns die Abstimmung Autorin, Dramaturgie und Regisseur vorstellen?
Das war eine spannende Zeit. Es gab viele Treffen mit Eva Demski und viele Fragen: wie soll die Umsetzung bühnentechnisch gelöst werden, was dürfen wir hinzuerfinden, welche Aspekte vernachlässigt man? Eva Demski lieferte einige Szenen, die wir auf ihre Bühnentauglichkeit hin untersuchten, und bald merkten wir, wir sind auf einem richtigen Weg, und wir sind gemeinsam unterwegs. Worin unterscheidet sich das Theaterstück von der Romanvorlage? Es tritt auf: Die Allegorie der Donau, der Fluss kommt als Figur auf die Bühne und gestaltet eine Rahmenhandlung um die Bemelmans-Szenen. Die personifizierte Donau unterscheidet sich sprachlich vom Rest des Stücks, sie spricht in Versen, ein hundertprozentiger Demski-Text. Außerdem haben wir, wie in der antiken Tragödie, einen Chor des Regensburger Volks. Diese anonyme Masse, die beobachtet und kommentiert, versteckt sich hinter Masken, die Öffentlichkeit beobachtet und reflektiert, aber sie greift nicht in die Handlung ein, sie zeigt keine Zivilcourage. Generell ist zu sagen, es handelt sich nicht um das authentische Regensburg aus der Zeit um 1944, es gab in Regensburg ja keinen Gauleiter, und die Situation, ein Radi-Bauer ohrfeigt öffentlich in einem Biergarten einen hohen Nazifunktionär, das ist frei erfunden. Bemelmans benutzt den Namen Regensburg stellvertretend für vielleicht alle deutschen Städte in der Zeit des Nationalsozialismus. Sicher arbeiten wir mit Regensburg-Zitaten im Bühnenbild, die Domtürme, ein Stück Steinerne Brücke wird es geben, aber Tatsache ist, die Handlung könnte überall in Deutschland spielen und von vordergründig Folkloristischem haben wir wohlweislich die Finger gelassen. Ferner: Die Insel im Fluss mit den Radi-Bauern, die gibt es ja tatsächlich nicht, auch ein Kunstgriff von Bemelmans: isoliert und von allen Seiten beobachtet sind da die Menschen. Das Schauspiel zeigt nur einen kleinen Wimpernschlag, nur ein Ereignis, dass sich an der uralten Donau zutrug. Mit der Lupe wird die Zeit von 1944 bis 1945 vergrößert, ehe auch sie sich wieder einreiht in die unzähligen Geschehnisse, die die Donau in ihrem Lauf schon gesehen hat.

 Wo liegt für Sie als Regisseur die Herausforderung? Mussten Sie sich lange in den Stoff hineinfinden?
Nein, die Geschichte hat mich unmittelbar gepackt. Ein Stück für Regensburger über Regensburger und von Regensburgern. Eva Demskis Wortkunst inszenieren zu dürfen, das ist eine große Ehre. Mit dieser Inszenierung nehmen wir unseren Kulturauftrag sehr ernst. Bei der szenischen Herangehensweise sind uns auch nie die Ideen ausgegangen, die sprudelten nur so, es gab zig Versionen für das Bühnenbild, ehe wir zu letzten konkreten Form gefunden hatten. Und die Inszenierung? Wir befinden uns gerade in der zweiten Probenwoche und hatten noch keine Bühnenproben, wir arbeiten noch mit Behelfsdekorationen, aber die Arbeit am Stück macht Spaß und ist ein spannender Prozess. Es gibt ja keinerlei Rezeptionsgeschichte zu einer Bemelmans-Dramatisierung. Von daher leisten wir Pionierarbeit und sehen uns als Geburtshelfer.

Wie wichtig ist ihnen als Oberspielleiter die Auseinandersetzung des Theaters mit dem 3. Reich?
Bevor ich in Regensburg Oberspielleiter wurde, arbeitete ich 14 Jahre lang am Theater Ingolstadt. Der damalige Intendant Seiltgen hatte das Spielplankonzept, einmal pro Spielzeit, muss ein Stück das Dritte Reich und seine Auswirkungen aufarbeiten. Ich habe Hochhuts Stellvertreter inszeniert und den Bockerer. Auseinandersetzung und Aufklärung halte ich für eminent wichtig, und gerade die Dramatik, kann einen wertvollen Beitrag hierzu leisten. Mit der Inszenierung von Die blaue Donau tun wir das auch, und vielleicht, wegen des Lokalbezugs von Autoren und Handlung, effektiver als moderne Klassiker.

Verlassen wir jetzt mal das aktuelle Stück: Wer ist Ihr Lieblings-Dramatiker? Welche Autoren inszenieren Sie am liebsten? Was möchten Sie unbedingt einmal in Szene setzten?
Ben Hur im Turmtheater. Nein Spaß beiseite. Ich mag Stücke, in denen Personen mit nachvollziehbarer Biografie und Problemen, die wir alle kennen, agieren. Tschechow schreibt solche Stücke, habe ich aber noch nie auf der Bühne realisiert. Stücke mit einer allgemeingültigen Aussage mit echten Menschen, die fesseln mich. Nach reiflicher Überlegung muss ich hier Goethe nennen, vor allem Faust I und Faust II und Iphigenie auf Tauris sind Stücke, die umzusetzen Herausforderung und lohnende Mühe sind. Aber auch Brechts Stücke mag ich sehr und die Dramen von Marieluise Fleißer. Mit so genannter zeitgemäßer und vordergründig moderner Dramatik, wo jedes zweite Wort Scheiße oder Ficken ist, kann ich nichts anfangen. Ich möchte sensibilisieren und nicht provozieren. Ich möchte Geschichten erzählen und nachvollziehbare Charaktere auf die Bühne bringen. Ich bin auch der Meinung, das Theater ist für mich auch eine Art verlängerte Kindheit. Von daher halte ich gerade Stücke für Kinder sehr wichtig und meine, die müssen mit der gleichen Sorgfalt und Liebe erarbeitet werden wie Sophokles, Ibsen oder Dürrenmatt.

 Wie war Ihr Weg zum Theater? Wurde Ihnen schon an der Wiege gesungen, dass Sie dereinst Regisseur werden würden?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin zum Theater gekommen, nachdem ich zwei Semester im Priesterseminar gewesen war. Gerade aus der „Kutte gesprungen“, wusste ich nicht, wie es weitergehen sollte. Da traf ich einen Bekannten, der bezeichnenderweise Schiller hieß und meinte, ich solle es doch am Theater probieren. Ich habe mich daraufhin an der Schauspielschule in Bukarest beworben und wurde genommen. Es war eine sehr elitäre Angelegenheit, denn die Schauspielschule war die einzige Institution im damaligen Rumänien, wo man Schauspielkunst, wie sich das nannte, studieren konnte. Dann folgten zwei Jahre als Schauspieler und Regisseur am deutschen Staatstheater in Temeschburg, der Hauptstadt des Banats. Bald folgte meine Ausreise nach Deutschland, mit meinen beiden Töchtern am Arm war ich in Nürnberg angekommen, Ernst Seiltgen, der damalige Intendant des Ingolstädter Theaters nahm mich sofort unter Vertrag. Dort habe ich 51 Inszenierungen gemacht, dazwischen gab es immer wieder Gast-Inszenierungen in ganz Deutschland und seit 12 Jahren bin ich Oberspielleiter in Regensburg. Insgesamt kann ich momentan auf 135 Inszenierungen zurückblicken.

Lassen Sie uns nachhaken: Vom Priester zum Regisseur?
Ja. Regimekritik war im Rumänien des Diktators Ceauşescu nur in der Kirche und in der Kunst möglich! Hier funktionierten die Verschlüsselungsmechanismen. Man konnte durch Tradition oder Ausdrucksfreiheit Kritik ausdrücken, die jeder verstand. Heute interessiert es mich mehr, Geschichten zu erzählen, Bilder zu erfinden. Insofern liegen Priester- und Regisseursberuf recht nahe beieinander.

Wenn Sie zurückblicken, inwieweit hat sich Ihre Arbeitsweise als Regisseur verändert oder entwickelt?
Früher mussten die Schauspieler alles genauso machen, wie ich es zuhause ausgedacht hatte. Ich ließ den Darstellern relativ wenig Freiheit und wollte, dass sie sich strikt an meine Vorgaben halten. Ich habe immer vorgespielt, was und wie ich etwas wollte. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Eines Tages, nach einer Probe, der Intendant Seiltgen beiwohnte, sagte er, alles schön und gut, aber merkst du nicht, dass auf der Bühne lauter kleine Bleiziffers rumlaufen? Das war ein Schlüsselerlebnis. Seither weiß ich, vieles muss aus den Darstellern selbst kommen, das kann eine gute Regiearbeit nur bereichern.

A propos kleine Bleiziffers: Haben Sie Ihr theatralisches Talent an Ihre Kinder weitervererbt?
An meine beiden erwachsenen Töchter vielleicht nicht. Die älteste arbeitet als Herzchirurgin, die zweite hat erfolgreich ihr Psychologiestudium abgeschlossen und meine drei Buben sind wahrscheinlich noch zu klein, als dass man schon zuverlässig schließen könne, sie treten in meine Fußstapfen. Der poetischste von den Jungs jedenfalls will momentan Lokomotivführer mit Geige werden. Wenn der Zug am Bahnsteig hält, will er die Passagiere mit seinem Geigespiel unterhalten, wenn alle in den Waggons sitzen, legt er die Geige beiseite und fährt weiter.

 

1.04.08 - online redaktion

 
 
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