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Im Porträt: Reinhard Söll

Reinhard Söll, Inhaber der Odeon Concerte-Agentur, sorgt in Regensburg fürs Klassische.

Anlässlich der alljährlichen Thurn und Taxis Schlossfestspiele sprachen wir mit Reinhard Söll über seine Leidenschaft für klassische Musik, seinen Veranstalterenthusiasmus und das Thema Authentizität.

 Wie fing alles an? Wie wurde Reinhard Söll zum Impresario?
Nun, zum einen liebe ich die klassische Musik, spiele selbst Klavier und habe ein Faible für Pianomusik. Und schon als Student der Juristerei war es immer mein Traum namhafte Künstler, vornehmlich Pianisten, nach Regensburg zu holen. Nach der Organisation von Partys und Bällen wollte ich endlich große Namen, Künstler von Weltruf einladen, mit dieser Idee habe ich viele Freunde ge­nervt. Eines Tages bin ich auf der Rückfahrt von Genf nach Regensburg in die renommierte Münchner Agentur Winderstein spaziert und – ich weiß nicht, vielleicht spürte man meine Leidenschaft für die Sache und meine Glut – ich ging heraus mit der Verpflichtung eines meiner Lieblingspianisten, Gerhard Oppitz. Und er spielte mein erstes Konzert im Audimax, das ich als Student organisiert hatte. Das ist jetzt genau 25 Jahre her, 1983 da fing alles an.

Wer waren die ersten Künstler, die Sie als frisch gebackener Veranstalter holten?
Es folgte bald ein Konzert mit Claudio Arrau, der die Beethoven-Sonaten interpretierte. Größen wie Daniel Barenboim, Vladimir Ashkenazy und namhafte Orchester und Instrumentalisten haben bei mir gastiert. Ivo Pogorelich allein kam siebenmal.

Wie kamen ihre Veranstaltungen damals beim Publikum an?
Überwältigend. Das gab es bis dahin in Regensburg und Umgebung nicht: Weltstars der klassischen Musik in der Provinz. Die Konzertdirektion Hörtnagel veranstaltete zwar regelmäßig Konzerte in Regensburg, hatte aber eine ganz andere Ausrichtung. Durch Odeon Concerte entstand ein Konkurrenzdruck, bis wir uns 1995 einigten, dass auch die sogenannten Meisterkonzerte von mir übernommen werden. Ohne massive Werbung wäre der Start allerdings nicht geglückt. Plakatierfahrten bis nach Weiden, Schwandorf, Straubing, Deggendorf und Neumarkt gehörten ebenso dazu wie das Auslegen von Flyern in den Mensen und das ständige Nachkleben von Plakaten in der Uni. Das studentische Publikum ist heute leider nur noch marginal vertreten, Mitte der 90er-Jahre setzte hier ein Wandel, ja ein Bruch, ein.

Sie haben sich bis vor etwa zehn Jahren auch als Kritiker und Autor einen Namen gemacht. Reizt Sie die „andere Seite“ nicht mehr?
Reizen ja, aber als Veranstalter journalistisch über andere zu urteilen, das verbietet sich. Ich habe meine Autorentätigkeit eingestellt, als es zeitlich neben meiner Arbeit als Veranstalter nicht mehr ging. Aber wer weiß, vielleicht nehme ich das Schreiben in anderer Form irgendwann wieder auf. Eine Buch-Idee trage ich schon mit mir herum. „Tastenblick“ wäre ein möglicher Titel für die vielen Backstage-Storys, die ich erlebt habe. Der tragische Fall Ivo Pogorelich böte Stoff für einen Roman. Beklagenswert, wie dieser hochbegabte Pianist nach dem Tod seiner Lehrerin und späteren Frau jeglichen Realitätsbezug verloren hat. Sein letztes Konzert in Regensburg war gespenstisch, entsetzlich zu beobachten, wie dieses Genie künstlerisch verfällt.

 Hat sich das Publikum geändert? Werden andere, neue Ansprüche an Sie und Ihr Konzert-Programm gestellt?
Ja und nein. Dass mit Gidon Kremer, Riccardo Muti, Mariss Jansons, Agnes Baltsa oder Edita Gruberova in Regensburg die Weltelite zu Gast ist, wird inzwischen als Selbstverständlichkeit hingenommen. Was in anderen Regionen Deutschlands eine Sensation wäre, ist in Regensburg Alltag. Es kommt daher durchaus vor, dass Leute ein Konzert der legendären Staatskapelle Dresden für gar nichts Besonderes mehr halten. Das ist natürlich absurd und in Gegenden der Kultur-Diaspora undenkbar. Das Publikum spannt sich von den Damen der Gesellschaft, die sich mit hochkarätigem Konzert, chic Essengehen und Louis-Vuitton-Täschchen einfach nur einen schönen Abend machen wollen, was völlig in Ordnung ist, bis hin zu absoluten Kennern, Freaks und Autogrammjägern, die auf die kleinste Nuance achten. Ich veranstalte Konzerte für sie alle. Aber wie schon erwähnt, das studentische Publikum ist im Schwinden. Der Nachholbedarf der Regensburger ist seit Mitte der 90er-Jahre gestillt, daher muss man sich neuen Formen und Darbietungsweisen öffnen.

Wie beurteilen Sie generell die Eventkultur?
Das Wort Event ist das Hasswort der Feuilletons. Odeon Concerte ist aber Teil der Eventkultur. Mit No-Names locke ich niemanden ins Audimax oder zu den Thurn und Taxis Schlossfestspielen. Dem postmodernen Hörer steht an einem Abend der Sinn nach den Münchner Philharmonikern, dann geht er in ein Eros-Ramazotti-Konzert und am dritten Tag will er ein exquisites Spargelmenü genießen. Auf bestimmte Musik festgelegte Hörer gibt es kaum mehr. Um wahrgenommen zu werden, muss ein Konzert ein Ereignis sein. Man kennt das übliche Ritual, der Dirigent betritt den Saal, Applaus, Shakehands mit dem Kapellmeister, Lichtwechsel, Stille, die Musik hebt an. Jede Abweichung von dieser Norm wird begeistert aufgenommen: Kürzlich hatten wir den französischen Violinisten Gilles Apap zu Gast, er fing bereits im Off mit seinem Violinspiel an, ging dann durch den Zuschauerraum, fidelte sich geradezu in Stimmung und dann erst begann das angekündigte Programm. Das Publikum war dankbar für dieses Ereignis. Es muss also nicht immer Lasershow und Feuerwerk sein. Meine Devise ist: Lass viele Blumen in deinem Garten blühen.

Welche Künstler hatten Sie noch nicht unter Vertrag? Wen möchten Sie unbedingt noch verpflichten?
Maurizio Pollini. Er gibt nur 35 Konzerte im Jahr, aber ich bin sicher, es wird einmal klappen, ihn zu verpflichten. Bei Alfred Brendel dauerte es zehn Jahre, ehe sein Management zusagte. Die Netrebko fehlt mir noch. Sie steht auf meiner Wunschliste ganz oben. Sir Simon Rattle mit den Berlinern – aber die kann ich nur in unsere Serie nach Mannheim mit seinen 2.300 Plätzen verpflichten, eine Karte im Audimax mit seinen knapp 1.500 Plätzen würde für das Publikum einfach zu teuer.

Pop, Jazz, Operette, Konzerte und Weltstars der Oper – vielen erscheint die Mischung des Programms der Schlossfestspiele etwas arg bunt.
In dieser kurzen Zeit des Festivals und für ein derart breites und großes Publikum einen roten Faden zu suchen und alles unter ein Motto wie beispielsweise „Eros und Psyche“ zu stellen, ist unmöglich. Es funktioniert nur in einer breitgefächerten Aufstellung. Auch wenn vielleicht die Boulevardblätter intensiver berichten als die Feuilletons, für Regensburg sind die Schlossfestspiele zu einem wichtigen Tourismusfaktor geworden. Ja, es zeigt sich immer öfter, dass wir für bestimmte Abende keine Karten mehr verkaufen, weil die Interessenten schlicht keine Hotelzimmer mehr bekommen.

 Das Audimax ist zugegebenermaßen keine Augenweide. Welche Anforderungen stellen Sie an ein „Odeon“ – an ein Kultur- und Kongresszentrum, auf das manch Regensburger schon seit Jahrzehnten wartet.
Entgegen aller anders lautenden (Vor)Urteile: Das Audimax hat eine ausgezeichnete Akustik. Das sagen ausnahmslos alle Weltstars, die hier spielen und wirklich vergleichen können. Eine solche findet man in der Tat selten. Im Audimax gibt es außerdem kaum Terminschwierigkeiten, der Mietpreis ist angemessen und die Parkplätze sind hier kostenlos. Das ist wichtig, denn mit dem Bus kommt so gut wie niemand zu den Konzerten. In Diskrepanz zu all diesen Vorzügen steht natürlich die Optik. Die geplante Orgel, deren Prospekt die Bühne zieren sollte wurde aus Kostengründen gestrichen. Und ein weiteres Manko: Es fehlt in unmittelbarer Nähe die gehobene Gastronomie. Von daher braucht Regensburg einen Konzertsaal. Ich bin überzeugt, einen neuen auch optisch attraktiven Konzertsaal, der zudem noch eine klasse Akustik hat, würde das Publikum stürmen. Zumal in einem Oberzentrum, wie es Regensburg darstellt. Wie sich natürlich die Verbindung mit Kongressen gestalten würde, das muss man sehen, da würden wir sicher in einen Wettbewerb um Termine treten. Die Saalmiete wird deutlich höher liegen als beim Audimax, was sich erst bei einer Platzzahl ab gut 1700 rechnen würde. Die Standortfrage halte ich inzwischen nicht mehr für entscheidend.

Die unvermeidliche Inselfrage: Welche drei CDs müssen unbedingt mit?
Erstens: Die Matthäuspassion mit Furtwängler – ja ich weiß, eine Einspielung, die heutigen Hörgewohnheiten gänzlich zuwiderläuft, aber ich liebe sie, sie ist exaltiert, expressiv, eben intensiv. Zweitens etwas Instrumentales, das Schubert-Quintett mit Casals und dem Busch-Quartett und drittens – das muss etwas Komplexes sein, etwas, das einen fordert, das man sich bei jedem Hören neu erschließen muss, denn wer weiß, wie lange ich auf dieser Insel ausharren muss – Beethovens Diabelli-Variationen.

Was tun Sie zum Ausgleich vom stressigen Leben als Impresario?
Mein Hobby habe ich zum Beruf gemacht, mein Beruf ist mein Hobby. 16 Stunden am Tag zu arbeiten, Mo bis So, wie es so schön heißt, das macht mir nichts. Die Arbeit ist mir nicht Last, sondern Lust. Wenn ich wirklich gerade nichts zu planen und organisieren habe, spiele ich ein bisschen Tennis und unternehme etwas mit meinen beiden Buben, die sind jetzt elf und acht Jahre alt. Da ich nicht ganz schlecht in der Küche bin, wenngleich ich ein sehr beschränktes Repertoire habe – Schweinebraten bekomme ich sehr schmackhaft hin – bin ich zugegebenermaßen ein Feinschmecker. Auch hier gilt, entweder bodenständig ehrlich oder Spitzengastronomie, also Schlachtplatte und Landküche oder Haute Cuisine, alles dazwischen ist mir suspekt, auch hier ist mein Motto: Authentizität.

 

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