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Im Porträt: Werner Hofbauer

Werner Hofbauer gilt als Erfinder des Programmkinos.

Die Open Air Kino-Zeit begann dieses Jahr schon in Mai. Grund genug, mit Werner Hofbauer über seine vielseitigen Kinoaktivitäten zu sprechen.

 Herr Hofbauer, wann und wie fing sie an, die Sache mit dem Kino?
Ich kam durch Zufall nach Regensburg. Wir Landshuter orientieren uns ja eher nach München. Die Bundeswehr führte mich hierher und schon während des Wehrdiensts bin ich gerne ins Kino gegangen. Ich erinnere mich an Vorführungen des damals jungen Deutschen Films, an „Jagdszenen aus Niederbayern“ oder „Zur Sache, Schätzchen“. Und es gab einen Filmklub, der einmal im Monat in den Ostentor Lichtspielen ausgewählte Filme zeigte.

Es gab also eine Stadteil-Kinokultur?
Ja. Das Scala in Kumpfmühl, die Lichtspiele am Ostentor, das Schloss Tirol und das Lichtspielcasino in der Loiblfingstraße, das Stali-Kino in Stadtamhof, diese Stadtteil-Kinos spielten ein, zwei Monate später die aktuellen Filme, nachdem sie in den Kinos im Zentrum gelaufen waren.

Zurück zu Ihrer Biografie…
Nach der Bundeswehr fing ich in der kleinen Buchhandlung gegenüber dem Alten Rathaus, an zu arbeiten. Ich ging nicht nur gern ins Kino sondern jobbte abends noch als Filmvorführer. Meine Wohnung war damals an der Nibelungenbrücke und so kam ich täglich an den Ostentor Lichtspielen vorbei. Es war die Zeit, als sich die Universität etablierte und die Filmverleiher „Atlas“ und „Neue Filmkunst“ boten dem damaligen Besitzer an, Filme jenseits des Massengeschmacks zu zeigen. Während des Semesters liefen dann anspruchsvolle Filme und ich hatte die Idee, diese Art Filme durchgängig zu zeigen. Als mir der damalige Kinobesitzer eines Tages anbot das Geschäft zu übernehmen, sah ich meine Chance kommen. Zum 1. Mai 1971 übernahm ich das Kino. Da jedoch die Filmstarts noch am Freitag waren, der 1. Mai aber ein Samstag, vereinbarten wir, dass ich bereits am 30. April loslegen sollte. Mein erster Film war „Citzen Cane“, der Klassiker schlechthin. Und so lebte ich tagsüber als Buchhändler und saß abends an der Kinokasse.

 Und wie kam es zum Programmkino?
Ich zeigte dann durchgehend Filme mit Niveau und Anspruch, veranstaltete aber auch mal ein Westernfestival, die Zuschauerzahlen stiegen. Es war im Herbst 1971, als ich mit einem Freund auf einer Autofahrt nach Nürnberg überlegte, ob ich nicht an einem Tag mehrere Filme zeigen könnte. Man muss wissen, bis dahin war der Modus: Ein Kino – ein Film. Konventionen waren mir aber schon immer egal und so wagte ich das Sakrileg. Der erste Film, meist ein moderner Klassiker, wurde um 18.00 Uhr gezeigt. Die Vorführung des zweiten Films, in der Regel eine Erstaufführung, bei mir war es „Bonnie und Clyde“, begann um 20.30 Uhr. Eine Stunde vor Mitternacht war Zeit für Genre-Filme – ich zeigte den alten „King Kong“. Um 23.00 Uhr, das muss man sich vorstellen, heute kriegt man um diese Zeit kaum mehr Leute ins Kino.

So haben Sie das Programm-Kino erfunden?
Sie sitzen mit dem Erfinder des Programm-Kinos an einem Tisch. Ganz ohne falsche Bescheidenheit. Die Idee lag vielleicht in der Luft, denn nach mir wagten auch andere ein Kino-Programm zusammenzustellen und nicht nur stur herunterzuspielen, was die Verleiher gerade so auf den Markt warfen. In Nürnberg folgte die „Meisengeige“, in München war es der „Türkendolch“… Aber ich war definitiv der erste!

Welche Filme zeigten Sie?
Ich konnte aus dem Vollen schöpfen. Charlie Chaplin, alles von den Marx Brothers, „Harold and Maude” war ein Knüller, die „Rocky Horror Picture Show” war dauernd voll. „Casablanca“ war bis dahin nur in einer verstümmelten Version zu sehen, die Szene mit den Nazis war rausgeschnitten, die deutsche Synchronisation machte einen Spionagefilm daraus. Fellini wurde entdeckt, die Neue Deutsche Welle lief an. Fassbinder, Herzog, Wenders… herrliche Zeiten!

Und wie war die Akzeptanz?
Von Anfang an hoch. Der Durchbruch kam im Winter 72/73. An ein paar Tagen zeigte ich Bertoluccis „Der letzte Tango in Paris“, ein höchst erotischer, glänzend gemachter Film. Und damit war ich zwei Monate lang ausverkauft. Der Film war skandalumwittert wie seinerzeit „Das Schweigen“. Die Konkurrenz bot mir sehr viel Geld, wenn ich aus Vertrag mit dem Verleih aussteige. Die Eintrittspreise betrugen damals drei bis vier Mark. Der Verleih riet mir, sieben Mark zu verlangen, ein Wahnsinn, in einem Regensburger Kino einen derartigen Preis nehmen zu wollen. Doch dann kamen Leute, die unbedingt rein wollten und zehn Mark für einen Stehplatz boten. Das muss man sich mal vorstellen: Marlon Brando in einem Film der Kinogeschichte schrieb. Und dann setzte die Woody-Allen-Welle ein …

rinnern Sie sich an Filmskandale?
Achternbusch wäre da zu nennen. „Das Gespenst“: Achternbusch als Jesus – ganz aus seiner Sicht natürlich. Zu den Vorführungen standen Gebetswachen mit Transparenten vor dem Kino. „Maria und Josef“ von Godard war auch ein Aufreger. Doch „Die letzte Versuchung Christi“ von Martin Scorsese, das war Riesenskandal, es wurde sogar versucht das Kino in Brand zu stecken. Heute sind derartige Aufregungen nicht mehr denkbar. Was ich selbst nicht als Kinobesitzer miterlebt habe, war 1963 der Rummel um Bergmanns „Schweigen“. An offiziellen Stellen, in Banken und dergleichen, waren Handzettel für die „Aktion saubere Leinwand“ ausgelegt. Kleinere Skandalfilme, etwa von John Waters, wo Sodomie thematisiert wurde oder Warhol-Filme, in den 70er und frühen 80er liefen auch im Ostentor, aber fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es gibt eben Leute, die können es nicht verputzen, wenn ihr Weltbild angekratzt wird.

Welche Filme liefen und laufen am besten?
Literaturverfilmungen. „Die Blechtrommel“ zum Beispiel. Und die frühen und komischen Woody-Allen-Filme liefen bei mir wie in Mainstream-Kinos die Bond-Filme. Das war praktisch: die Allen-Filme wie „Die letzte Nacht des Boris Gruschenko“ oder „Der Stadtneurotiker“, dauerten gerade mal 80 Minuten, die konnte ich bequem im Zweistundentakt zeigen. Ein Kassenmagnet waren auch die Fellini-Filme. Oder „Easy Rider“: ein Garant für ein volles Haus. Den konnte ich immer auf den Spielplan setzen, selbst bei 30 Grad im Schatten war das Kino voll. Die „Rocky Horror Picture Show“ oder „Harold und Maude“ und waren natürlich auch absolute Renner.

Bei soviel Erfolg blieb es nicht bei einem Kinosaal. Zum Ostentor kamen weitere Kinos.
Das erste Kino, das dazukam, war kurzzeitig mit einem Partner das „Regina“. Mit dem selben Partner führte ich auch das „Gloria“, das heute als Club firmiert, das „Scala“ und natürlich das „Astoria“, Regensburgs ältestes Kino, das heute „Garbo“ heißt. Mein jüngstes Kino ist das Turmtheater, das ich 1998 als Spielstätte einrichtete. Vorher war dort ein Privattheater. Es verfügt über 82 Plätze, ist gut eingeführt und von der Lage her eine ideale Ergänzung zu den Kinos an den Rändern der Altstadt. Mit ihm führte ich die Bezeichnung Altstadtkinos ein.

 Und wann kam das Open Air-Kino dazu?
Damit starteten wir 1998 auf Schloss Prüfening. Nach Querelen mit einem Anwohner wegen angeblicher Lärmbelästigung hatten wir ein Gelände am Osthafen bespielt, dann machten wir den Versuch stadtnäher im Gewerbepark und seit 2007 sind wir auf Pürklgut. Dieses Jahr ab 27. Mai.

Worin liegt heute der Reiz am Kino, bei all dem DVD- und Heimkino-Hype?
Ein so großes Wohnzimmer wie einen Kinosaal hat niemand. Auch hat niemand annähernd so eine große Leinwand. Außerdem herrscht im Kino eine ganz andere Konzentration. Von daher ist Kino immer noch ein Erlebnis. Und auch wenn in immer kürzeren Abständen Filme auf DVD heraus kommen - neue Filme laufen nur im Kino an!

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Filme aus, die Sie zeigen?
Heute muss man sich stark danach richten was das Publikum sehen will. Die Leute sind nicht mehr so neugierig wie früher. Marketing und Markenbildung ist heute ein wichtiger Aspekt. Ein Film, von dem nicht die ganze Welt spricht, tut sich schwer. Die kleinen Filmverleihe können sich keine teure Werbetrommel leisten und werden daher wenig beachtet. Man will schon gar nicht mehr die Top 10 sehen, die Top 5 sind angesagt. Schauen Sie, in einen Millionenseller wie James Bond laufen die Leute blind. Bond ist so ein Markenzeichen, da will jeder rein. Wenn Sie aber im Büro sagen: „Ich habe mir den Film ‚Die Band nebenan’ angesehen“, dann ernten Sie ungläubige Blicke. Interessiert nicht, was da im Grenzland von Israel passiert, langweilig! „Herr der Ringe“, hingegen, darüber wird geredet.

Aber der Besuch eines anspruchsvolles Kinofilms ist doch durchaus ein Image-Faktor.
Nein, prestigeträchtig ist das Theater. Kino hat nach wie vor den Ruf, nur Unterhaltung zu sein. Das Kino kommt vom Jahrmarkt, im Gegensatz zum Theater. In Jahrmarktbuden wurden die ersten Filme gezeigt, auf dem Rummel. Kino als Institution kam erst später. Die ersten Publikumsfilme dauerten an die zehn Minuten. Einer der ersten Filme zeigte einen fahrender Zug, die Leute in den ersten Reihen sprangen auf, so sensationell wurde das empfunden. In Zelten neben der „Dame ohne Unterleib“ und neben dem „Flohzirkus“ zeigte man Filme als Kirmes-Attraktion. Dass das Kino Geschichten erzählt, das setzte sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch, davor war Kino Spektakel, Sensation.

Und wie beurteilen Sie die Zukunft des Kinos? Immer mehr Mainstream, wieder mehr Spektakel?
Ich denke, es wird immer gute Geschichten und gute Geschichtenerzähler geben. Und ebenso Leute, die gerne zuhören und eine gute Geschichte zu schätzen wissen. Von daher glaube ich an ein gutes Kinoprogramm - an das Programmkino.

 

1.05.08 - online redaktion

 
 
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